Der betagte Vater ist draussen, als ihn die Tochter auf dem Handy anruft. «Ich verstehe dich schlecht», sagt er. Statt ihm zu erklären, wie er auf seinem Gerät die Lautstärke erhöhen kann, loggt sie sich selber über ihren Laptop in Vaters Handy ein und stellt es lauter. Bei dieser Gelegenheit speichert sie auch gleich ihre neue Büronummer in seinen Kontakten und richtet ihm ein Enkelfoto als Bildschirmhintergrund ein.

Möglich ist dieser Fernzugriff beim neusten Smartphone des schwedischen Seniorenhandy-Herstellers Doro. Swisscom pries das Doro 8040 in einer Pressemitteilung vom vergangenen Herbst als erstes Smartphone mit eingebautem Zugriff für die Familie an. Was unterscheidet es sonst noch von herkömmlichen Mobiltelefonen? Die Knöpfe sind etwas grösser als üblich. Am auffälligsten ist derjenige auf der Gehäuserückseite, mit welchem im Notfall Anrufe an programmierte Nummern ausgelöst werden können. Und auf dem Startsymbol sind nur sieben Symbole zu finden. «Anrufen», «Anzeigen», «Senden» heisst es unter den drei grössten – damit sollen sich auch Menschen zurechtfinden, die noch kaum Erfahrung mit Smartphones haben.

Auf den ersten Blick sind Senioren eine riesige Konsumentengruppe und damit ein attraktiver Markt. Das Problem: Den Senior gibt es nicht. Der Neunzigjährige im Betagtenheim möchte vielleicht gar kein Handy besitzen. Die sportliche Siebzigjährige hat ein gewöhnliches Smartphone und keinen Bedarf nach einem Alarmknopf. Und der Achtzigjährige hat zwar Mühe mit den Augen, stellt aber lieber auf dem iPhone die Schrift grösser ein, als sich ein Gerät zuzulegen, das sich an Debile richte, wie er sagt.

Peter Burri Follath, Kommunikationsleiter bei Pro Senectute, hält es aus Sicht älterer Menschen deshalb für wünschenswert, dass elektronische Geräte einfach zu bedienen sind – in diese Richtung gehe die Entwicklung aber ohnehin. Hinzu komme, dass zahlreiche Unternehmen inzwischen nicht nur Geräte verkaufen, sondern auch Schulungen zum Umgang damit anbieten. Das sei für viele ältere Menschen attraktiver als spezielle Seniorenhandys.

Tatsächlich lassen sich viele der typischen Merkmale eines Seniorenhandys auch auf anderen Smartphones finden. So können Notruffunktionen eingerichtet werden, die sich ohne Ausschalten der Bildschirmsperre auslösen lassen. Die Software TeamViewer für den Fernzugriff durch Angehörige, die auf dem Doro-Handy vorinstalliert ist, kann mit wenigen Klicks kostenlos auch auf jedes andere Smartphone heruntergeladen werden. Und wer Mühe hat, sich mit den Apps seines Telefons zurechtzufinden, kann auf vielen Modellen auf einen «einfachen Modus» umschalten. Burri von Pro Senectute vermutet ohnehin, dass eine Reduktion der Funktionen, wie sie beispielsweise das Doro-Smartphone hat, oft unerwünscht sei. «Eine Einschränkung hat etwas Bevormundendes. Senioren sprechen besser auf intuitive Benutzerführung an», sagt er. Die sogenannten Seniorenhandys sieht er deshalb als Nischenprodukte für eine kleine Teilgruppe betagter Menschen: Diejenigen, die motorisch oder sensorisch stark beeinträchtigt sind.

Wer sich für das Doro-Smartphone entscheidet, muss sich bewusst sein, dass der Fernzugriff auf das Mobiltelefon einen massiven Eingriff in die Privatsphäre bedeutet. Ist die Person, die das Smartphone besitzt, bereit, so viel Einblick in ihr Leben zu gewähren? Eine Frage, die sich auch bei diversen anderen Technologien stellt, welche Senioren mehr Komfort und Sicherheit versprechen. Bereits sind Überwachungssysteme auf dem Markt, die registrieren, in welchen Zimmern eines Hauses sich jemand bewegt. Sie sollen in einem Notfall – wenn über ungewöhnlich lange Zeit keine Aktivität mehr herrscht – Hilfe herbeirufen.

Der TV stellt von selber leiser

Mit derartigen Systemen setzt sich Ingenieur Rolf Kistler mit seiner Forschungsgruppe «Ambient Assisted Living» («umgebungsgestütztes Wohnen») an der Hochschule Luzern auseinander. Er stösst zuweilen auf Vorbehalte gegenüber Überwachungssystemen, stellt aber fest: «Die Einstellung gegenüber einem Sicherheitssystem kann sich ändern, wenn ein Mensch ein erstes Mal gestürzt ist.» Wenn ein solches System einem Menschen ermögliche, länger zu Hause wohnen zu bleiben, würden manche sogar Kameraüberwachungen akzeptieren. Jedoch versuche man, diese möglichst zu vermeiden und andere Sensoren zu verwenden. «Wichtig ist, dass die Menschen klar wissen, was ein Gerät kann und welche Daten es sammelt», sagt er. Zudem muss entschieden werden, wer Zugang zu diesen Daten kriegt – das Pflegepersonal oder die Angehörigen.

Im Bereich Smart Home für ältere Menschen tut sich laut Kistler einiges. Inzwischen sind nicht mehr nur Fernseher, sondern auch Waschmaschinen und Kochherde der neusten Generation mit Bluetooth-Schnittstellen ausgestattet. Das bluetoothfähige Hörgerät, welches das Schweizer Unternehmen Phonak vor einem Jahr präsentiert hat, kann also direkt mit dem TV oder dem Smartphone gekoppelt werden. Und damit die Grossmutter trotz «Tagesschau» im Ohr den Küchenwecker hört, reduziert das Fernsehgerät automatisch die Lautstärke, sobald es klingelt.

Gefragt ist modernes Design

Die für das Smart Home notwendigen Technologien richten sich aber nicht nur an Senioren. Auch bei jüngeren Menschen ist es sinnvoll, wenn ein Sensor den Herd ausschaltet, sobald die Pfanne von der Kochplatte genommen wird. Lampen, die nachts automatisch angehen, sobald jemand aus dem Bett steigt, können bei älteren Menschen gefährliche Stürze verhindern. Und das Sensorsystem in der Seniorenwohnung, das Hilfe ruft, wenn der Bewohner oder die Bewohnerin nicht mehr aufstehen kann, ist nichts anderes als eine umgepolte Alarmanlage: Sie reagiert nicht auf Aktivität, sondern auf deren Ausbleiben. Potenzial für eine auf Betagte angepasste Nutzung bieten auch smarte Lautsprecher mit digitalen Assistenten, wie sie derzeit von Amazon und Google angepriesen werden. Sie können einfache Antworten geben, wenn sie beispielsweise mit «Guten Morgen» angesprochen werden. In Tests seien derartigen Assistenten von Senioren gut aufgenommen worden, sagt Rolf Kistler. Sie seien aber kein Ersatz für Gespräche mit Menschen. Die Umnutzung von Technologien, die auch ausserhalb des Seniorenmarkts zum Einsatz kommen, hat einen entscheidenden Vorteil: Die Kosten können dank grosser Produktionsvolumen tief gehalten werden. Auch bei der Gestaltung bietet es sich an, Entwicklungen von anderen Märkten für Senioren zu übernehmen. Denn gefragt ist auch bei älteren Menschen modernes Design statt klobiger Geräte, die den Nutzer schon von Weitem als «alt» kennzeichnen. Das haben die meisten Hersteller inzwischen begriffen. So unterscheiden sich die Senioren-Smartphones von Doro auf den ersten Blick kaum von denjenigen, die auf eine jüngere Käuferschaft abzielen.

Auch diese Entwicklung trägt dazu bei, dass die Digitalisierung der Senioren vorangeht. Laut einer Studie der Fachhochschule St. Gallen nutzten im vergangenen Jahr 68 Prozent der über 65-Jährigen Informationen aus dem Internet. Zwei Jahre zuvor hatte die Universität Zürich in derselben Altersgruppe erst 56 Prozent Internetnutzer ausgemacht. «Offline-Senioren verlieren den Anschluss an Gesellschaft», hatte Pro Senectute Schweiz damals in einer Medienmitteilung geschrieben. Während Offliner, laut der Studie, zunehmend von Informationen und Dienstleistungen abgeschnitten wurden, fühlten sich Onliner sozial integrierter und hatten den Eindruck, dank Internet länger selbstständig leben zu können.

Aus Sicht von Pro Senectute ist die zunehmende Digitalisierung der Senioren also erfreulich. Auch Betagte kriegen von den Enkeln keine Feriengrüsse per Postkarte mehr, sondern Selfies per Whatsapp. Ihre Rechnung können sie mit E-Banking zahlen, statt mit Bargeld in der Handtasche durch die Stadt zu gehen. Ihre Einkäufe müssen sie nicht nach Hause schleppen, sondern können sie in der App tätigen und an die Wohnungstür liefern lassen. In den meisten Fällen benötigen sie dazu nicht ein spezielles Seniorenhandy. Und falls sie mit dem herkömmlichen Smartphone doch mal überfordert sind und sich der Support statt aus der Ferne nur mit Besuch vor Ort machen lässt, trägt das Gerät erst recht zur sozialen Integration bei. Denn den direkten Kontakt zu Menschen kann auch die modernste Elektronik nicht ersetzen.