Noch keine Woche ist vergangen, seit sich mehrere Dutzend Journalisten von «Berner Zeitung» und «Bund» vor dem Verlagsgebäude in Bern zum Risotto-Plausch trafen. «Vielfalt statt Einheitsbrei bei Tamedia» lautete ihr Motto. Das Essen schmeckte trotz spürbar vorhandener Verunsicherung.

Seit gestern freilich ist es mit guter Laune endgültig vorbei am Berner Sitzdes Zürcher Konzerns. «Manche juckt es in den Fingern: ‹Wieso keine leere Zeitung morgen?›», schreiben Mitarbeiter am Mittag auf dem eigens ins Leben gerufenen anonymen Twitter-Account «Inside Tamedia». Stunden später, die Konzernleitung hat inzwischen ausführlich über die Reorganisation informiert, sagt ein Journalist des «Bundes» zur «Nordwestschweiz»: «Die Stimmung auf unserer Redaktion ist miserabel. Wir alle sind überzeugt, dass 2018 eine Entlassungswelle ansteht und Tamedia spätestens 2020 oder 2021 eine der zwei Berner Tageszeitungen schliesst.»

Was ist geschehen? Am Nachmittag orientiert die Konzernspitze die Mitarbeiter über eine Zentralisierung, die es in sich hat: Ab Januar übernehmen zwei «Kompetenzzentren» von den dreiStandorten Bern, Lausanne und Zürich aus die gesamte Mantelberichterstattung für die zwölf bezahlten Tageszeitungen und zwei Sonntagszeitungen von Tamedia in der Deutsch- und Westschweiz. Sprich: Alle Inland-, Ausland-, Wirtschaft- und Sportartikel kommen dann also aus einer Hand.

«Roter Teppich fürs Sparen»

Grund für die Neuorganisation sei der starke Rückgang der Werbeumsätze, sagt Sprecher Christoph Zimmer. «Die neue Organisation soll uns ermöglichen, trotz sinkender Inserateeinnahmen in die digitale Publizistik zu investieren.» Mit dieser Reorganisation spare Tamedia direkt kein Geld. Und: «Es gibt auch kein direktes Sparziel, weder in Franken noch mit Blick auf die Anzahl der Mitarbeitenden.»

In den betroffenen Redaktionen freilich glaubt das kaum jemand. Das Personal gehe davon aus, dass mit der Reorganisation der Teppich für spätereSparmassnahmen ausgerollt werde, sagt Jürg Steiner, Präsident der Personalkommission der «BZ». Skeptisch sind auch die Gewerkschaften Impressum und Syndicom. Sie befürchten einen schleichenden Stellenabbau und den Verlust der Medienvielfalt. Und der Journalist des «Bundes», der aus Angst vor Retorsionsmassnahmen nur anonym Auskunft gibt, ergänzt: «Es scheint die Strategie von Tamedia zu sein, den Abbau scheibchenweise zu verkünden: Die Konzernspitze hofft wohl, die Leserschaft merke dann nicht, dass ihr Einheitsbrei präsentiert wird.»

Die Chefredaktoren von «BZ» und «Bund» widersprechen. «Die beiden Zeitungen werden sich auch künftig unterscheiden: Wir werden eine ausführlichere Lokal- und Sportberichterstattung haben, unsere Konkurrenz einen umfangreicheren Mantel», sagt «BZ»-Chef Peter Jost. «In der Mantelberichterstattung verlieren wir zugegebenermassen an Autonomie, doch auf lokaler und regionaler Ebene werden wir das kompensieren.» «Bund»-Chefredakor Patrick Feuz ergänzt: «Es ist das erklärte Ziel und Versprechen von Tamedia, dass in Bern der publizistische Wettbewerb im regionalen Bereich weiterhin spielt.»

Lohnt sich Aboverlängerung?

Die beiden Blätter müssten deshalb in Zukunft noch stärker als bisher ihre jeweiligen Trümpfe im regionalen Bereich ausspielen und noch konsequenter unterschiedliche Milieus bedienen. Das sieht Konkurrent Jost ähnlich: «Die ‹BZ› wirft eine Pendler- und Agglosicht auf die Stadt Bern, der ‹Bund› ist urbaner. Das soll so bleiben.»

Berner Politiker machen sich dennoch Sorgen um den Medienstandort. Seit Jahrzehnten habe sie sowohl «Bund» als auch «BZ» abonniert, sagt Grünen-Präsidentin Regula Rytz. Ob sich das in Zukunft noch lohne, sei ungewiss. «Wenn alle die gleichen Geschichten bringen, wird es zum Einheitsbrei.»

Bange zumute ist auch Stadtpräsident Alec von Graffenried: «Mit zwei Tageszeitungen sind wir noch besser bedient als beispielsweise Luzern und St. Gallen», sagt er und hofft: «Wenn Tamedia-Verleger Pietro Supino den ‹Bund› schliessen wollte, hätte er dies schon lange tun können.» Gleichwohl bleibe die Zukunft höchst ungewiss. Mit der nationalen Mantelredaktion drohe ein Verlust an Meinungsvielfalt.

Lesen Sie dazu den Kommentar:

Tamedia rührt den grossen Einheitsbrei an