Schlaftrunken tappt er Richtung Toilette. Wenn er schon wach ist, kann er auch kurz die Mails abrufen. Das Display leuchtet in der Dunkelheit, seine müden Augen muss er zusammen kneifen. Es ist ja auch drei Uhr nachts.

Ein anderes Beispiel: Ungeduldig sitzt sie auf dem Stuhl, sie möchte heim zu den Kindern. Aber noch hat niemand das Büro verlassen. Sie kann nicht gehen. Das mache ihr richtig Bauchweh, erzählt sie beschämt.

Arbeit ist zum Thema der Stunde geworden. Noch nie haben wir so viel darüber gesprochen. Arbeitslosigkeit ist trotz guten Bedingungen eine der drei konstanten Sorgen der Schweizer. Seit zwei Wochen stehen insbesondere die Schwierigkeiten der älteren Arbeitslosen im Fokus.

Am Montag ist der 1. Mai, dann hören wir wieder die bekannten Parolen: Mehr Lohn, kürzere Arbeitszeiten, keine Erhöhung des Rentenalters. Sind das wirklich die wichtigen Faktoren, die unser Arbeitsleben verbessern, den täglichen Stress-Level senken, die Burnout-Raten minimieren? Müssen wir das nicht anders angehen, um zufrieden zu sein und gesund zu bleiben? Um glücklich zu sein, zählen nicht unbedingt harten Fakten.

Eine aktuelle Studie von der «London School of Economic» versucht aufzuzeigen, was bei der Arbeit tatsächlich glücklich macht. Das Forscherteam hat Umfragen unter mehr als 20 000 Menschen in Europa ausgewertet und die Ergebnisse jetzt veröffentlicht. Lange Zeit war die Antwort, was eine glückliche Arbeit ausmacht, simpel: ein guter Job heisst gut verdienen. Selbstverständlich ist der Lohn nicht unwichtig, doch er steht weiter hinten, sagen die Autoren.

Bitte einmal wertschätzen

Durch die Londoner Studie wird klar, es gab eine Veränderung. Nun zählen die «weichen» Punkte. Auch wenn der Begriff unschön ist, «Work-Life-Balance» steht heute bei den meisten ganz oben. Die Ausgewogenheit beeinflusst das subjektive Glücksempfinden am meisten. Es kommt nicht auf die Anzahl Stunden an, die wir ackern. Die Arbeitszeit ist kaum entscheidend für die Zufriedenheit. Unser Job soll sinnvoll sein. Es ist uns wichtig, dass unsere Arbeit wertgeschätzt wird. Die Möglichkeit mitzubestimmen, sich zu entwickeln, aufzusteigen. Das Arbeitsklima im Büro und Abwechslung. Wir wollen Spielraum, selbst entscheiden, wann wir Pausen machen.

Auch der Psychologe Andreas Krause von der Fachhochschule Nordwestschweiz bestätigt das: «Wir sind zufrieden, wenn wir Erfolgserlebnisse haben und in eine Art ‹Flow› geraten – das heisst, dass wir in unserer Arbeit aufgehen. Und das können wir auf der Arbeit mehr als in der Freizeit.»

Ein weiteres wichtiges Ergebnis der Studie: Wir empfinden es als Glück Arbeit zu haben. So oft der Job nervt, keine Arbeit macht viel unglücklicher. Es fehlt Struktur, man fühlt sich ausgeschlossen, hat ein verringertes Selbstwertgefühl.

Stress, Druck, Burnout

In der Realität scheint die Work-Life-Balance nicht so gut zu funktionieren. Seit Jahren hören wir schockierende Zahlen. Die psychische Belastung wird immer grösser, der Druck stärker und am Arbeitsplatz werden wir mit Burnout-Fällen konfrontiert. Arbeiter klagen über zu hohes Arbeitstempo, Termindruck, zu viel gleichzeitig und zu wenig Mitbestimmung.

«Es gibt eine enorme Zunahme an Stress und Langzeitkranken, bei jedem zweiten ist der Grund psychisch», sagt Dieter Kissling. Der Arzt leitet das Institut für Arbeitsmedizin mit Sitz in Baden, er ist einer der renommiertesten Experten für Gesundheit in Unternehmen der Schweiz. Mit seinem Team hat er 2000 Schweizer Managern auf Stressfolgen untersucht. Das Ergebnis: Ein Drittel zeigte Schwächen, jeder Zehnte schwere Schwächen wie Burnout.

Doch es geht nicht nur um Führungspositionen, der Druck hat sich in der gesamten Gesellschaft eingefressen. Wie kann das sein?

Noch nie waren junge Menschen in der Berufswahl so frei, so selbstständig, hatten so viel Flexibilität. Andreas Krause beurteilt diese Entwicklung als höchst ambivalent: «Mehr Freiheit heisst nicht mehr Glück.» Wir lebten in einer Multioptionsgesellschaft und diese Freiheiten könnten überfordern und Druck machen.

Und diesen Druck machen wir uns selber. Früher beklagte man die Ausbeutung durch Kapitalisten, heute müsste man eher von einer freiwilligen Selbstausbeutung sprechen. Angestellte arbeiten aus Ehrgeiz und Übermotivation mehr und mehr. Laut Krause ist das ein neues Phänomen. Er nennt es «Interessierte Selbstgefährdung» oder «Freiwillige Selbstausbeutung». Das hängte mit der heutigen Organisation der Unternehmen zusammen: Die typischen Hierarchien fallen weg, die Mitarbeiter werden vermehrt indirekt gesteuert, bekommen mehr Autonomie, arbeiten selbstständiger.

Das ist gut und bringt viele Vorurteile – gerade für die Vereinbarkeit von Job und Familie. Aber Krause möchte auch auf die Risiken dieser neu gewonnen Freiheiten aufmerksam machen: Der Arbeitnehmer bekommt mehr Verantwortung, fühlt sich euphorisch, ist energiegeladen. Doch auch der Druck nimmt zu, weil er sich für das Erreichen der Ziele verantwortlich fühlt. «Wir glauben, dass die indirekte Steuerung der Hauptgrund der Gesundheits- und Selbstgefährdung ist.» Menschen orientieren sich am Druck des Marktes und verausgaben sich. Fühlen sich gar schuldig, wenn sie die Arbeit nicht bewältigen.

Der Dozent für Gesundheitsmanagement rät dringend, dass in Firmen darüber gesprochen wird. Schliesslich will man die neugewonnene Selbstständigkeit nicht wieder abgeben. Das wäre ein drastischer Rückschritt. Vielmehr solle man sie akzeptieren und ehrlich zu sich selbst sein: Mitgestalten, Grenzen setzen, auf sich achten.

Die Experten warnen vor der steten Produktivitätssteigerung. Zwar arbeiten wir heute nicht mehr so viele Stunden wie früher – Anfang 19. Jahrhundert waren es über 80 Stunden – doch heute wird in weniger Stunden mehr gearbeitet. Das nennt man Arbeitsverdichtung. Die Produktivität wird ständig optimiert. Kissling bringt den Begriff «Compressed Work» ein. Mehr Stunden in weniger Tagen – etwa nur vier Tage arbeiten, dafür jeweils zehn Stunden. Einige Grosskonzerne der Schweiz denken darüber nach. Kissling ist besorgt darüber.

Klar, ich bin erreichbar

Ein weiterer Punkt der Selbstgefährdung ist die ständige Erreichbarkeit. Früher etwa hat der Grossvater selbstständig gearbeitet und wenn es dunkel wurde, war die Arbeit zu Ende. Heute werden Arbeit und Freizeit vermischt und genau darin liegt das Problem. Die ständige Erreichbarkeit – auch vor und nach dem Feierabend – kann uns krank machen.

Da ist gemäss Krause und Kissling eine der grössten Herausforderungen der nächsten Jahre. Wir haben das Büro im Hosensack – und sogar um drei Uhr nachts auf der Toilette. Deshalb müssen wir uns fragen, wie wir die technischen Möglichkeiten so nutzen, dass sie uns nicht schaden. Ist das die Verantwortung der Unternehmen oder eines jeden einzelnen? Es gibt Bestrebungen von Firmen, dass man nach einer gewissen Uhrzeit keine Mails mehr verschicken kann.

Krause, der sich intensiv mit dieser Thematik beschäftigt, ist gegen pauschale Regeln. Vielmehr sollten Teams Abmachungen treffen, wie man die Arbeit gestalten will. Seine Zauberworte: Zeitsouveränität, Eigenverantwortung und Selbstmanagement. Statt die Arbeitnehmer zu bevormunden, solle man sie befähigen, selbst entscheiden zu können.

In jedem Einzelnen solle das Bewusstsein geweckt werden, dass er nicht über seine Belastungsgrenze gehen sollte. Und der Arbeitgeber sollte unterstützen und kontrollieren – nur schon aus ökonomischer Sicht. «Einen Burnout-Fall kann ich mir nicht leisten. Ich will einen Marathonläufer, keinen Sprinter, der nach fünf Jahren krank ist» sagt Kissling. Grossunternehwürden zu wenig nachhaltig denken. Es gehe nur um Gewinn, doch auf längere Sicht, fallen durch Stress und krankheitsbedingte Ausfälle Kosten in Milliarden Höhe an.

Stress ist in

Die Krux an der Sache: Wir sind es, die ständig erreichbar sein wollen und uns selbst unter Druck setzen. Der Arbeitgeber erwartet das gar nicht von uns, erklären die Arbeitsmediziner. Eine Umfrage von Kuoni zeigt das: Fast die Hälfte der Schweizer während der Ferien arbeitet. Drei Viertel der Befragten lesen und schreiben E-Mails, doch nur von einem Viertel wird es erwartet. Die neue Arbeitseinstellung führt dazu, dass wir das Gefühl haben, ständig «on» sein zu müssen. Auf der einen Seite lauert die Konkurrenz, auf der anderen Seite machen es die Mitarbeiter auch so.

Wir schauen voller Bewusstsein zu, wie unsere Arbeitsmoral unsere Gesundheit gefährdet – und dies aus Interesse am beruflichen Erfolg. Wie sich das äussert? Krank zur Arbeit, am Wochenende und in den Ferien arbeiten, mehr als 10 Stunden. Das kommt sicher einigen bekannt vor (siehe Checkliste). Manchmal hat man das Gefühl, Stress sei in. Jeder hat ihn – egal aus welcher Branche – und vor allem spricht jeder darüber. Dass es gerade ruhig ist und man mit allem gut hinterherkommt, traut sich niemand zu sagen. Es könnte einem ja als unzureichender Arbeitseifer ausgelegt werden.

Die Experten sehen diesen hohen Leistungsdruck und das ständige Beweisen sehr problematisch. Insbesondere junge Arbeitnehmer haben eine hohe Stressbelastung und mehr krankheitsbedingte Leistungseinbussen. «Diese Stress-Generation macht mir Angst», sagt Kissling.

Wenn wir wirklich ehrlich mit uns sind, verlangt wohl niemand um 3 Uhr in der Früh, dass wir auf dem WC Mails checken – und auch niemand, dass wir am Bürostuhl kleben. Denn, wer geht dann als erstes nach Hause?