Suizid durch Erhängen ist kein besonders schöner Tod. Das weiss auch der Belgier Franz Van Den Bleeken. Nach dreissig Jahren Haft hat sich der verurteilte Vergewaltiger und Mörder das Recht erstritten, würdevoll zu sterben, weil er die Umstände nicht mehr ertrage.

Nach dem Gerichtsurteil ziehen nun 15 weitere Inhaftierte nach, berichtet die belgische Zeitung «De Standaard». Grundsätzlich darf jeder, der volljährig, handlungsfähig und sich in einer aussichtslosen Lage befindet – dazu gehören unerträgliche körperliche oder psychische Leiden oder eine aussichtslose Diagnose – um die in Belgien erlaubte aktive Sterbehilfe bitten. Vorgeschriebene Wartezeiten zwischen Antrag und Leistung, medizinische Beratung und das Gutachten eines unabhängigen Zweitarztes sollen Missbrauch vorbeugen.

In der Schweiz hat bisher noch kein Häftling den Wunsch nach Sterbehilfe geäussert. Bernhard Sutter, Vizepräsident der Sterbehilfeorganisation Exit, erklärt: «Sterbehilfe ist primär eine Frage des Alters. Das durchschnittliche Sterbealter bei Exit-Begleitungen liegt bei 77 Jahren. Es gibt nur sehr wenige Menschen in diesem Alter, die sich noch im Justizvollzug befinden.»

Nicht in der Schweiz

Wäre eine Schweizer Justizvollzugsanstalt mit einem ähnlichen Präzedenzfall beschäftigt, käme begleitete Sterbehilfe, so Peter Schaber, Ordinarius für Ethik am Philosophischen Seminar der Universität Zürich, nicht infrage.

In Belgien werde Sterbehilfe staatlich geregelt. In der Schweiz hingegen wird die Beihilfe zum Suizid über private Organisationen wie Exit und Dignitas in Anspruch genommen. «Und die würden sich eines solchen Falles vermutlich nicht annehmen», mutmasst Professor Schaber. Die Organisationen seien nicht verpflichtet, Zugang zum tödlich wirkenden Mittel Natrium-Pentobarbital zu ermöglichen.

«Es gibt zudem einen Unterschied zwischen Menschen in Freiheit, die eine Sterbehilfeorganisation privat kontaktieren, und Häftlingen, welche eine Strafe absitzen müssen.» Laut Schaber ist der Wunsch eines Menschen, der eine Strafe zu verbüssen hat, anders zu beurteilen als bei einem Menschen in Freiheit. «Ein Häftling würde sich seiner Strafe entziehen.» Das sei aus Gründen der Gerechtigkeit problematisch. «Eine Ausnahme wäre aus humanitären Gesichtspunkten eventuell bei einem Langzeithäftling mit einer schweren, tödlich verlaufenden Krankheit möglich», ergänzt Schaber.

Suizide im Gefängnis

Auch wenn die Gewährung von Sterbehilfe für Häftlinge aus ethischer Sicht im Moment noch unwahrscheinlich ist, so ist doch der Wunsch einiger Insassen zu sterben Realität. In der gesamten Schweiz bewegt sich die Anzahl Suizide in Strafanstalten konstant zwischen fünf und zehn Fällen pro Jahr.

Ein angetrunkener 40-jähriger Schweizer wurde vor wenigen Wochen nach einem verschuldeten Autounfall erhängt aufgefunden, ein Untersuchungshäftling erstickte sich in seiner Zelle selbst. Zwei Fälle, in denen Herr Schaber vermutlich keine Ausnahme von der Gewährung der Sterbehilfe machen würde.

Ludwig A. Minelli, Gründer des Vereins Dignitas, gibt einen möglichen Erklärungsversuch. Bereits vor Jahrzehnten führte er drei sogenannte Normenkontrollbeschwerde-Verfahren bis zum Bundesgericht, auch bekannt als die «Minelli I», «Minelli II» und «Minelli III»-Urteile und focht damit unmenschliche Vorschriften in kantonal-zürcherischen Gefängnisverordnungen als menschenrechtswidrig an.

«Nach meiner Auffassung ist es eine ganz wesentliche Aufgabe eines Staates, der sich als Rechtsstaat versteht, die Bedingungen für Gefangene so zu gestalten, dass das Leben als Gefangener noch ausreichend Lebensqualität aufweist», so Minelli. Zum Fall Van der Bleeken sagt er: «Hier geht es um einen Gefangenen, der nicht damit rechnen kann, jemals wieder auf freien Fuss gesetzt zu werden. Das ist eine ganz besonders schwierige Problematik.»

Grundsätzlich gelte in der Schweiz das Selbstbestimmungsrecht auch für Menschen, die von Staats wegen nicht frei über ihren Aufenthaltsort entscheiden können. «Demnach ist es Aufgabe des Staates, der für sich reklamiert, ihm obliege eine Pflicht, für den Schutz von Leben zu sorgen, auch dafür besorgt zu sein, dass er unfreiwillige Aufenthalte in Anstalten jedweder Art dermassen gestaltet, dass möglichst wenige Menschen dort das subjektive Empfinden plagt, ihr Leben sei nicht mehr lebenswert», so Minelli weiter.

Psychisch Labile unterstützen

Laut Josef Sachs, leitender Arzt Forensische Psychiatrie Aargau, ist die Suizidalität bei Inhaftierten mindestens viermal höher als bei Nichtinhaftierten. Die Rate sei dennoch nicht alarmierend, weil sich unter den Häftlingen zunehmend Menschen mit psychischen Problemen befänden, die bereits vor der Inhaftierung suizidgefährdet waren. Die Gefahr eines Suizids sei kurz nach der Verhaftung am höchsten und nehme danach wieder ab. Erst bei einer langen Haftstrafe und vor allem in Zusammenhang mit Gewalt- und Tötungsdelikten nehme die Gefährdung aufgrund der Ausweglosigkeit und der Schamgefühle wieder zu. Die Haftbedingungen spielen eine eher sekundäre Rolle.

Beihilfe zum Suizid mag für Häftlinge in der Schweiz nicht infrage kommen, umso dringender ist die Frage nach geeigneten Massnahmen, um psychisch labile Inhaftierte zu unterstützen. Die Kantonspolizei Zürich schult das Personal bereits intensiv, um Hinweise auf psychische Belastung frühzeitig zu erkennen und Suizidversuchen präventiv entgegenzuwirken. Nicht in allen Fällen lässt sich allerdings ein Suizid verhindern. Wenn sich ein Häftling das Leben nehmen will, reichen auch ein Hemd und wenige unbeaufsichtigte Minuten.