Heiratsantrag vor Kameras

Sülze zum Salz der Tränen: Wir dachten, die Seuche sei ausgestanden – und jetzt fällt Epiney auf die Knie

Gras ist unschuldig. Und die Botschaft hier auch nicht einsehbar für alle Augen. Aber warum genügen dafür nicht vier Augen..

Gras ist unschuldig. Und die Botschaft hier auch nicht einsehbar für alle Augen. Aber warum genügen dafür nicht vier Augen..

Was für eine Seuche! Öffentlich einem Menschen die Liebe gestehen und vor zigtausend Schockgefrorenen zu fragen: «Willst du meine Frau/mein Mann/usw. werden?» Das ist Gefühlsnötigung unter Komplizenschaft. Das ist nicht Herzdrücken, sondern Herzpressen. Die Angebeteten mögen an Tränen ersticken. Und wer daneben an Brechreiz erstickt, ungefragt, kümmert keinen der Egoisten.

Vor acht Jahren war ein Heiratsantrag am Fernsehen derart peinlich über die Bühne gegangen, dass alle erleichtert geseufzt hatten: «Endlich! Das war echt zu viel des Bleizuckers. Nun sind alle geheilt davon.» Pustekuchen. Am Samstag wiederholte Sven Epiney das ranzige Rührstück. Kippte vor den Kameras seinen Liebsten in einen Glamour-und-Schnulzen-Shredder, aus dem es keine Rettung gibt, als halb ohnmächtig «Ja» zu japsen.

Aber was tun wir, die Rettungslosen am Schirm? Im naiven Glauben, samstagabends vom Familienfernsehen geschützt zu werden? Uns packte die Lust, zur Motorsäge zu greifen. Immerhin bereicherte uns Epiney um eine letzte Enttäuschung: Die Homosexuellen sind endgültig im allgemeinen Gefühlsspiessertum angekommen. Und spätestens jetzt nicht mehr von anderen zu unterscheiden.

Tränen bei "Darf ich bitten?": Sven Epiney macht Heiratsantrag vor laufender Kamera

Tränen bei "Darf ich bitten?": Sven Epiney macht Heiratsantrag vor laufender Kamera

Und plötzlich ging er auf die Knie: Sven Epiney fragte seinen Freund in der Finalshow am Samstagabend, ob Michael Graber mit ihm sein Leben verbringen will.

Nach dem Koma die Ansage

Der Kitsch hat keine sexuelle Präferenz. Vor acht Jahren – am 5. Februar 2011 – war es eine Frau, die am Fernsehen ihrem Liebsten einen Antrag gemacht hatte: Monica Lierhaus, die erste Moderatorin der ARD-«Sportschau». Nach einer unglücklich verlaufenen Hirnoperation und einem fünfmonatigen Koma hatte sie mühsam wieder das Sprechen erlernen müssen.
Davon sichtlich noch gezeichnet machte Lierhaus bei der Verleihung der Goldenen Kamera auf der Bühne ihrem Lebensgefährten Rolf Hellgardt – «meinem Held» – einen Heiratsantrag. Grellhardt fiel aus allen Wolken, rief «Ja! Ja!» und sank auf die Bretter. Man konnte es auch deuten als Wunsch, sich im Boden zu verkriechen.

Monica Lierhaus bedauerte später sehr, nicht im Vertrauten, nicht nur zu zweit die Schicksalsfrage des Paars gestellt zu haben: «Ich bereue es, weil Rolf keine Chance hatte, Nein zu sagen.» Er tat das eine Weile darüber hinaus noch nicht. 2015 trennten sich die beiden.

Dieses Scheitern allein auf die hysterische Romantisierung vor aller Augen zurückzuführen, wäre unzulässige Spekulation. Und wir werden davon auch nicht den Hauch einer Prognose ableiten für Sven Epiney und sein Scheinwerfer-Opfer. Jedes Paar hat seine eigene Geschichte. Aber bereits mit künstlich beschleunigtem Herzschlag so überdreht zu starten, ist zwei Seelen selten bekömmlich.

Die Szene war wirklich unerträglich zwischen Lierhaus und Grellhardt, fast traumatisch. Es zerriss einen vor Mitleid zu eigentlich allen Beteiligten. Gleichzeitig hatte man die Vision einer Via Appia mit allen Gekreuzigten des Fernseh-Zeitalters.

Lidstrich-Kommentar als Labsal

Damit ging das dekadente Entertainment-Rom des letzten Jahrhunderts, Caput Spectaculi, aber nicht unter. Es bildete ungezählte Ableger in aufploppenden Digitalkanälen und -sümpfen. Seither ist jeder selbst der Regisseur einer Telenovela. Seither können wir uns vor öffentlich gemachten Heiratsanträgen auf YouTube, Instagram, Facebook kaum mehr retten. Die Lidstift-Beurteilungen durch 16-jährige Gören sind ein Labsal keuscher Unschuld dagegen, die Zittervideos kompromissloser Blow-Jobs in der SBB 1. Klasse fast schon eine Erholung.

Nichts verursacht so viel Übelkeit wie der Herzschmerz-Mummenschanz öffentlicher Heiratsanträge. Geschmack und Dramaturgie der Inszenierung – «originell» oder «speziell» genannt – sind unterirdisch. Die Nötigung ahnungsloser Wesen ein Drama, ein moderner «Raub der Sabinerin» vor Klatschmeuten und gezückten Handykanonen. In der Rolle des knieenden Ritterclowns ein hartnäckig schein-entflammter, gnadenlos «romantischer» Galan. Heute tanzt er an mit dem Herzballon, morgen setzt es Prügel. Sülze ist die Schwester vom Salz der Tränen.

Jeder Seitenblick heute auf der Strasse auf eine Passantin ist verpönt, Anlass zu reflexartiger Empörung. Der Überfall mit der Emotionen-Faust jedoch, diese intime Herzpenetration eines paralysierten Menschen vor fassungslosen Zeugen, ein Gewaltakt in Form einer Schmonzette, wird eingeschlürft wie Sirup. Im Publikum ist jeder zu feige, die Zumutung zu unterbinden; es wirkt wie ein Volksgericht. «Daumen rauf!» mit begeistert verzerrten Mienen fühlt sich an wie «Daumen runter!» im antiken Kolosseum. Das Urteil der Umstehenden kann den Einzelnen verdammen zum «schönsten Tag im Leben», und diese Unausweichlichkeit wiederum fühlt sich an wie der Weg zum Schafott.

Gratulation allen Wehrhaften

Man muss jeder Frau, jedem Mann, der auf der Freiheit der Herzensentscheidung beharrt, einen Prix Courage umhängen. Auf YouTube ist man dankbar um jede coole Person, die sich mit höflicher Beherrschung eine Deklaration noch anhört, dann aber entschlossen aus der Farce stampft. Ihr kann man nachfühlen.

Zu viel Süssholz verbirgt oft eine asymmetrische emotionale Kriegsführung. Man klebt dem anderen jeden Atemweg zu mit Honig. Wenn sich ein Mensch, den ich liebe und hochachte, ein Mensch, den ich zu kennen glaubte, plötzlich vor aller Augen als Plüschaffe blamiert, dann bricht unter Umständen eine Welt zusammen. Zum Glück gerade noch rechtzeitig.

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