General Guisan hätte das alles gar nicht gefallen. Der hätte nur den Kopf geschüttelt, da ist sich Eduard Brodbeck ziemlich sicher. Der 88-jährige Schaffhauser sitzt auf einem Stuhl in der ehemaligen Arbeitergarderobe eines alten Industriegebäudes in Neuhausen. Draussen stürzt der Rheinfall tosend über die Felsen. Hier unten in den Katakomben, wo einst die Arbeiter der Schweizerischen Industrie-Gesellschaft ein und aus gingen, summen nur ein paar Ventilationsröhren. Guisan blickt streng von der Wand herab, und Brodbeck sagt: «Der würde das Waffengesetz nicht annehmen.» Zu Guisans Zeiten habe es solche Diskussionen nicht gegeben. Die Ordonnanzwaffe, die gehörte ganz einfach zu jedem Haushalt.

Mit Ordonnanzwaffen kennt sich Eduard Brodbeck aus – wohl besser als jeder andere im Land. Er arbeitete von 1957 bis 1996 als Chef der Waffenbauer bei der Schweizerischen Industrie-Gesellschaft. Er war verantwortlich für die Entwicklung des Sturmgewehrs 57 und Mastermind hinter dem Sturmgewehr 90, mit dem Schweizer Soldaten voraussichtlich bis ins Jahr 2050 schiessen werden. Hier in der ehemaligen Arbeitergarderobe hat er mit ein paar Gleichgesinnten ein kleines Museum eingerichtet. 700 Gewehre, Säbel und Pistolen liegen in den Schubladen und hängen fein säuberlich aufgereiht an den Wänden. Brodbeck kennt sie alle und er findet es – mit einem Wort – «schade», wie da auf dem politischen Parkett grad wieder mit der Schweizer Waffentradition umgesprungen wird.

Entwickler des Schweizer Sturmgewehrs: «Man will den Schweizer Bürger entwaffnen»

«Man will den Schweizer Bürger entwaffnen»: Eduard Brodbeck im Video-Interview.

   

Erpressung und Nähmaschinen

Am 19. Mai stimmt die Schweiz darüber ab, ob man hierzulande das Waffengesetz der Europäischen Union übernehmen soll. Tut man das, dann wird es zukünftig schwieriger sein, halbautomatische Waffen wie zum Beispiel ein Sturmgewehr 90 zu kaufen oder zu besitzen. Tut man das nicht, riskiert die Schweiz, aus dem Schengen-Abkommen ausgeschlossen zu werden. Das hätte weitreichende Konsequenzen für den Tourismus (Grenzkontrollen, separate Visa für Einreisende), die Polizeiarbeit (kein Zugang mehr zu den Schengen-Datenbanken) und das Asylwesen (Flüchtlinge könnten nach negativem Entscheid in der EU einen neuen Antrag in der Schweiz stellen). Dafür bliebe punkto Waffen alles beim Alten.

Die Landesregierung empfiehlt das Gesetz mit Verweis auf den drohenden Schengen-Rauswurf zur Annahme. Eduard Brodbeck aber will sich nicht «erpressen» lassen.

Als Schütze war er preisgekrönt, als Sturmgewehr-Chef lag er einst gemeinsam mit dem russischen Waffenentwickler Michail Kalaschnikow im Schiessstand, als Pensionär aber hat Brodbeck keinen Drang mehr, scharf zu schiessen. Der alte Mann hat kein Gewehr und keine Pistole mehr zu Hause und er hat auch keine Lust, rhetorische Salven auf die Befürworter des Waffengesetzes abzufeuern. Zu Schengen sagt er nur: «Unser Bundesrat müsste die Leistungen der Schweiz gegenüber der EU besser verkaufen. Ich glaube nicht, dass die anderen Staaten uns dann noch aus dem Schengen-Verbund werfen würden.»

Zurück zur Schweizer Waffentradition. Brodbeck führt durch die Räume der Waffensammlung. Hunderte Läufe zeigen ins Leere, Prototypen von Sturmgewehren, die nie zum Einsatz kamen, seltene Sonderanfertigungen, historische Karabiner, Panzerschränke voller Säbel. In einem von ihnen hängt auch der Ordonnanzsäbel, den Brodbeck einst als Schulbub für Fr. 1.50 gekauft und eigenhändig restauriert hat. Es war seine erste Waffe.

Als Waffennarr aber sieht er sich nicht. «Ich hätte auch Nähmaschinen entwickelt, wenn sichs ergeben hätte», sagt Brodbeck. Was ihn fasziniert, war immer primär die Technik, das Neue, das Zusammenspiel von feinmechanischer Qualität und Kraft, nie die Gewalt oder gar der Wunsch, eine perfekte Tötungsmaschine zu bauen. Er selber schoss in seiner Zeit als Rekrut noch mit dem schweren MG11; ein ziemlich klobiger Begleiter für die Soldaten im Ernstfall. «Wenn einer an der Grenze steht und das Land und sich selber verteidigen muss, dann muss er das Beste in den Händen halten, das es gibt», sagt Brodbeck. Das war immer seine Ambition als Chef der Waffenabteilung: ein «gutes Geschirr» zu entwickeln, etwas, das taugt.

Das Lob des Herrn Kalaschnikow

Dass dieses «gute Geschirr» jetzt kriminalisiert werden soll, stimmt ihn nachdenklich. Ihn betreffe das ja nicht mehr, sagt Brodbeck und runzelt die Stirn. Trotzdem sei dieses Waffengesetz ungut und nur der erste Schritt einer absehbaren Entwicklung. Bei der Schengen-Abstimmung 2005 habe der Bundesrat noch gesagt, das Waffengesetz werde nie angetastet. Jetzt, knapp 15 Jahre später, kommt diese Abstimmung. «Ich befürchte, dass uns die EU bis in zehn Jahren ganz entwaffnen will. Sie will, dass die Waffen verschwinden», sagt Brodbeck. Den Terrorismus eindämmen könne man damit wohl kaum. Dafür entmündige man Bürger wie ihn; er, der nicht mehr regelmässig Schiessen gehen könne und deshalb seine Waffen abgeben müsste, wenn er denn noch welche hätte.

Seine rund siebzig Waffen hat er alle hierhin in die Katakomben der ehemaligen Produktionsstätte der Schweizerischen Industrie-Gesellschaft gebracht. Hier hängen und liegen sie nun und zeugen von den Zeiten, als am Rheinfall Gewehre entwickelt wurden, die sogar Michail Kalaschnikow beeindruckt hatten. «Euer Gewehr schiesst präziser als meins», hat Kalaschnikow Brodbeck bei seinem Besuch 1996 gesagt. Brodbeck wird das nie vergessen.

Rund 500 000 Exemplare des Sturmgewehrs 90 sind noch im Umlauf, neue werden keine mehr produziert. Das Verhältnis der Schweiz zu ihrer eigenen Waffentradition wird komplizierter. Eduard Brodbeck weiss, dass er das nicht ändern kann. «Einfach schade» findet er es trotzdem.