Gute Noten werden von Klassenkameraden oft nicht honoriert, sondern geächtet. Schnell gelten begabte Schüler als Streber. Weil Buben aber nicht als uncool gelten wollen, passen sich einige nach unten an. Das in den Schulen wenig beachtete Phänomen beschreibt Erziehungswissenschafterin Margrit Stamm in ihrer aktuellen Kolumne in der «Nordwestschweiz». Sie geht davon aus, dass jeder dritte Schüler schlechte Noten in Kauf nimmt, um nicht als Aussenseiter zu enden. Doch was kann man dagegen tun?

Jugendpsychologe Allan Guggenbühl weiss um das Verhalten. Besonders in der Mittel- und Oberstufe gelte das Motto: «Wer zu gut ist, wird ausgeschlossen.» Das Problem sei nicht einfach zu beheben. «Kinder orientieren sich viel stärker an der Klasse und ihren Kameraden als an der Lehrperson», sagt er. Die Gruppendynamik sei entscheidend, allerdings hätten die Schulen den Blick dafür verloren. «Im individualisierten Unterricht wird der Klassengeist schnell ignoriert.»

Eltern teils machtlos

Für Eltern ist es ebenfalls schwierig einzuschätzen, ob ihr Nachwuchs überfordert ist oder nur aufgrund der Klassendynamik die Leistungen nach unten anpasst. In der Mittel- und Oberstufe würden sich Kinder oft bedeckt halten, sagt der Jugendpsychologe. «Wenn der als Langweiler angesehene Klassenkamerad ans Gymnasium will, möchten es viele andere nicht mehr», sagt Guggenbühl. Dann denken sich die Kinder: «So wie der möchte ich nicht werden.» Den Eltern würden sie aber nur sagen, dass sie kein Interesse am Gymnasium hätten.

Guggenbühl nimmt deshalb die Lehrer in die Pflicht. Sie müssten ein Klima schaffen, in dem gute Leistungen die Norm sind und von den Kindern als erstrebenswert angesehen werden. «Wenn das gelingt, können alle Schüler ihr Potenzial ausschöpfen.» Das sei allerdings eine Kunst, räumt Guggenbühl ein. Manchmal höre er von Lehrpersonen, die unbewusst das Gegenteil verursachen: «Sie stellen sich vor die Klasse und sagen: Ich bin von allen enttäuscht, ausser von XY». Das Kind werde damit sofort zum Aussenseiter – und alle anderen möchten selbst nicht so enden.

Lehrer gefordert

Der zweite Punkt, um der Entwicklung entgegenzuwirken, liegt ebenfalls bei den Lehrern. Wenn sie den Schulstoff interessant und begeisternd vermitteln könnten, gelte es nicht als uncool, gute Noten zu schreiben. Einfach sei das allerdings nicht, sagt Allan Guggenbühl.

Gemäss Erziehungswissenschafterin Margrit Stamm geraten vor allem Buben in ein Dilemma. «Im Gegensatz zu den Mädchen ist das Wort ‹Streber› bei vielen Knaben negativ besetzt», sagt Stamm. Es sei deshalb nicht erstaunlich, dass sich viele schulisch sehr gute Buben dem Druck zum Mittelmass beugen – und die Noten sinken. Seit Mitte der Neunzigerjahre tut sich eine Schere bei der Maturaquote auf. Mädchen gehen viel häufiger ans Gymnasium als Buben. Zuletzt hat sich der Trend nochmals verstärkt. Über die Ursachen diskutieren Lehrer, Politiker und Bildungsforscher seit Jahren. Die Angst, als Streber zu gelten, ging in der Debatte bisher allerdings unter.