Es ist beinahe eine Begegnung auf Augenhöhe. Der fünfjährige Bub ist nur ein bisschen grösser als der Bernhardiner. Umgekehrt ist der Vierbeiner gut doppelt so schwer wie der Zweibeiner. Was Letzterem keinen Eindruck macht. Er umfasst den Schwanz, streichelt den Kopf, untersucht die Ohren und die Halsfalten des Hundes, ohne sich Gedanken darüber zu machen, wofür ein Tier einen derart kräftigen Kiefer brauchen könnte. Das Vertrauen ist gerechtfertigt, der Hund lässt alles mit stoischer Ruhe über sich ergehen.

Das Bild des Lawinenretters, das viele Menschen mit dem Bernhardiner verbinden, ist veraltet. Züchter achten heute vielmehr auf ihre Umgänglichkeit und die Eignung für soziale Aufgaben. Auf dem Spaziergang um den Lac de Champex, unweit vom Grossen Sankt Bernhard, wo die Rasse ihren Ursprung hat, gibt es auch niemanden zu retten. Die einzige Gefahr für das Grüppchen Spaziergänger und die beiden Begleiterinnen der Fondation Barry, die mit den vier Hunden um den See gehen, ist, auf dem eisigen Weg auszurutschen. Den Bernhardinern droht dies nicht, sie haben vier breite, rutschfeste Pfoten. Sogar Hündin Opaline, die noch den Schlitten mit einem kleinen Mädchen drauf im Schlepptau hat, geht sicheren Schritts auch über die eisigsten Passagen.

Bewegungsdrang in den Genen

Unruhig werden die Vierbeiner nur, wenn ihnen kleinere Artgenossen entgegenkommen – was auf dieser Route recht häufig der Fall ist. Die beiden Betreuerinnen bringen die Bernhardiner dann kurz zum Stillstand, bis der Kleinhund vorbei ist. Eines der Bernhardinerweibchen lässt einen kurzen Heuler von sich, doch bleibt es dazu anständig sitzen. Erst als die Begleiterin die Leine wieder einem der Spaziergänger in die Hand drückt, ist dem Hund das Aufstehen erlaubt.

Fürs nächste Stück darf ein Kleinkind auf dem Schlitten Platz nehmen. Doch das Mädchen verzieht das Gesicht, irgendwas passt ihm nicht. Die Begleiterin zieht das Tempo an, um der kleinen Passagierin etwas zu bieten. Der Fünfjährige geht hinter dem Schlitten her und legt die Hände darauf, überzeugt, so zur höheren Geschwindigkeit beizutragen. Doch Hündin Opaline, die vorn angespannt ist, benötigt keine Hilfe. Sie bewegt sich gern, das liegt ihr aus jener Zeit in den Genen, in der ihre Vorfahren auf dem Grossen Sankt Bernhard als Reisebegleiter im Einsatz waren. Sie ist sogar weit kräftiger als die damaligen Bernhardiner – die heutigen Körpermasse erhielt die Rasse erst im zwanzigsten Jahrhundert.

Die Hunde am Lac Champex gleichen also nicht mehr so sehr dem legendären Barry, der vor über 200 Jahren Dutzenden Menschen das Leben gerettet hat. Und das Gstältli, mit dem Opaline den Schlitten zieht, ist weit bequemer als das Schnapsfässli, mit dem Barry meist dargestellt wird. Ein Glück für ihn, dass er in Realität nicht mit einem solchen Fass durch den Schnee stapfen musste – dieser Mythos entstand im Nachhinein.

Verliebte Blicke

Fotogen sind Bernhardiner auch ohne Fass. Damit die Besucher auf ihre Kosten kommen, gehört denn auch eine Pause zum Spaziergang. Die Zeit ist grosszügig bemessen, nach dem Gruppenfoto kann noch jede Familie einzeln posieren. Dann wechseln die Leinen die Hände und es geht weiter. Der Fünfjährige geht neben einer der Hündinnen her, die Hand auf ihrem Rücken. Dass er in der Regel auf einem Spaziergang von zwei Kilometer Länge mindestens auf eineinhalb Kilometern über die Unannehmlichkeiten des Wanderns schimpft, hat er vergessen. Trotz Kälte – wir befinden uns auf fast 1500 Metern – verzichtet er auf Handschuhe, um das Fell mit der Haut zu spüren.

Im Nu ist die Dreiviertelstunden um, die Gruppe trifft auf dem Parkplatz am Dorfrand ein. Dort gibt es eine kleine Überraschung, welche die Kinderaugen nochmals zum Strahlen bringt: ein Plüschbernhardiner als Schlüsselanhänger. Dieser hilft, den Abschied von den Hunden erträglich zu machen. Nochmals kurz Streicheln, und dann müssen die Hunde ab ins Auto. Durchs Heckfenster wirft der Fünfjährige einen letzten Blick auf die Bernhardiner. Schwer verliebt. 

Die Wanderungen mit den Bernhardinern sind jeweils rasch ausgebucht. Sie finden mit unterschiedlichen Ausrichtungen das ganze Jahr hindurch statt: www.fondation-barry.ch