«Es gibt keine abzählbare Liste von Therapien, die zur Anwendung kommen», sagt Josef Sachs, Chefarzt Forensik der Psychiatrischen Klinik Königsfelden, im Gespräch mit der «Nordwestschweiz». Sachs führt Therapien durch, macht Rückfallrisiko-Beurteilungen und erstellt Gutachten zuhanden der Richter.

Auf den forensischen Stationen der Klinik Königsfelden werden nach etwa dreimonatiger Abklärungsphase Therapiemodule zusammengestellt – zugeschnitten auf den individuellen Fall. Eingesetzt werden vor allem Psychotherapie, Gruppentherapien, Ergotherapie, Bewegungs-und Sporttherapie, Arbeits- und Kunsttherapie. Das strukturierte Milieu auf den Stationen soll die Chance erhöhen, dass die Therapien auch wirklich wirken. Paul Loosli, Direktor der Justizvollzugsanstalt Solothurn, erklärt: «Im Vollzug ist wichtig, dass es Fortschritte gibt, also positive Rückmeldungen von Therapeuten, Sozialpädagogen und Arbeitsagogen kommen.»

Welcher Straftäter schliesslich wie therapiert wird, dafür gibt es keinen Automatismus. «Es ist immer eine Gesamtbeurteilung», sagt Sachs. «Reit- oder Box-Therapien machen wir aber nicht.» Der Forensiker meint, dass eine Box-Therapie für Leute mit Aggressionspotenzial «nicht förderlich» sei.

Die Skepsis des Fachmanns im aktuellen Fall zeigt: In der Schweiz herrschen unterschiedliche Auffassungen über die Art, wie therapiert werden soll. Daran wird sich heute und morgen auch nichts ändern. Zurzeit ist die Schweizerische Gesellschaft für forensische Psychiatrie zwar dabei, in Arbeitsgruppen schweizweit einheitliche Standards für forensische Therapien zu erarbeiten. Spruchreif sei aber noch nichts, so Sachs. Sicher ist: Einfach werde diese Konsensfindung nicht – «meiner Meinung nach muss sie aber möglich sein». Dabei geht es unter anderem um die Frage, in welchem Ausmass neben der Psychotherapie noch Spezialtherapien wie Reittherapie eingesetzt werden sollen.

In den letzten Tagen ist in den Medien eine Diskussion über solche Behandlungen im Strafvollzug angelaufen. Sie wird vor allem auf der Basis einer Kosten-Nutzen-Frage geführt. Paul Loosli ist überzeugt, dass Therapien grundsätzlich eine gute Sache sind. «Es ist doch klar, dass es sich lohnt, etwa bei einem rückfallgefährdeten Sexualdelinquenten eine Therapie zu machen, anstatt ihn nach fünf Jahren einfach wieder rauszulassen.»

Loosli fügt an: «Therapien kosten zwar etwas, wenn aber erfolgreich entlassen werden kann, sind die Kosten unter dem Strich niedriger, als wenn jemand ein Leben lang weggesperrt bleibt.» Ob die Therapien aber wirken, ist eine andere Frage. Zumindest «die verschiedenen Instrumente, die die Psychiatrie braucht, haben sich verfeinert», so Loosli. «Auch wenn sie nie unfehlbar sein werden – man weiss heute mehr über die einzelnen Täter», ergänzt der Vollzügler.

Fehlende Erfolgskontrolle

An diesem Punkt beginnt das Dilemma. Das Ziel der Therapien ist letztlich die Entlassung – und die Verhinderung von neuen, schweren Straftaten. Ein hohes Ziel angesichts der begrenzten Möglichkeiten der Erfolgskontrolle. Kontrollgruppen zu schaffen – wie etwa in der Medikamentenforschung üblich – ist im Strafvollzug undenkbar. Es sei denn, man nimmt in Kauf, dass eine Gruppe untherapierter Straftäter nach Absitzen der Strafe versuchsweise in die Freiheit entlassen würde, um sie mit den Therapierten vergleichen zu können. «Das ist keine Option», so Sachs.

Dass Therapien bei psychisch gestörten Gewaltverbrechern etwas nützen, davon ist auch Sachs überzeugt: «Eine gute forensische Therapie ist wirksam.» Studien zeigten, dass die Erfolgsaussichten in etwa mit der Wirksamkeit von Bypass-Operationen bei Herzinfarkten vergleichbar sind. Aber auch Sachs relativiert: «Es gibt Leute, die den Therapie-Erfolg überschätzen und solche, die ihn unterschätzen. Die Wirksamkeit liegt irgendwo in der Mitte.»

Die Therapie-Befürworter versuchen der Öffentlichkeit Sicherheit zu signalisieren, die diese vehement fordert; die Gegner nennen die Therapieflut im Strafvollzug «Psychiatrisierung der Justiz».

Josef Sachs will Licht ins Dunkel des Massnahmenvollzugs bringen. Der Forensiker unterscheidet zwei grosse Gruppen von Straftätern, die er therapiert: zum einen die psychisch schwer kranken Täter, die aus dieser Krankheit heraus straffällig wurden. Diese werden einerseits mit Medikamenten, andererseits psychotherapeutisch behandelt, damit sie lernen, mit der Krankheit umzugehen und Rückfall-Muster selber zu erkennen. Die andere Gruppe sind Täter mit Persönlichkeitsstörungen. Bei diesen gehe es darum, «die Persönlichkeit zu verändern, ebenfalls im Sinn einer verminderten Rückfallgefahr», so Sachs. Dabei sei unter anderem eine minuziöse Deliktrekonstruktion wichtig. «Zusätzlich müssen die Täter die Fähigkeit zur Empathie für das Opfer entwickeln», sagt Sachs. «Das wird in einer Art Training, mit Rollenspielen und Einzeltherapien, gemacht.»

Der «Nordwestschweiz» liegen Briefe von Gefangenen im Massnahmenvollzug vor, die zeigen, was einzelne Täter von dem um sie errichteten Therapieapparat halten.

S. W.*, der wegen Vergewaltigung einsitzt, schreibt: «In meinem Gutachten wird verlangt, mein Hauptdelikt therapeutisch aufzuarbeiten. Seit vier Monaten drehen wir uns im Kreis und kommen nicht vorwärts. Der Therapeut weigert sich, am vorhandenen Auftrag zu arbeiten. Stattdessen konfrontiert er mich mit Themen, die diesem nicht entsprechen.» Ein weiterer Häftling beschreibt, dass seine rund 43 Einzeltherapiesitzungen, die er pro Jahr habe, meistens «in einem Disput über Schuld und Unschuld» endeten. O. R.* schliesslich äussert: «Ich sitze hier einfach nur die Zeit ab.»

Rückkehr ist keine Option

Einfacher ist es für alle am Strafvollzug Beteiligten nicht geworden: Für die Häftlinge nicht, weil sich an ihnen niemand mit optimistischen Prognosen die Finger verbrennen will und man sie lieber länger als kürzer therapiert.

Für die Vollzugsbehörden nicht, weil heute weniger der Täter für seine Taten verantwortlich gemacht wird als die Leute, die für die Freiheit des Rückfälligen verantwortlich sind. Und auch für die Therapeuten nicht, weil sie laut Sachs heute «mehr Delinquenten zur Behandlung zugewiesen bekommen, die nur sehr schwer oder praktisch nicht behandelbar sind.» Und nicht zuletzt auch nicht für die Bevölkerung, die nicht weiss, ob sich die teuren Therapien letztlich in mehr Sicherheit ummünzen lassen. Sicher ist eigentlich nur: Die Rückkehr zum liberalen Strafvollzug der Neunzigerjahre ist keine Option.

*Namen der Reaktion bekannt