Hinter dem Historischen und Völkerkundemuseum in St. Gallen steht eine Reihe von Steinen. Die meisten Passanten gehen achtlos an ihnen vorbei. Thomas Widmer bleibt vor einem rötlich-violetten Brocken stehen. «Ein sehr schöner Verrucano», sagt er. «Weit verbreitet am Flumserberg.» Die Spitzmeilenhütte sei komplett umgeben vom violetten Gestein. «Das sieht fantastisch aus.»

Der 56-jährige Journalist der «Schweizer Familie» und Wanderbuchautor hat sich für sein neues Werk «Hundertundein Stein» die grossen Brocken der Schweiz vorgenommen. Er porträtiert keltische Kultsteine, Steinzeit-Megalithen, Erdpyramiden, Römersäulen und Findlinge. Sie tragen Namen wie «Mörderstein», «Schildchrott», «Glögglifels».

Steinreicher Aargau: Dazu gehört der Erdmannlistein in Bremgarten.

Steinreicher Aargau: Dazu gehört der Erdmannlistein in Bremgarten.

Besonders angetan hat es Thomas Widmer ein Hexenstein, die Platta da las Streas in Scuol-Tarasp. «Streas» bedeutet «Hexen» auf Rätoromanisch. Die horizontale Schiefersteinplatte ist dreieinhalb Meter breit; rund 200 kleine Schalen und Kreuze sind eingraviert. Dass die Zeichen auf Menschenhand zurückgehen und keine Laune der Natur sind, sei gesichert. Weitere geheimnisvolle «Schalensteine» befinden sich im Kanton Tessin und im Val d’ Anniviers im Wallis.

Steine regen Fantasie an

Um etliche der 101 Steine ranken sich Sagen. Etwa um den Jungfernstein in Baselland, auch «Füdlebluttstei» genannt, dem nachgesagt wird, drei Schwestern sollen in einer nahen Quelle nackt gebadet haben. Oder der «Chindlistein» im ausserrhodischen Heiden, der Frauen helfen sollte, die keine Kinder bekommen konnten.

Der Kanton Aargau ist «steinreich» an bemerkenswerten Brocken, fünf sind im Buch vertreten. Etwa der schlanke, 6,3 Meter hohe Isenlauf-Stein, der mitten auf einem Spielplatz Asterix-und-Obelix-Assoziationen weckt. Laut den Archäologen ist er kein Relikt der Kelten, sondern ein kommuner Findling. Der «Erdmannlistein» bei Bremgarten ist ein beliebtes Ziel von Schulreisen. Zwei vermooste Steine tragen einen dritten. Man müsse sieben Mal mit angehaltener Luft um die Steine herumrennen, dann kämen die Erdmannli aus der Erde, glaubte man früher.

Der Druidenstein in Morschach hat den Namen von einem Hotelier.

Der Druidenstein in Morschach hat den Namen von einem Hotelier.

«Alle Steine in meinem Buch sind auch Fantasieobjekte», sagt Widmer. Die Menschen früher seien nicht so verwöhnt gewesen mit Bildern. «Stell dir vor, du bist ein Mensch im Mittelalter. Da hast du viel mehr Ängste und Fantasien im Kopf. So ein Stein kann dich grausam fesseln, dich beeindrucken, dir Angst machen.» Die Leute hätten sich bei solchen Steinen auch besammelt. Um einige sind esoterische Kulte entstanden.

Zu Widmers Lieblingen gehört der Druidenstein in Morschach, einem Plateau über dem Urnersee. Wer zu ihm will, muss einen Golfplatz überqueren. Der Wanderer gelangt zu einem Granitblock, der auf der Wiese liegt wie ein gestrandeter Wal. «Ein Bild von einem Stein», schwärmt Widmer. «Es ist der wohl schönste Findling der Schweiz.» Er wurde in der Eiszeit durch einen Gletscher herangetragen, der ihn dort liegen liess. Der Name «Druidenstein» ist allerdings die Erfindung eines Hoteliers.

Wo es Obelix gefallen würde

Es gibt in der Schweiz aber auch echte Kultsteine, vor allem die Menhire der Romandie. Die länglichen, von Menschen aufgestellten, oft etwas behauenen Einzelsteine werden auch «Hinkelsteine» genannt – wie Comicfigur Obelix einen trägt. Auf einer Anhöhe über dem Neuenburgersee in Corcelles-près-Concise steht ein Menhir-Viereck aus der Jungsteinzeit. «Es brauchte damals ein ganzes Dorf, um solche Monumente aufzustellen.» Dass die Steine von Corcelles es bis in die Moderne geschafft hätten, sei ein Glücksfall: «Viele Menhire wurden zerkleinert und als Baumaterial gebraucht.»

Thomas Widmer erklärte 2018 zu seinem «Jahr des Steins», schrieb das Buch – und sah plötzlich überall Steine. Etwa schöne Brocken, die vor Einfamilienhäusern als Parkplatzstopper eingesetzt würden. Und er freute sich, wenn er in einem Wald nach langer Suche hinter dem Geäst einen Stein glitzern sah. Von den 130 Steinen, die er gesammelt hat, schafften es nicht alle ins Buch. «Ich habe mit mir selber Steinsitzungen abgehalten. Zum Beispiel beschloss ich: Stein Nummer 98 muss sterben.»

Warum widmete er sich für sein Buch nicht Wasserfällen oder Bäumen, die mehr Emotionen wecken als kalte Steine? «Wir sind so sterblich, der Stein wird uns überdauern», sagt Widmer. «Wird es Europa, wird es die Schweiz in 500 Jahren noch geben? Der Stein ist dann ganz sicher noch da.»

Auch die Steine hinter dem St. Galler Museum zog der Autor in Erwägung, verwarf sie aber. Es gab keine Geschichte dazu, die ihm gut genug erschien. «Doch sie sind wunderschön», sagt Widmer und streicht über einen runden, aufgesägten Nagelfluh-Brocken: «Sieht aus wie Mortadella.»

Thomas Widmer: «Hundertundein Stein. Die grossen Brocken der Schweiz», Echtzeit Verlag, 296 Seiten, Fr. 27.–.