Autismus

Steff La Cheffe: «Manchmal habe ich mich für meinen Bruder geschämt»

Der autistische Bruder von Steff la Cheffe interessiert sich kaum für ihre musikalischen Höhenflüge. Urs Lindt

Der autistische Bruder von Steff la Cheffe interessiert sich kaum für ihre musikalischen Höhenflüge. Urs Lindt

Die Rapperin Steff La Cheffe spricht über ihren autistischen Bruder. Im Interview erzählt sie, wie er sie als Mensch geprägt hat und was sie alles von ihm gelernt hat. Auf ihrem letzten Album hat sie ihm ein Lied gewidmet.

Stefanie Peter, wann haben Sie Ihren Bruder das letzte Mal gesehen?

Stefanie Peter: Was ist heute für ein Tag? Mittwoch. Dann war es vorgestern. Da war ich bei meiner Mutter zum Nachtessen und er wohnt ja noch immer dort. An diesem Abend war er sehr kommunikativ und kam immer in die Küche, um uns Dinge zu zeigen. Er interessiert sich sehr für Schlachtschiffe, Kriege und Krieger, generell für das Heldentum.

Wie ist das Verhältnis zwischen Ihnen beiden?

Gut. Speziell. Er wird im Sommer 25 Jahre alt und ist auf eine Art erwachsen und auf eine andere ist er noch unselbstständig oder hat kindliche Züge. Aber er ist ein sehr zufriedener Mensch. Es ist nicht schwierig, es gut mit ihm zu haben.

Wann haben Sie zum ersten Mal gemerkt, dass Ihr Bruder anders ist?

Ich war da etwa vier Jahre alt. Mein Bruder ist zwei Jahre jünger als ich und ich habe meine Mutter gefragt, wann er denn zu sprechen beginne. Meine Mutter hat nach zwei Kindern auch gemerkt, dass das dritte anders ist, aber sie wusste noch nicht, dass er Autismus hat. Erst zwei Jahre später hat ein Arzt die Diagnose gestellt.

Wie zeigt sich der Autismus bei Ihrem Bruder?

Als kleines Kind war er stark in sich gekehrt, hat in seiner eigenen Welt gelebt. Er hat keine Berührungen ertragen, auch von unserer Mutter nur sehr begrenzt. Erst in der Pubertät hat er angefangen, sich zu öffnen, zu kommunizieren und heute lässt er auch Körperkontakt zu. Aber er hat noch immer eine spezielle Sprache. Seine Syntax ist nicht so differenziert wie unsere. Und lesen und schreiben kann er nicht wirklich. Rechnen kann er glaube ich auch nicht, was es mit dem Geld schwierig macht. Aber er mag Zwanzigernoten. Wir wissen nicht wieso. Erstaunlich ist, dass er immer noch Fortschritte macht. Einfach zehn oder fünfzehn Jahre zeitlich versetzt.

Wie war das Familienleben früher?

Es war schwierig für meine Mutter als Alleinerziehende mit drei Kindern, von denen eines autistisch ist. Mein Bruder brauchte schon mehr Aufmerksamkeit und hat diese auch gefordert, aber sie gab sich immer Mühe, diese gerecht zu verteilen. Zudem hatten wir alle drei andere Familien, bei denen wir Mittagessen konnten oder mit denen wir in die Ferien gingen. Bei mir waren das die Familie meines Paten und Bekannte, bei meinem älteren Halbbruder die Familie seines Vaters. Und mein jüngerer Bruder hatte eine zusätzliche Gastfamilie, einen Entlastungsdienst.

Waren Sie eifersüchtig auf die Aufmerksamkeit?

Nein. Ich war eigentlich auch ein spezielles Kind, sehr ruhig und ernst und konnte mich stark meinem Spiel hingeben. Ich habe mich dann mit mir und meinen Dingen beschäftigt. Mit Zeichnen oder Spielen. Als einziges Mädchen hatte ich ja auch ein bisschen eine Sonderstellung.

Haben Sie sich manchmal für Ihren Bruder geschämt?

Irgendwie schon. Als Kind und Jugendlicher vergleicht man sich noch viel stärker mit anderen. Wenn ich dann mit ihm unterwegs war und er seine Ticks hatte, seine Bewegungen oder Geräusche, die er macht, gab es schon Momente, in denen ich mich geschämt habe, weil ich merkte, dass die Leute schauen. Ich habe mir schon damals gesagt, dass es keinen Grund dafür gibt. Aber ich habe Zeit gebraucht, um darüber hinauszuwachsen und das zu akzeptieren. Und vor allem auch, das Schöne zu sehen: Wir haben einen in der Familie, der ist so anders und der bringt so eine andere Sicht. Ich glaube, ich habe durch ihn sehr viel gelernt.

Was zum Beispiel?

Dass Leute anders ticken können und dass man sich trotzdem zu respektieren hat. Dass man Leute, die anders sind, nicht fertigmacht, unterdrückt oder auslagert in ein Heim. Ich habe gelernt, stark zu sein, zu meiner Familie zu stehen. Natürlich auch zu teilen. Einmal hat er alle seine Spielsachen mit dem Hammer kaputtgeschlagen. Und als er mit seinen durch war, kamen meine dran.

Sie waren in solchen Momenten wütend auf Ihren Bruder.

Ja, und auch enttäuscht. Aber ich habe gelernt, dass materielle Dinge nicht wichtig sind, und war oft wie ein Anwalt für meinen Bruder, sein Übersetzer, wenn die Leute nicht verstanden, wieso er etwas macht.

Autisten sind oft sehr auf sich bezogen und können Emotionen anderer nicht interpretieren. Wie ist das bei Ihrem Bruder?

Darin ist er mittlerweile ziemlich gut. Wenn wir am Tisch sitzen, ist er oft in seiner eigenen Welt. Aber manchmal ist er halb am Mithören und auch, wenn er nicht versteht, wovon wir sprechen, worum es geht, lacht er mit, wenn wir lachen, oder fragt nach, was denn so lustig sei. Das ist sehr krass, da merkt man, dass seine Empathie-Fähigkeit extrem gewachsen ist und sein eigener Charakter immer mehr hervortritt, der den Autismus überschattet.

Ihren Bruder in ein Heim zu geben, kam für Ihre Mutter nie infrage?

Nein, auch wenn es für sie damals finanziell wohl besser gewesen wäre. Heute wäre es wichtig, dass er irgendwo arbeiten könnte, eine Tagesstruktur bekäme. Aber im Umkreis von Bern etwas zu finden, ist schwierig. Er will ja etwas machen, das ihn interessiert, zum Beispiel mit Pferden. Die IV hat ein Projekt in diesem Bereich, aber nicht für Autisten.

Sollte mehr getan werden, damit Menschen mit Autismus einer Beschäftigung nachgehen können?

Das ist eine gute Frage. Es ist eine grundsätzliche Frage, wo wir als Gesellschaft hin wollen. Wenn wir weiter auf der leistungsorientierten Schiene fahren, haben diese Menschen keinen Platz. Ausser die Asperger, die man irgendwo in der IT unterbringen kann. Aber wenn es darum geht, dass wir wieder menschlicher werden, wieder näher bei uns und der Natur sind und die Gesamtheit wieder wichtiger wird. Dann ja unbedingt. Aber es stellt sich auch die Grundsatzfrage: Geht es Behinderten besser in einem geschützten Rahmen mit Spezialbetreuung, heilpädagogischer Sonderbehandlung oder würde es ihnen und uns allen besser gehen, wenn wir sie wieder in die Gesellschaft integrieren würden?

Auf Ihrem letzten Album haben Sie Ihrem Bruder ein Lied gewidmet. Versuchen Sie mit Ihrem Status auf solche Problematiken aufmerksam zu machen?

Ja, aber immer organisch, es muss immer natürlich sein, ja nicht aufgesetzt. Es muss mich wirklich beschäftigen. Und das tut es, wie mich auch gewisse Umweltthemen beschäftigen oder die ganze Migrationsthematik. Aber nicht im Stil von: Jetzt bin ich bekannt, jetzt muss ich anfangen zu missionieren. Ich will niemanden überzeugen. Ich sage, was ich denke, und das reicht manchmal schon, um den Leuten einen Denkanstoss zu geben, sie zu überraschen, dass sie für einen kurzen Moment aus ihrem Denkmuster ausbrechen.

Hat der Autismus Ihres Bruders Ihren Werdegang beeinflusst?

Nein. Es war viel eher mein älterer Bruder, der mir ein paar coole CDs gesteckt hat. Und meine Schulkollegen, die gerappt haben. Aber natürlich hat es mich als Mensch geprägt, auch die Situation meiner Mutter. Das alles hat mich nachdenklicher und kritischer gemacht.

Versteht Ihr Bruder, was Sie tun und dass Sie berühmt sind?

Ich glaube, mittlerweile hat er eine Idee davon, weil er auch schon an zwei, drei Auftritten von mir war. Und wir haben herausgefunden, dass er Beatboxen ziemlich cool findet. Er versteht es, aber irgendwie interessiert es ihn einfach nur beschränkt. Zudem haben wir nicht wirklich den gleichen Musikgeschmack. Ausser Michael Jackson, den finden wir beide super.

Wenn Sie an Ihren Bruder denken, was kommt Ihnen in den Sinn, was bewundern Sie an ihm?

Er ist ein Sonnenschein und hat immer so coole Sprüche auf Lager.

Ein Beispiel?

Eine Phrase, die sich seit vielen Jahren hält, ist: «Mach dir keine Sorgen.» Den finde ich sehr gut und kann ich oft gebrauchen, weil ich ein Mensch bin, der sich gedanklich in Dinge hineinsteigern kann und stets überlegt, ob alles gut wird. Ich bin perfektionistisch und selbstkritisch. Deshalb finde ich diese Einstellung grossartig.

Gemeinsam anders – Leben mit Autismus Steff la Cheffe im Salzhaus Brugg, Sa, 29. März, 21 Uhr.

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