Blicke in die Zukunft

Statt mit dem Jüngsten Gericht zu drohen, machten Propheten der Neuzeit Hoffnung auf ein bequemes Leben

Im Jahr 2000 könnten die Menschen in Paris durch die Luft fahren, spekulierte ein Cartoonist um 1882. Lufttaxis sind in aller Munde, aber noch immer nicht Realität.

Im Jahr 2000 könnten die Menschen in Paris durch die Luft fahren, spekulierte ein Cartoonist um 1882. Lufttaxis sind in aller Munde, aber noch immer nicht Realität.

Eigentlich sollten wir längst auf dem Mond oder wenigstens auf dem Meeresgrund wohnen und Maschinen für uns arbeiten lassen – zumindest, wenn es nach dem Fortschrittsoptimismus der 50er- und 60er-Jahre gegangen wäre, für den vieles nur eine Frage der technischen Lösung zu sein schien. Ein Ausblick im Februar 1950 auf das Alltagsleben einer Familie des Jahres 2000 im populärwissenschaftlichen US-Magazin «Popular Mechanics» präsentiert einen Familienvater, der nur noch eine Enthaarungscreme auftragen muss, um sich in einer Minute zu rasieren. Das Essen wird teilweise aus Sägespänen hergestellt, und Papiertischdecken können als Süssigkeiten rezykliert werden. Der Hausputz lässt sich dank wasserfester Möbel mit dem Schlauch erledigen.

Nach der Prognose des Club of Rome 1972 über die «Grenzen des Wachstums», der Diskussion über das Waldsterben und den Atomunfällen von Harrisburg, Tschernobyl und Fukushima ist von technikgläubigen Fantasien wenig übrig geblieben. Die Fortschrittsidee habe im zwanzigsten Jahrhundert einen tödlichen Schlag erhalten, resümierte der Historiker Georges Minois 1996 in seiner Geschichte der Prophezeiungen. Die Zukunftstechnik wird aber heute noch als unaufhaltsame Steigerung des Fortschritts ausgemalt, automatisch gesteuerte Autos und vernetzte Haushaltgeräte befinden sich in der Erprobung, 3-D-Drucker scheinen neue Dimensionen zu eröffnen, und manch Schnickschnack, mit dem der frühe James Bond glücklich gewesen wäre, ist für heutige Smartphone-Käufer nur ein trauriger Anlass, noch bessere Funktionen einzufordern.

Wer zweifelt, dass in solchen Innovationen die Lösung der Menschheitsprobleme liegt, tut ebenfalls gut daran, den Blick nach vorn zu richten und dem Produkt- und Technikfetischismus eigene Zukunftsentwürfe entgegenzusetzen. Seit Tausenden Jahren fragen Menschen, wie es weitergeht und was ihnen bevorsteht – mithilfe von Orakeln und Prophezeiungen, Astrologen und Wissenschaftern. Dabei geht es weniger darum, zu wissen, was man nicht ändern kann, sondern «sich Mut zu machen, dieser offenen Zukunft einen Inhalt zu geben, um der Ungewissheit ein Ende zu setzen», so Georges Minois. Es geht auch um «die magische Kraft der Selbsterfüllung» einer gewünschten Vorhersage. Griechen und Römer kannten viele Möglichkeiten, passende Orakel zu erhalten, die sich zur Legitimation von Kriegen und zur Motivation der Soldaten interpretieren liessen. Negative Prognosen können wenigstens einen aufrüttelnden Schock auslösen. «Was zählt», so Minois, «ist nicht, dass das Vorhergesehene eintritt, sondern dass diese Vorhersage hilft, erleichtert, beruhigt und zum Handeln anregt.»

Das Ende der Welt erwartet

Am Beginn des heutigen Zeitverständnisses stand die Ausbreitung des Christentums: Durch die Orientierung auf das Ziel der Wiederkehr Jesu verbreitete sich die Vorstellung, dass die Zeit – neben dem zyklisch wiederkehrenden Jahreslauf des Alltags – insgesamt linear verläuft. Die Erwartung eines unmittelbar bevorstehenden Endes der Welt war noch im Spätmittelalter mit seinen Missernten, Naturkatastrophen und Pestepidemien stark ausgeprägt.

Auch Luther glaubte zunächst , dass die Welt 4000 Jahre vor Christi Geburt geschaffen worden sei und höchstens 6000 Jahre existieren werde. Während des Mittelalters erschien den Menschen das Jüngste Gericht ebenso real wie der alltägliche individuelle Tod. Dass vor der ersten Jahrtausendwende eine allgemeine Endzeiterwartung geherrscht habe, wird inzwischen von Historikern bezweifelt.

Besonders in schweren Zeiten wollten die Menschen von Wahrsagern aller Art mehr über ihr eigenes Schicksal erfahren. Dass die Weissagungen des Arztes Nostradamus heute noch gefragt sind, liegt vor allem an der Vieldeutigkeit seiner düsteren «Quatraines» (Vierzeiler), in denen er seine Aussagen aus Angst vor der Inquisition absichtlich verschlüsselt haben soll.

Gefährlich schnelle Eisenbahn

Der Glaube an den Fortschritt wurde mit der raschen Entwicklung der Wissenschaft und der Industrialisierung im 19. und 20. Jahrhundert zu einer Grundidee. Erste Debatten über Chancen und Risiken der technischen Entwicklung begannen mit dem Eisenbahnbau, bei denen sich Ärzte anfangs über die Schädlichkeit der Geschwindigkeiten von bis zu 50 Stundenkilometern für den menschlichen Organismus Gedanken machten. Bald setzte das neue Transportmittel «eine Revolution der konstruktiven technischen Fantasie» in Gang, so der Historiker Lucian Hölscher. Durch die Beschleunigung des Fortschritts im 19. Jahrhundert erlebten die Menschen, «wie er noch zu ihren Lebzeiten alle Lebensverhältnisse von Grund auf veränderte». Dadurch erweiterte sich ihre Vorstellungskraft, «die technische Utopie gewann», so Hölscher, «immer mehr den Charakter eines blossen Vorgriffs auf die Zukunft».

Aber nicht nur die Entwicklungsszenarien einer neuen Wissenschafts- und Technikgläubigkeit traten an die Stelle der christlichen Orientierung auf eine jenseitige Welt. Auch die Propheten der Anfang des 19. Jahrhunderts entstehenden sozialistischen Bewegungen entwickelten ihre Idealwelten. So beschrieb der Frühsozialist Charles Fourier 1808 das Leben in einer neuen, egalitären Gesellschaft. Im Mittelpunkt steht das Zusammenleben von je 300 Familien in palastartigen Häusern. Dazu kommt Fouriers Überzeugung, jeder müsse seine Talente und Leidenschaften ausleben dürfen, was ihn auch zur Propagierung der freien Liebe führte. Fouriers Einschätzung, dass sich die erreichte Kulturstufe einer Gesellschaft beispielhaft an der Stellung der Frau erkennen lasse, wurde von August Bebel übernommen; die Idee der von ihm beschriebenen Gemeinschaftshäuser hatte Einfluss auf die Fantasie der Architekten des 19. Jahrhunderts. Bei anderen seiner Vorstellungen war der Science-Fiction-Autor mit ihm durchgegangen. Eine Begradigung der Erdachse solle für einen ständigen Frühling sorgen. Das Meer werde dank Zitronensäure nach Limonade schmecken, und die Menschen würden 2,25 Meter gross und 144 Jahre alt.

Solche ausgeschmückten Schilderungen einer solidarischen Idealwelt wurden nicht nur von Marx als willkürlich und wenig hilfreich kritisiert. Dennoch wurde auch in der sozialdemokratischen Partei ein Leben im «Zukunftsstaat» ausgemalt.

Im 19. Jahrhunderts entstanden neben den vorherrschenden fortschrittsoptimistischen Zukunftsentwürfen auch immer mehr negative Gegenutopien. In seinem 1835 erschienenen Werk «Über die Demokratie in Amerika» gestattete sich Alexis de Tocqueville auch eine Schilderung der zukünftigen demokratischen Gesellschaft: «Ich erblicke eine Menge einander ähnlicher und gleichgestellter Menschen, die sich rastlos im Kreise drehen, um sich kleine und gewöhnliche Vergnügungen zu verschaffen, die ihr Gemüt ausfüllen. […] Über diesen erhebt sich eine gewaltige, bevormundende Macht, die allein dafür sorgt, ihre Genüsse zu sichern und ihr Schicksal zu überwachen.» Diese Macht, so Tocqueville, versuche bloss, die Menschen «unwiderruflich im Zustand der Kindheit festzuhalten.»

Der Politiker Maurice Spronck zog 1894 in einem Text über die Demokratie im 22. Jahrhundert eine ähnlich drastische Bilanz des Fortschritts. Die Automatisierung werde einer gesunden Bevölkerung viel Freizeit, Frieden, Wohlstand und Sicherheit ermöglichen. Die von Minois zusammengefassten Schattenseiten dieser Gesellschaft klingen wie eine Kritik der übersättigten Wohlstandsgesellschaft des späten 20. Jahrhunderts: «allgemeine Langeweile, intellektuelle Leere, Drogen, Selbstmorde, Geburtenrückgang».

Treffsichere Romane

Wann immer sich Prognosen bewahrheitet zu haben schienen, ging meist nur ein Teil zahlreicher Voraussagen in Erfüllung, während sich andere als absurde Fehleinschätzungen erwiesen. Der Historiker Bernard Cazes hat die Bücher von H. G. Wells darauf untersucht, welche Ideen sich bewahrheitet haben – und festgestellt, dass der Autor mit den Science-Fiction-Schilderungen häufiger die spätere Realität traf als mit seinen Sachbüchern.

Ein Glücksspiel ist der Blick nach vorn bis heute geblieben, und seit langem gilt die Zukunft auch gar nicht mehr als vorherbestimmt – und dort, wo ihr wie bei prädiktiven Gentests unheilbarer Krankheiten wieder ein solcher Charakter zukommt, wird deutlich, dass die scheinbare Kenntnis der Zukunft ein Fluch sein kann.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1