Bastian Sick gilt als scharfzüngiger Papst der deutschen Sprache. Bekannt wurde der Lübecker Journalist, Autor und Entertainer vor allem durch seine Buchreihe «Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod». Bei seiner diesjährigen Tournee durch die Schweiz stehen drei Stopps auf dem Programm – nämlich in Zürich (15.10.), Basel (16.10.) und Bern (2.11.).

Herr Sick, die erste Ausgabe von «Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod» haben Sie vor zehn Jahren geschrieben. Gibt es überhaupt noch Absurditäten in der deutschen Sprache, die Ihnen auffallen?

Bastian Sick: Es nimmt kein Ende! Aber es fallen ja nicht nur mir sprachliche Ungereimtheiten oder Fehler auf, sondern grösstenteils meinen Lesern. Die spazieren mit Fotoapparaten bewaffnet durch den deutschen Sprachalltag und schicken mir Bilder von lustigen Schildern aus Supermärkten oder von absurden Gerichten, die sie auf einer Speisekarte entdeckt haben.

Treten Sie jetzt zum ersten Mal in der Schweiz auf?

Nein, ich war von Anfang an immer wieder in der Schweiz zu Besuch. Schon im Jahr 2006, als ich noch von Buchhandlung zu Buchhandlung gezogen bin, war ich in Bern und Schaffhausen. Und 2007 war ich dann zum ersten Mal mit einem grossen Bühnenprogramm hier.

Ist das Programm, das Sie hier aufführen, auf die Schweiz zugeschnitten?

Nein, denn was das Schweizerdeutsche betrifft, bin ich kein Experte. Ich kann nur für das Hochdeutsche sprechen und beschreiben, was man damit für Bauchlandungen erleben kann. Aber die Schweizer finden sich in meinem Programm durchaus wieder, weil sie aufmerksame Beobachter sind und Hochdeutsch gut gelernt haben. Und deswegen schneiden sie zum Beispiel immer ganz besonders gut ab, wenn ich dem Publikum eine Quizfrage stelle.

Zum Beispiel?

Die Schweizer wissen, dass es «gewinkt» heisst und nicht «gewunken». Die Schweizer kennen den Unterschied zwischen «scheinbar» und «anscheinend». Weil sie das in der Schule gelernt haben. Und trotzdem fühlen sie sich oft etwas unsicher den Deutschen gegenüber. Natürlich kann man die Schweizer an ihrer Sprachmelodie ziemlich schnell identifizieren, aber in Sachen Wortwahl und Grammatik haben sie den Deutschen oft etwas voraus.

Was fällt Ihnen ganz spontan zu der Sprache oder dem Dialekt Schweizerdeutsch ein?

Oh, ich habe mal eine Geschichte geschrieben, die endete mit dem Satz: «Schweizgebadet wachte ich auf». Darin ging es um die vielen schönen Helvetismen, die man erst mal alle lernen muss, wenn man einen Schweizer verstehen will. Wo der Deutsche in die «Tasche» greift, da langt der Schweizer in den «Sack». Und somit gibt es das «Sackmesser» und auch das «Sackgeld». Doch wer glaubt, das Prinzip verstanden zu haben, und aus dem «Taschentuch» ein «Sacktuch» macht, der fällt voll auf die Nase – denn das heisst wiederum «Nastuch».

So einfach ist es dann eben doch nicht.

Genau, da kann es zu lustigen Missverständnissen kommen. Als ein Freund von mir – und der ist Deutscher – von seiner Schweizer Freundin gefragt wurde, ob es für ihn in Ordnung wäre, wenn sie mit ihrem Trainer ins Bett ginge, da ist der erst mal aus allen Wolken gefallen. Denn der Trainer ist für den Deutschen keine Textilie, sondern ein Mann aus Fleisch und Blut.

Haben Sie ein schweizerdeutsches Lieblingswort?

Natürlich mag ich «Chrüsimüsi» oder «Chuchichätschli», auch wenn ich's kaum aussprechen kann. «Bäseli» und «Schüüfeli» für «Handfeger» und «Kehrblech» gelingt mir schon besser, das finde ich ganz wunderbar. Oder das «Schmützli» für ein «Küsschen». Das ist entzückend.

Verstehen Sie die Schweizer überhaupt, wenn sie richtig Schweizerdeutsch mit Ihnen reden?

Schwierig. Ich höre es manchmal, wenn ich 3sat schaue. Und dann bin ich meistens dankbar, wenn Untertitel laufen. Ich bin auch grosser Fan der Schweizer Sängerin Paola, ich habe alle ihre Platten. Und irgendwann habe ich mal ein Sendung gesehen, wo sie auf Schweizerdeutsch interviewt wurde. Da hab ich gedacht: «Das ist meine Paola? Ich versteh ja kein Wort! Mädel, wie schaffst du es nur, so ein so reines, klares Deutsch zu singen?»

Da liegen dann schon Welten dazwischen.

Ja, das ist aber auch ein Talent der Schweizer. Da gibt es so viele Sprachen auf so engem Raum: Französisch, Italienisch, Rätoromanisch und ganz viele Formen des Deutschen. Dadurch sind die Schweizer richtige Sprachgenies. Wir Deutschen sind ja oftmals schon mit einer Fremdsprache überfordert. Da dürfen sich die Schweizer ruhig ein bisschen über die Deutschen lustig machen.

Wobei ja längst nicht jeder Deutschschweizer Französisch spricht.

Na klar, überall, wo Multikulti herrscht, findet auch schnell eine Abgrenzung statt. Jeder Mensch will wissen: Was ist meine Heimat, was ist meine Sprache, was ist meine Kultur? Und das Französische ist es dann eben für die Deutschschweizer gerade nicht. Auch wenn es 20 Kilometer weiter, im gleichen Land gesprochen wird.

Wo rangiert das Schweizerdeutsche bei Ihnen so vom Klang her im Vergleich zu anderen deutschen Dialekten?

Sehr weit oben. Für mich sind das sehr angenehme Laute. Es gibt ja Menschen, die dieses im Rachen Gegurgelte als eher unangenehm empfinden. Das ist bei mir überhaupt nicht der Fall. Ich selbst spreche ja auch Niederländisch und kann deswegen das «ch» hinten im Rachen sehr gut leiden.

Wie hat sich die deutsche Sprache in den letzten zehn Jahren Ihrer Meinung nach entwickelt?

So, wie sie es immer getan hat: frei, frech und munter. Das ist ja das Schöne: Die Sprache gehört uns allen und nicht nur ein paar wenigen, die meinen sie kontrollieren zu können. Und weil jeder die Sprache ganz nach seinen persönlichen Vorstellungen benutzt, entwickeln sich immer wieder neue Moden, die zu Veränderungen führen.

Und so war das schon immer?

Ja, aber heute verbreitet sich so eine Mode dank des Internets, des Fernsehens und der guten Vernetzung viel schneller. Als ich Kind war und es nur drei TV-Sender gab, dauerte so etwas viel länger. Umgekehrt verschwindet ein Modewort heute aber auch wieder viel schneller und wird von einem anderen abgelöst.

Aber Sie sprechen da nicht von einem Zerfall der Sprache, Ihre Aussage ist also völlig wertfrei?

Richtig. Denn Werte muss jeder für sich selbst definieren. Es ist eine ästhetische Frage, ob man eine Phrase wie «Das macht Sinn» schön findet oder nicht. Auch der Genitiv unterliegt dem Zeitgeschmack. Und obwohl ich ihn bekanntlich verteidige: Manchmal umgehe ich den Genitiv, wenn er mir zu gestelzt erscheint.

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