Die Aufnahmen seiner Wirbelsäule erinnern Chirurgen an die Verletzungen eines Gehängten. Der 28-jährige Murtener Philipp* hatte unglaubliches Glück. Mehr als eine Nacht schwebte er in akuter Lebensgefahr. Und das, obwohl das behandelnde Spital keine ernsthaften Verletzungen festgestellt und ihn stattdessen unter starken Schmerzmitteln nach Hause geschickt hatte.

Philipp überlebte einen Sturz auf den Kopf, bei dem er sich die beiden ersten Halswirbel brach. Genickbruch – man stirbt daran, wenn durch die Kräfte das Rückenmark verletzt wird, das auf Höhe der ersten Halswirbel das Atemzentrum steuert. Philipp aber bekam ein neues Leben geschenkt. Das realisierte der begeisterte Downhill-Biker aber erst zwei Tage nach seinem Sturz. Die Ärzte im bernischen Aarberg, die die Verletzung erkannten, trauten sich nicht, ihm die Diagnose mitzuteilen, ehe sie den Kopf so fixiert hatten, dass er ihn nicht mehr bewegen konnte.

Philipp sei keiner jener Lebensmüden, die sich beim Downhill-Biken latent überschätzten. Das sagt sein Kollege Peter Hauser, mit dem er an jenem verheerenden warmen Augusttag zum Downhill fuhr. Hauser ist J+S-Leiter im Bereich Mountain Bike. «Philipp ist kein überdrehter Fahrer, der einfach so drauflos in die Pedale steigt», sagt er. Weder hatte sich Philipp vor dem Unfall je etwas gebrochen, noch stürzte er diese Saison heftig. Philipp war fit und ambitioniert. Trotzdem: Auch er nimmt weite Sprünge und fährt schnell. So auch an jenem Tag, der sein letzter hätte sein können, im Bikepark Châtel des schweizerisch-französischen Winter- und Sommersportmekkas Portes du Soleil.

Zu Fuss ins Spital

«Wir fuhren den gesamten Vormittag über Trails mit grossen Sprüngen und hohen Geschwindigkeiten», erinnert sich Philipp am Küchentisch seiner Eltern in Muntelier am Murtensee, wo er sich vom Unfall erholt. Der 47-jährige Hauser, der erfahrenere von beiden Fahrern, zeigte ihm ein paar neue Sprünge. Um die Mittagszeit machten sich die beiden Freunde auf in einfacheres Gelände. Philipp kannte den «Double» bereits aus eigener Erfahrung. Ein Double ist ein Sprung, bei dem ein zweiter übersprungen wird.

Er erzählt: «Ich wurde an diesem Tag erst richtig warm damit.» Trotzdem: Als er den Sprung zum fünften Mal nehmen wollte, irritierten ihn einige Biker, die am Pistenrand warteten. Es fehlte die Konzentration. «Vom Gefühl geleitet, zu langsam zu sein, trat ich in die Pedale und sprang den Double mit viel zu hoher Geschwindigkeit.» Die Folge: Erst dort, wo die Landung längst in flaches Terrain übergeht, setzte das Bike auf. «Ich landete auf dem Vorderrad, flog in hohem Bogen über den Lenker und landete direkt auf dem Kopf.»

Der Aufprall war heftig. Doch Philipp stand wieder auf, entledigte sich sogar eigenhändig seines Integralhelms. Den Kopf bewegen konnte er aber nicht. Nacken und Kopf schmerzten. «Ich sah dieses Jahr viele Stürze, viele klagten danach über Nackenschmerzen.» Philipp sorgte sich nicht, spürte er doch weder in den Zehen noch in den Fingern ein Kribbeln. Auch Hauser schöpfte keinen Verdacht, schliesslich konnte sein Freund auf eigenen Beinen zum nächsten Strässchen gehen. Dort holte die unterdessen alarmierte Sanität Philipp ab und kümmerte sich um die Erstversorgung. Bei der Talstation wurde Philipp in eine Ambulanz verfrachtet und auf die Notaufnahme des Spitals in Monthey gefahren.

Eine Nacht in Atemnot

Philipp wurde untersucht und geröntgt. Doch die diensthabende Ärztin erkannte die gebrochenen Halswirbel nicht. Ihm ging es immer schlechter. Das Spital Monthey entliess den Patienten mit starken Schmerzmitteln und einem kleinen Halskragen. «Philipp wurde richtiggehend abgefertigt», erinnert sich Hauser, der seinen Freund zu dessen Eltern nach Muntelier fuhr. In der darauffolgenden Nacht verschlechterte sich Philipps Zustand. Er hatte Atemprobleme und hustete Blut. Besorgt schickten seine Eltern ihn am nächsten Morgen zum Hausarzt. Noch besorgter schickte dieser ihn ins nächste Spital nach Aarberg, wo Philipp das erste Mal in die «Röhre», den Computertomographen, musste. Er erinnert sich: «Plötzlich standen viele Ärzte da. Keiner traute sich, mich anzufassen.» Erst nachdem sie ihn auf einer Vakuummatratze fixiert hatten, klärten sie ihn über ihre Sorge auf: «Sie haben einen Genickbruch, aber Glück im Unglück, da Sie keine neurologischen Ausfälle haben.»

«Die Überraschung war gross, als wir die gebrochenen Halswirbel eines Mannes entdeckten, der es zuvor auf eigenen Füssen ins Spital geschafft hatte», sagt der Aarberger Chefarzt Charles de Montmollin. Der Schock sass tief. Operieren konnten die Aarberger nicht. Philipp aber war ausser Lebensgefahr und so fuhr man ihn ins Berner Inselspital.

Zwei Zentimeter kleiner

Dort erfolgte für Philipp die erste Erlösung. Weil sein Kopf wegen des zusammengestauchten Wirbelknochens zwei Zentimeter nach unten gerutscht war, musste dieser wieder hochgezogen werden. Erst danach konnte Philipp wieder frei atmen. Vermutlich hatte ein Knochenfragment vom zweiten Halswirbel auf das Rückenmark gedrückt. Weil andere Patienten prioritär behandelt werden mussten, konnte Philipps Nacken erst einen Tag später operativ versteift werden.

«Philipp hatte unglaubliches Glück», sagt Lorin Benneker, der auf Wirbelsäulenverletzungen spezialisierte Orthopäde und operierende Chirurg. Die Nacht bei seinen Eltern – ohne es zu wissen, schwebte Philipp in akuter Lebensgefahr. Die lange Fahrt im Auto seines Kollegen – «eine unkontrollierte Bewegung und Philipp hätte auf dem Beifahrersitz sterben können», resümiert Hauser. Benneker präzisiert: «In wachem Zustand wird es kaum zu einer Bewegung kommen, bei welcher das unversehrte Rückenmark doch noch verletzt wird. Nach einer unkontrollierten Bewegung während des Schlafs oder bei Bewusstlosigkeit ist das aber durchaus denkbar. Vor allem dann, wenn der Patient ungenügend stabilisiert ist, etwa keinen geeigneten Halskragen trägt.»

Warum also ging die diensthabende Ärztin in Monthey nicht auf Nummer sicher und verordnete eine Untersuchung mittels Computertomographie? Auch mehrere Tage, nachdem das Spital Monthey mit dieser Frage konfrontiert wurde, ist keine Erklärung eingetroffen. Philipp hat eine Entbindungserklärung der ärztlichen Schweigepflicht unterschrieben. Eine Pressesprecherin schreibt, ohne genauere medizinische Angaben der anderen behandelnden Spitäler sei das Spital Monthey ausserstande, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. Rückendeckung kommt dafür aus Bern: «Es ist für wenig Geübte schwierig, auf Röntgenbildern einen gebrochenen Halswirbel zu erkennen», so Benneker. Bei Unsicherheit seien aber weitere Untersuchungen angebracht.

Erhöhtes Risiko

Mit zwei versteiften Halswirbeln wird Philipp leben müssen. Die Beweglichkeit wird kaum mehr dieselbe sein wie zuvor. Hängt er sein Downhill-Bike an den Haken? «Das weiss ich noch nicht, ich mache mir aber Gedanken dazu.» Wozu rät der Arzt? Benneker stellt klar, dass Philipp künftig einem höheren Risiko ausgesetzt ist, sich an der Wirbelsäule zu verletzen. «Weil eine Versteifung der obersten beiden Halswirbel nötig war, wird die wegen des grösseren Hebels erhöhte Kraft bei einem nächsten Aufprall auf die nächstliegenden Wirbel geleitet.»

Was eine Verletzung des dritten oder vierten Halswirbels verursachen kann, weiss Philipp, der dabei nachdenklich wird: Lähmung. Und ein Leben im Rollstuhl.

*Name geändert