Seit alle Menschen ein Smartphone haben, sind Selfies zur verbreitetsten Form des Selbstporträts geworden. Verlässliche, aktuelle Daten dafür gibt es zwar nicht. Laut einer Google-Statistik wurden aber 2014 allein mit Android-Smartphones täglich 93 Millionen solcher Fotos aufgenommen.

Selfies dürften folglich massgeblich dazu beitragen, wie sich Menschen selbst wahrnehmen. Sie sehen sich so, weil sie sich in den sozialen Netzwerken so darstellen. Zu diesem Schluss kommt auch die «American Academy of Facial Plastic and Reconstructive Surgery» (AAFPRS). Sie ist die weltweit grösste Vereinigung plastischer Chirurgen.

Laut einer Umfrage dieses US-Verbands hatten im vergangenen Jahr 55 Prozent der befragten Ärzte mit Patienten zu tun, die auf ihren Selfies schöner aussehen wollen. Das entspricht einem Anstieg von 16 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das Selfie, so das Resümee, würde auch weiterhin eine starke Rolle bei der Bewertung des eigenen Aussehens spielen.

3D-Modell zeigt «Selfie-Effekt»

Der häufigste chirurgische Eingriff am Gesicht ist nach wie vor die Nasenoperation: 97 Prozent der befragten Ärzte führten 2017 solche Eingriffe durch. Einer davon ist Boris Paskhover, Schönheitschirurg der Rutgers New Jersey Medical School. Er bestätigt gegenüber der Zeitung «The Guardian», dass sich die meisten seiner Patienten, aber auch Freunde und Familienmitglieder eine kleinere Nase wünschen und als Beleg für ein zu grosses Riechorgan häufig auf Selfies verweisen.

Laut Paskhover geben die Smartphone-Porträts jedoch nur selten ein akkurates Bild der eigenen Nase wieder. Um seine Annahme wissenschaftlich zu belegen, fertigte der Chirurg mithilfe eines Computerspezialisten und auf Basis von US-Statistiken das 3D-Modell eines durchschnittlichen menschlichen Gesichts an. Anschliessend berechnete das Team, wie viel grösser eine Nase auf Selfies erscheint.

Das Ergebnis der wissenschaftlichen Arbeit zum «Selfie-Effekt»: Auf Selbstporträts, die aus einer Entfernung von 30 Zentimetern aufgenommen wurden, sind männliche Nasen bis zu 30 Prozent grösser als in Wirklichkeit, bei Frauen ist das Riechorgan um bis 29 Prozent verzerrt. Besonders gross wirkt die Nasenspitze: Wenn man sie ins Verhältnis zur restlichen Nase setzt, ist sie 7 Prozent grösser.

Dieser Verzerrungseffekt ist auf die Weitwinkelobjektive der Smartphones zurückzuführen, die nahe Objekte naturgemäss vergrössern. «Wenn die Kamera nah an etwas ist, das nach aussen ragt, so wie die menschliche Nase, dann wirkt sie grösser im Verhältnis zum Gesicht», erklärt Paskhover.

Gegen die visuelle Nasenvergrösserung helfen herkömmliche Fotokameras oder Selfie-Stangen, mit denen Selbstporträts aus grösserer Entfernung gemacht werden können. Die ideale, da verzerrungsfreie Distanz beträgt laut Paskhover 1,5 Meter. Das sei der Abstand, in dem professionelle Fotografen und er selbst Patienten fotografierten, um ein originalgetreues Abbild des Gesichts zu erhalten.

Der Schönheitschirurg sagt, dass viele junge Menschen und vor allem Mädchen Nasenoperationen durchführen lassen, und wünscht sich mehr Aufklärung: «Jugendliche sollten wissen, dass sie nicht so aussehen und sich keine Sorgen machen», sagt Paskhover. «Das Selfie ist wie ein Zerrspiegel auf dem Rummelplatz.»