Der Rasen selbst ist ein Paradox. Dies drückt sich aus in der zweiten Assoziation, die sich einstellt: (Bitte) Rasen nicht betreten!

(Die erste Assoziation ist natürlich Roger Federer und der «heilige Rasen» von Wimbledon. Wobei der Verdacht nicht ganz ausgeräumt werden kann, dass das Epitheton «heilig» der grasigen Fläche aufgrund der Heldentaten, die auf ihm errungen wurden, verliehen wird. Und das würde eher für das Proleten-Spiel Fussball gelten.)

Das Paradox wirft Licht auf die Kulturgeschichte des Rasens. Der Rasen ist ein Stück Land, das der herkömmlichen Nutzung entzogen wird. Boden ist sonst dazu bestimmt, Nahrung zu produzieren. Boden ausdrücklich nicht zu diesem Zweck zu benutzen, zeigt, dass sein Besitzer nicht darauf angewiesen ist. «Lawn» – also Rasen – ist ein Gegenbegriff zu «Weide» oder «Acker», ein mit voller Absicht unproduktiv verwendetes Stück Land.

Man mag einwenden, dass das in klassenkämpferischer Art zugespitzt ist. Den Garten, das kultivierte Stück Wildnis rund ums oder – im alten Rom – im Wohngebäude, gibt es schon lange und auch in Gesellschaften, die keine Adelsschicht kennen, die sich dergestalt abheben muss von der Masse. Im Garten wird schliesslich Gemüse gezogen und da stehen oft auch Fruchtbäume.

Aber bereits vom Garten des englischen Königs Henry II. (1113–1189) in Clarendon, Wiltshire, wurde gesagt, «er prahle mit seinen Rasenflächen» («to boast a wealth of lawns»). Auch wenn die Gartenhistoriker Lionel S. Smith und Mark D. E. Fellowes, die das Zitat überliefern, in ihrem Artikel Wert darauf legen, dass «lawn» ursprünglich nicht eine langweilige grüne Fläche bedeutete, sondern im Gegenteil eine farbige Blumenwiese.

Dennoch steht das Schild «(Bitte) Rasen nicht betreten!» nicht einfach so da. Es sagt nämlich nicht, dass nie jemand auf diesen Rasen treten darf. Zu bestimmten Gelegenheiten dient der Rasen für Privilegierte als Unterlage für die Zeremonie. Auf dem Rasen des Weissen Hauses stehen – da erinnert sich jeder Amerikaner.

Kein Rasen ohne Rasenmäher

Die eigentliche Geschichte des Rasens beginnt viel später. Sie beginnt 1830, als der englische Ingenieur Edwin Budding den Rasenmäher patentieren lässt. Die Idee hatte er von der Textilindustrie, dort benutzte man das Prinzip der gegeneinander rotierenden Scheren, um die Oberfläche von Teppichen schön gerade zu scheren. Bis sich die Maschine auf dem Markt durchsetzte, dauerte es noch ein Weilchen.

Die Sense endgültig abgelöst hatte dann erst der Rasenmäher, der die Messer zylindrisch angeordnet hatte. Es mag noch Leute geben, die sich an das charakteristische Geräusch erinnern, das diese Handmäher erzeugen. «Gardening for Pleasure» belehrte in den USA jedenfalls den Leser bereits 1875, dass es jetzt keine Ausrede mehr gebe, das Gras im Vorgarten wachsen und «zu Heu werden» zu lassen.

Zwei Dinge lassen sich daraus lernen: Das Schild «(Bitte) Rasen nicht betreten!» markiert eben auch, dass für dieses Stück Gras erheblicher Aufwand getrieben werden muss. Das kennen wir noch vom Adel. Denn der Aufwand manifestiert sich vor allem in Arbeitszeit. Unproduktive Arbeitszeit, die sich der gewöhnliche Mann nicht leisten kann. Andererseits lernen wir auch, dass es mittlerweile nicht nur Industrie gibt mit Maschinen, sondern dass es sich immer mehr Leute leisten können, ihr Vorgärtchen mit einer Maschine traktieren zu können. Sie haben nicht nur die Maschine, sondern auch das Haus und das Vorgärtchen.

Und das Wichtigste: Das «Vor-» im Vorgärtchen. Denn hier hat die middle class beim Adel abgekupfert. Nicht, dass der Adel es nötig gehabt hätte, seinen Rasen nur vor dem Haus anzulegen. Aber nur so konnte der Hüslibesitzer seine zwei grünen Quadratmeter überhaupt sichtbar machen. Im Unterschied zum Adeligen muss er auch selbst Hand anlegen. Und all den Dünger und die Geräte berappen. Denn ein Rasen ohne Pflege ist schlimmer als kein Rasen. Denn er zeigt unbarmherzig, wie es um den wirtschaftlichen Status seines Eigentümers steht. Zeige mir deinen Rasen, und ich sage dir, wer du bist.

Lasst die Wörter sprechen

Wobei man das mit dem Mähen differenziert sehen muss. Die Wurzel steckt noch im Englischen «meadows», in der Bedeutung von: Grasland, das gemäht wird. «Lawn» hingegen führt etymologisch zurück auf «laund» im Altenglischen und «lawnd» (Mittelenglisch). Dort bedeutet es eine Lichtung im Wald, die man als Weide benutzen kann. Grasflächen, die man eben nicht im herkömmlichen Sinn mähen soll. Ob die Verbindung zur französischen Stadt Laon wissenschaftlich tragfähig ist, ist offen: Der Name stamme vom berühmten Leinentuch her, das dort produziert wurde: «laune lynen» oder einfach «lawn». Passen würde es.

Die Aussage über den Landsitz von Henry II. stammt aus dem 12. Jahrhundert. Und es ist klar, dass es die Wiese rund ums Haus schon länger gibt. Von Henry III. wird 1259 berichtet, dass er die Gärten rund um Westminster mit einer Walze behandeln liess und dort Gras säte, das gemäht wurde.

Unser deutsches Wort «Rasen» steckt noch in der alten Bezeichnung «Wase(n)» (früher: «wrase»). In «Wasen» steckt «waso», wie Wiese steht es auch für feuchtes Land, das für die landwirtschaftliche Nutzung nicht gut geeignet ist. Damit verbindet sich ein Drittes. Rasen muss der Natur abgerungen werden. Und für bestimmte Leute steckt auch im heutigen Rasen etwas Frivoles. So viel Aufwand um nichts oder allenfalls Status, so viel verschwendete Fruchtfläche, die man zur Nahrungsmittelproduktion nutzen könnte.

Trotzdem: Heute ist Rasen überall. Als Statussymbol auch dort, wo er wirklich hingehört. Klar, dass die Golf-Emirate auch ihre Rasenteppiche haben müssen. Ungeachtet der Kosten. Denn Wasser ist dort nicht gratis.

Der Historiker Yuval Harari benutzt die Geschichte des Rasens in seinem Buch «Homo Deus» als Beispiel für eine «kulturelle Last», die man jetzt abschütteln müsse. Etwas Überkommenes, das wir sicher nicht mehr brauchen. Ein Zeichen aus der Vergangenheit, von der wir uns befreien müssen, um unbefangen in die Zukunft gehen zu können. Ausser wir spielen Tennis.