«Frauen sind anders krank als Männer.» Das sagt Kerstin Schmit. Sie ist Hausärztin in Zürich und hat sich auf Gendermedizin spezialisiert. Denn sie stellte bei ihrer Arbeit bald einmal fest, dass die üblichen Therapien für gewisse Krankheiten bei Frauen nicht funktionierten. Seither stellt sie ihre Diagnosen anders – je nach dem, ob eine Frau oder ein Mann in ihre Praxis kommt.

Das Geschlecht der Patienten wurde bisher vernachlässigt, doch langsam findet ein Umdenken in der Medizin statt. Derzeit werden weltweit entsprechende Studien zu den Unterschieden und Gemeinsamkeiten der Geschlechter durchgeführt. Wichtige Faktoren sind Lebensstil und soziales Umfeld, vor allem aber biologische Aspekte wie der Einfluss von Sexualhormonen, Körperbau und Stoffwechsel. Männer haben zudem mehr Muskelmasse und weniger Fett. «Dies kann Symptome, Auslöser und den Verlauf von Erkrankungen sowie das Ansprechen auf die Therapie beeinflussen», sagt Kerstin Schmit.

Doch bisher war die Erforschung medizinischer Therapien vor allem auf Männer ausgerichtet: Nicht nur sind Versuchstiere meist männlich, auch die Probanden von Studien sind mehrheitlich Männer. Dies, weil bei Frauen vor der Menopause immer zuerst abgeklärt werden muss, ob sie nicht schwanger sind, wenn es um das Testen von Medikamenten geht. Studien, die Frauen und Männer separat betrachten, brauchen auch mehr Testpersonen – was teuer ist.

Frauen später im Spital

Am besten erforscht ist bislang der geschlechtsspezifische Unterschied bei Herzkreislauferkrankungen. Studien belegen, dass bei einem Herzinfarkt Frauen später als Männer in die Klinik eingeliefert werden. In der Schweiz beträgt die Differenz rund 45 Minuten. «Dabei verstreicht wertvolle Zeit», bedauert Dragana Radovanovic. Die Kardiologin leitet am Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention der Universität Zürich das AMIS Plus Data Center. Dieses Center analysiert Daten über Herzinfarktpatienten in der Schweiz.

Für die 45-Minuten-Verzögerung nennt die Medizinerin zwei Gründe: Zum einen würden Frauen aus falscher Bescheidenheit ihre Beschwerden nicht so wichtig nehmen. «Sie denken vielfach noch immer zuerst an den Mann und die Kinder.» Zum anderen seien die Symptome bei Frauen differenzierter, sodass ein Infarkt nicht immer sofort erkannt werde. Während Männer bei einem Herzinfarkt meist die typischen Warnsignale haben wie einen intensiven Schmerz in der linken Brust, der in die Schulter und den linken Arm ausstrahlt, kündigt sich ein Herzinfarkt bei manchen Frauen mit Übelkeit oder Kurzatmigkeit an.

Die Gender-Diskussion hat in der Kardiologie bereits zu positiven Veränderungen geführt. Lange galt der Herzinfarkt als Männerkrankheit, sodass betroffene Frauen – und auch das medizinische Personal – zögerlicher zu den notwendigen Mitteln griffen. Die Überlebenschancen von Frauen waren deshalb deutlich schlechter als jene der Männer. «Dies hat sich geändert», sagt Dragana Radovanovic. Die Kardiologin hat in einer Studie aufgezeigt, dass heute in Schweizer Spitälern deutlich weniger Frauen an Herzinfarkt sterben als in früheren Jahren. «Weibliche wie männliche Herz-Patienten erhalten in Schweizer Kliniken eine gleichwertige Behandlung», betont Radovanovic.

Dennoch: Die Sterblichkeit von Frauen bei Herzerkrankungen generell ist höher als jene der Männer (49 zu 40 Prozent). Weshalb, erforscht derzeit Catherine Gebhard, Oberärztin an der Klinik für Nuklearmedizin des Universitätsspitals Zürich und Professorin am Center for Molecular Cardiology. Im Zentrum der Forschung steht der Einfluss von Stress und Stresshormonen. Die vorläufigen Daten, so Gebhard, würden darauf hindeuten, dass das vegetative Nervensystem Herzerkrankungen bei Männern und Frauen unterschiedlich beeinflusse. So werde bei herzkranken weiblichen Patienten mehr Adrenalin ausgeschüttet. Die Kardiologin betont: «Mentaler Stress scheint Frauenherzen mehr zu schaden als den Herzen von Männern.»

Sonst aber schützt das Hormon Östrogen das Herz von Frauen: Sie bekommen meist erst nach der Menopause Herzkrankheiten. Deshalb entwickeln Frauen acht bis zehn Jahre später als Männer eine Herzkreislauferkrankung. Erleiden sie dennoch einen Herzinfarkt, bevor sie das Alter von 60 erreichen, sterben sie während ihres ersten Klinikaufenthaltes trotz gleichwertiger Behandlung häufiger als Männer gleichen Alters. Dies belegen die Daten von Dragana Radovanovic.

Dass Frauenherzen anders schlagen, zeigt die Anatomie. So sind Herz und Herzgefässe bei Frauen kleiner als bei Männern. Bei Männern beruhen Herzinfarkte normalerweise auf einem Riss in den Ablagerungen an der Innenwand der Arterie. Bei Frauen beginnen diese Ablagerungen eher zu bröckeln. Eine Studie von Catherine Gebhard zeigt, dass sich Männer- und Frauenherzen im Alter unterschiedlich entwickeln. Während die Pump-Funktion des Herzens bei älteren Männern unverändert bleibt oder lediglich leicht abnimmt, wurde bei Frauen nach der Menopause eine starke Zunahme beobachtet. Warum es dazu kommt, wird noch erforscht.

Unterschiede gibt es auch bei der Prävention. Kerstin Schmit verweist darauf, dass Aspirin bei Männern einen Herzinfarkt verhindern kann. Bei Frauen trifft diese Wirkung nicht ein. Doch das Mittel kann bei Frauen präventiv ebenso wie bei Männern gegen Schlaganfälle eingesetzt werden.

Arzneien wirken langsamer

Medikamente wirken bei Frauen auch deshalb anders, weil der Magen-Darm-Trakt bei ihnen anders funktioniert. Zudem führt der höhere Fettanteil im weibliche Körper dazu, dass Medikamente langsamer abgebaut werden und stärkere Nebenwirkungen auslösen. «Es ist deshalb nicht immer sinnvoll, Frauen die gleiche Dosis zu verordnen», sagt Schmit. Ausserdem beeinflussen Hormone den Stoffwechsel und damit die Verarbeitung bestimmter Wirkstoffe.

Auch Dragana Radovanovic fordert ein Umdenken in der Forschung: «Es ist notwendig, mehr frauenspezifische Forschung bei den koronaren Herzkrankheiten durchzuführen.» Bei klinischen Studien, welche die bessere Versorgung bei Herzinfarkt untersuchten, sollten vermehrt verschiedene Therapien bei Frauen miteinander verglichen werden anstelle gleichartiger zwischen den Geschlechtern. Und Catherine Gebhard betont: «Im Zeitalter der personalisierten Medizin, wozu Gendermedizin gehört, ist es nicht mehr zu rechtfertigen, dass in der Pharmaforschung die Hälfte der Menschheit ignoriert wird.»

Es geht auch um die Männer

Für Kerstin Schmit ist klar, dass sich die Gendermedizin aber auch um die Männer kümmern muss. «Bei Männern müssen wir an einem anderen Punkt ansetzen.» Nämlich beim Gesundheitsbewusstsein. «Männer gehen nicht gerne zum Arzt und kümmern sich weniger intensiv um Vorsorge.» Catherine Gebhard verweist darauf, dass in anderen Gebieten der Medizin Männer unter die Räder kommen würden. Sie nennt ein Beispiel aus der Psychiatrie: «Auch Männer haben Essstörungen. Doch dazu gibt es kaum Daten.»