Sprachenstreit

Sollten Deutschsprechende lieber nicht «chillen»?

Babylonisch: «Handy» bedeutet im Englischen «zur Hand» oder «geschickt». Das Abwaschmittel profitiert offenbar von der Werbung, dass beim Abwaschen die Hände gepflegt werden. Und warum das Hosensacktelefon bei uns «Handy» genannt wird, hat wahrscheinlich mit Abwaschen nichts zu tun. KEYSTONE

Babylonisch: «Handy» bedeutet im Englischen «zur Hand» oder «geschickt». Das Abwaschmittel profitiert offenbar von der Werbung, dass beim Abwaschen die Hände gepflegt werden. Und warum das Hosensacktelefon bei uns «Handy» genannt wird, hat wahrscheinlich mit Abwaschen nichts zu tun. KEYSTONE

Das Deutsche wird überschwemmt mit Anglizismen, die so im Englischen gar nicht gebraucht werden. Sollen wir deshalb ein reines Deutsch sprechen?

«Von ihnen (Noahs Söhnen Sem, Ham und Japhet) zweigten sich die Inseln der Nationen ab, das sind die Söhne Japhets in ihren Ländern, je nach ihrer Sprache, nach ihren Sippen und ihren Völkerschaften.»

1. Mose 10, 5

«Und der Herr sprach: Sieh, alle sind ein Volk und haben eine Sprache. Und dies ist erst der Anfang ihres Tuns. Nun wird ihnen nichts mehr unmöglich sein, was immer sie sich zu tun vornehmen. Auf, lasst uns hinabsteigen und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner mehr die Sprache des andern versteht.»

1. Mose 11, 6-7

Zwei Geschichten, in der Heiligen Schrift kaum mehr als eine Seite voneinander entfernt, mit völlig konträrer Aussage. Viele Völker, viele Sprachen – ursprünglich ein Volk, später viele Sprachen. Die erste Geschichte kennt fast niemand (ist auch besser so, auf Widersprüche in der Hl. Schrift sollte man nicht unnötigerweise aufmerksam machen, obwohl sie eigentlich die Regel sind . . .), die andere Geschichte, die vom Turmbau zu Babel, ist dagegen wohlbekannt und hat sich auch in der «babylonischen Sprachverwirrung» niedergeschlagen. Wenigstens sprachlich. In der Wissenschaft tobt die Debatte, ob die Sprache in der Menschheitsgeschichte einmal oder mehrmals erfunden wurde. Die Belege sprechen eher fürs Zweite. Andere Hinweise deuten darauf hin, dass mit der Umstellung auf Ackerbau (wofür einiges spricht, dass es ursprünglich nur an einem Ort geschah) auch eine sprachliche Trichterfunktion verbunden gewesen war, dass also sich danach nur noch Ackerbau-Sprachen durchsetzten (in Europa und Asien). Die Frage ist spannend und offen.

Überlagert wird die Debatte von der «Spracherfindung» oder von ihrem ersten Auftreten von einer anderen. Die Theorie ist mit dem Namen Noam Chomsky verbunden, in der (deutschsprachigen) Wissenschaft geisterte sie unter dem rätselhaften Akronym (GTG = Generative Transformationsgrammatik) herum. Die Theorie postuliert mentale Strukturen, die universal sind, eine Art genetische Grundausstattung für Sprachgebrauch und Spracherwerb. Unbestritten ist, dass Kleinkinder in der Lage sind, jede beliebige Sprache relativ mühelos zu erlernen. Natürlich wäre das die Sprache der Mutter, weil sie am meisten Zeit mit dem Kind zubringt. Die Debatte um «Muttersprache» und «Mutter Sprache» könnte man pragmatisch beenden. Das findet auch der Sprachwissenschafter Karl-Heinz Göttert, der ein äusserst lesenswertes Buch zum Thema vorgelegt hat. «Deutsch in Zeiten der Globalisierung» ist der Untertitel, «Abschied von Mutter Sprache» benennt sehr präzis, worum es geht. Pragmatisch ist doch immer gut.

Wenn das 19. Jahrhundert nicht gewesen wäre. Da entstand in Europa die Idee der Nation und dafür unverzichtbar war die einem Volk gemeinsame Sprache. Nationalcharakter und dergleichen scheinen eher die Folge der Idee gewesen zu sein als die Ursache zur Entstehung der Nationen. Aber als Abgrenzungskriterium war die jeweilige Sprache unersetzlich. (Deshalb mussten sich die Schweizer irgendwann als «Willensnation» definieren.) In den feudalen Zeiten des Ancien Régime war das noch anders. Der Adel sprach in ganz Europa Französisch (das sich als Sprache der Diplomatie bis weit ins 20. Jahrhundert hinein retten konnte) und die jeweilige «Volkssprache» war eben die Sprache, die man an einem bestimmten Ort eben sprach. Goethe zum Beispiel sprach neben Deutsch je nach Bedarf Französisch, Italienisch, sogar Englisch – und Jiddisch; Latein und Griechisch konnte er natürlich auch gut.

Spätestens seit Luther – und Galilei – hatte der Gebrauch der Volkssprache etwas Emanzipatorisches. Und zwar vom Lateinischen, das die Sprache der etablierten Hochkultur (der Hochschulen und natürlich der katholischen Kirche) war. Natürlich war Latein die «lingua franca» Europas bis in die Neuzeit – nicht nur in der Wissenschaft. Aber Latein zu verwenden hatte immer auch etwas Elitäres, etwas Abgrenzendes. Die Volkssprache zu verwenden bedeutete unterschwellig, dass man mit der Schichtung der Gesellschaft nicht ganz einverstanden war. Das war in Italien und Deutschland auf jeden Fall so, in Frankreich und besonders in England liegt der Fall etwas anders. Hier gab es protostaatliche Strukturen mit einer – für den ganzen Machtbereich geltenden – Amtssprache – und das war natürlich dann «das Englische» oder «das «Französische».

Das Deutsche ist sowieso eine Art Sonderfall. Das hat natürlich auch mit der deutschen Geschichte zu tun. Und mit der Sprachgeschichte. «thiutisk» oder «theodisce» bedeutet althochdeutsch resp. lateinisch «zum Volk gehörig». Das Wort «deutsch» bezeichnete ursprünglich gar kein «Volk», schon gar nicht ein germanisches Urvolk. Eine «deutsche Sprache» gab es frühestens seit dem 15. Jahrhundert, seit der Erfindung des Buchdrucks. Gutenberg selbst druckte zwar eine lateinische Bibel, aber seine Nachahmer und Nachfolger begannen «volkssprachliche Drucksachen» zu verfertigen. Allerdings waren das noch immer regionale Dialekte. Auch Luther, dessen Bibelübersetzung zu Recht als entscheidendes Faktum gefeiert wird, übersetzte nicht «ins Deutsche», sondern ins Sächsische, genauer in die Sprache, die in der Kanzlei zu Meissen verwendet wurde. Und das war – nur nebenbei – ein klassisches «Schriftdeutsch».

Der «deutschen» Sprache haftete seit je an, dass sie etwas «Gemachtes» war, ein Kunstprodukt, dessen Entstehung mit zahlreichen «politischen» Entscheidungen verbunden ist. Das macht das ganze Gerede von einer Sprache, die man «rein» zu halten gehalten sei, oder von einer Sprache, die irgendeine nebulöse Identität ausdrücke, höchst fragwürdig. Natürlich ist die Sprache, die gesprochen wird, in höchstem Mass identitätsbildend. Das kennen wir aus unserer Diskussion, wem der Vorrang gebühre, dem Schweizerdeutschen oder der sogenannten Standardsprache. Aber – um auf Chomskys TGT zurückzukommen – ist eine (Einzel-)Sprache wirklich mental repräsentiert? «Denkt», wer Deutsch spricht, auch «deutsch». Oder tickt anders, wer eine andere Muttersprache gelernt hat? Oder verändert sich das Denken, wenn man eine Zweitsprache erlernt?

Englisch oder Deutsch – oder «Globish» oder sonstwas? Das ist der aktuelle Streitplatz. Und der Streit ist ohne das 19. Jahrhundert nicht vollständig zu verstehen. Die herrschende Doktrin der Darwin-Ära war, dass es kein Überleben ohne Kampf gibt. Oder: Wer sich nicht wehrt, geht unter. Und diese Doktrin übertrug man ziemlich unbesehen auf alles Mögliche. Unter anderem auch auf die Sprache(n). Und es ist auch nicht zu bestreiten: Das Deutsche erlebte während des Übergangs zum 20. Jahrhundert seinen Höhepunkt in Sachen Geltung und Verbreitung. Das verlief parallel zu den wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Erfolgen Deutschlands – und erlebte durch die Weltkriege wieder einen Niedergang.

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich das Englische endgültig durch. Englisch wurde die neue «Weltsprache». Und seither wollen die Stimmen nicht verstummen, dass man sich dagegen wehren müsse. Es gelte, das Deutsche vor dem Englischen zu schützen oder gar zu retten. Oder dann wirklich mitmachen: «Schiller und Goethe kann man auch auf Englisch lesen, schaffen wir das alles ab, stellen wir um, mit Deutsch kann man ja höchstens noch Kanzler werden.» Vielleicht nicht ganz ernst gemeint, aber ohne Englisch gibt’s keinen Erfolg. Wirtschaftlich, wissenschaftlich, immer mehr auch kulturell. Beide Standpunkte sind natürlich schwachsinnig. Englisch ist die «lingua franca» der Moderne, unbestritten. Aber wie sich auch das Latein (damals) nicht als globale Umgangssprache durchsetzte, weist der momentane Zustand nicht auf eine «englische Zukunft» hin. Sondern auf eine zweisprachliche Welt.

Zurück zum Alten Testament. Ist Zwei- oder Mehrsprachigkeit Verwirrung oder normal? Es gibt praktische Gesichtspunkte. Von der Globalisierung mag man halten, was man will, für eine vernünftige Verständigung brauchen wir eine «lingua franca». Und das Englische ist dafür nicht die schlechteste Variante. Die Frage wird diskutiert, ob es eine Art «Globish» geben wird, ein grammatikalisch simples Englisch mit einem eingeschränktem Wortschatz. So eine Art globalen «Balkan-Speak». Die Antwort wäre: Eher nicht. Natürlich gibt es Sprecher, die besser Englisch können, aber einen minderwertigen Standard zu setzen, macht keinen Sinn. Das Deutsch – und alle anderen Sprachen – werden nicht untergehen, solange es genügend Sprecher gibt. Natürlich werden Sprachen verdrängt und sterben aus, aber das gab es schon immer.

«Reines Deutsch» = besseres Deutsch? Englisch lernen sollten wir, wie steht es mit dem Deutschen? Wäre es dann nicht besser, das Englische hier draussen zu lassen? Die Frage erübrigt sich. Sprechern etwas vorschreiben zu wollen – sei es von Staats wegen oder sonst –, empfiehlt sich nicht. Natürlich gibt es Auswüchse und gibt es deutsche native speaker, die alles Mögliche und Unnötige in englischen Vokabeln ausdrücken. Aber da ist Spott besser als Verbot. Ihnen wird von Sprachhütern, -puristen und anderen -päpsten «Infantilismus», «dumm speak» und Schlimmeres wie «Sprachschändung», «Sprachvergiftung» oder gar «Illoyalität zur deutschen Sprache» unterstellt. Musterbeispiel dafür ist der «Airbag», der von deutschen Ingenieuren von Mercedes-Benz, Untertürkheim, Stuttgart, erfunden und benamst wurde: «Aufprallsack» hätte der doch heissen müssen.

Trefflich aufregen kann man sich über «falsche Anglizismen»: Ein «Body Bag» ist für Deutschsprecher ein elegantes Umhängetäschchen, für Angelsachsen ein «Leichensack»; ähnlich liegt der Fall beim «public viewing», das der Engländer als «Leichen(be)schau» kennt. Noch schlimmer: «Dressman» kennt der Engländer gar nicht. Und der «Start» eines Flugzeugs heisst «take off». Sollen Deutsche den Begriff «Blockbuster» («Kassenschlager») gebrauchen? Interessante Frage, wenn man weiss, dass «blockbuster» die tonnenschweren Luftminen waren, welche im Luftkrieg die Dächer von den Häusern sprengen sollten, damit sie mit den darauffolgenden Brandbomben leichter in Brand gesetzt werden konnten.

Und gar vollends zur Farce wird die Sprachhetze, wenn der Herr Professor (Name der Red. bekannt) zur Klage ansetzt, dass doch die Sprache der «Hort des Seins» sei. Bei Heidegger, woher die Fügung stammt, heisst es aber: «Haus des Seins». Und der Herr Professor verwendet hier «Hort» offenbar ebenfalls als Fremdwort (lat. hortus = Garten). Das «germanische» «hort» (mhd.) bedeutet «Schatz» (Nibelungenhort). Althochdeutsch «ort» bedeutet übrigens «(Speer-)spitze» oder «Schneide».

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