«Wichtig ist, was man schreibt, nicht wie man schreibt»

Einst meisselten Menschen Texte in Stein, dann schrieben sie auf Papier, jetzt tippen sie. Eine logische und gute Entwicklung.

Raffael Schuppisser, Ressortleiter Leben & Wissen

Keine Frage, die Schrift gehört zu den grössten Errungenschaften der Menschheit. Sie verfestigt die flüchtige Rede und entbindet diese von Ort und Zeit. Weder Youtube noch Handy-Kameras können die Verbreitung der Schrift zurückdrängen. Im Gegenteil: Die Digitalisierung fördert die Verschriftlichung sogar. Noch nie wurde so viel geschrieben wie heute.

Die berechtigte Frage ist allerdings, ob man im Zeitalter der Tastaturen und Touchscreens noch mit Stift auf Papier schreiben können muss, wenn doch Tippen so viel schneller und komfortabler geht. Auch wenn der Pisa-Musterschüler Finnland nicht so weit geht und die Handschrift ganz abschafft, sagt die Kulturministerin, «die Fähigkeit, flüssig zu tippen, ist eine wichtige nationale Kompetenz». Im 21. Jahrhundert ist diese Kulturtechnik weitaus wichtiger als das Erlernen einer schönen Handschrift.

Es macht deshalb Sinn, dass man im Unterricht darauf fokussiert. Nur weil die Handschrift eine lange Tradition hat, heisst das nicht, dass wir daran festhalten müssen. Muss man heute noch mit einer Lochkamera fotografieren können? Nein, wir haben Digicams. Muss man heute noch morsen können? Nein, wir haben Telefone. Natürlich ist es schön, wenn man es trotzdem kann. Aber längst nicht mehr nötig. Das gilt auch für die Handschrift.

Freilich gibt es noch Momente, in denen es nützlich ist, wenn man sich eine handschriftliche Notiz machen kann – etwa dann, wenn man keinen Computer oder kein Handy zur Hand hat. Oft fehlt einem aber gerade dann auch Stift und Papier, und ohne gehts nicht. Das zeigt: Handschreiben ist nicht etwas qualitativ völlig anderes (und schon gar nicht Besseres), als auf einer Tastatur zu tippen. Hier wie dort ist man auf technische Hilfsmittel angewiesen.

Mögen sich die Kulturpessimisten eine Träne verdrücken: Der Grossteil der Menschheit wird das Schreiben von Hand wohl verlernen – so wie die meisten von uns nicht mehr mithilfe der am Himmel sichtbaren Sterne navigieren und keine Texte mehr mit Meissel und Hammer in Stein verewigen können. Schlimm ist das nicht. Das Abendland geht deswegen nicht unter. Denn wichtig ist, was man schreibt, nicht wie man schreibt.

«Ist es etwa zu viel verlangt, beides zu können?»

Schüler müssen das Schreiben mit Stift und Papier lernen, alles andere wäre ein fataler Kulturverlust.

Alexandra Fitz, Redaktorin Leben & Wissen

«Ist es etwa zu viel verlangt, beides zu können?»

«Ist es etwa zu viel verlangt, beides zu können?»