Wir haben einen Versuch gestartet mit einem fiktiven Facebookprofil von einem 15-jährigen Mädchen. Dieses zeigte Bilder von sich, wie sie überall zu finden sind, auch im Bikini. Es ging nicht lange, als sie mit anzüglichen Bemerkungen und Anträgen eingedeckt wurde. Auf ein Angebot gingen wir zum Schein ein. Der Mann wollte Sex mit der 15-Jährigen – und war über unseren Journalisten erstaunt.

Der Kantonsschullehrer und Social-Media-Experte Philippe Wampfler kritisierte die Versuchsanlage rund um ‹Melanie›. Jugendliche würden heutzutage nicht mehr so freizügige Bilder posten.

Herr Wampfler, worauf beziehen sich Ihre Erfahrungen, dass heutzutage Jugendliche weniger freizügige Bilder posten?

Es ist nicht so, dass Jugendliche sich im Netz weniger freizügig präsentieren, allerdings machen das nur wenige so wie die fiktive Melanie. Sehr oft veröffentlichen sie solche Bilder nur in einem gezielten, privaten Rahmen.

Das Experiment suggeriert aber, dass alle Jugendliche mit solchen Bildern um sich werfen, was nicht der Fall ist. Das Experiment widerspiegelt lediglich ein Extremfall, ähnlich wie wenn man sich bei Tempo 80 ohne zu schauen auf einen Fussgängerstreifen begibt. Das wenn man etwas provoziert, dann auch etwas passiert, ist absehbar.

Sie sagen aber auch, dass es im Internet trotzdem massiv übergriffige Männer gibt.

Ja, allerdings wird nicht jede und jeder einfach angemacht. Ich habe den Artikel in einer Gymnasiumklasse besprochen und rund 50% der Frauen berichteten von solchen Vorfällen.

Man muss sich aber auch fragen, was in unserer Gesellschaft falsch läuft, dass Erwachsene im Internet nach solchen Jugendlichen Ausschau halten. Man sollte auch mit den Tätern arbeiten. Trotzdem ist es aber sehr wichtig, die Jugendlichen aufzuklären.

Und wie kann man sie als Mutter oder Vater am besten aufklären?

Am besten wäre es, die Kinder oder Jugendlichen werden schrittweise selbstständig. Dass man als Eltern nachfragt, wer mit seinem Kind schreibt oder ob es über die Privatsphären-Einstellungen Bescheid weiss. Man kann auch ältere Jugendliche zu ihrer Meinung befragen: diese können die Situation meist auch sehr gut einschätzen.

Wichtig ist, dass das Kind es einem erzählt, wenn es Bilder zugeschickt bekommt, die es nicht sehen will oder auch wenn sich jemand mit dem Kind treffen möchte. Das sind echte Probleme und sollten nicht runtergespielt werden.

Die Kinder müssen aber hier den Eltern vertrauen können, es darf kein "Victim-Blaming" herrschen (Das Opfer als Verantwortlichen darstellen). Wenn das Kind von einem solchen Vorfall erzählt, dürfen die Eltern nicht mit "Ich hab es dir ja gesagt" reagieren, sondern müssen sich dem Kind und seinem Problem annehmen.

Ebenfalls sagen Sie, dass die heutige Jugend nicht mehr wirklich aktiv auf Facebook ist, aber beispielsweise auf Instagram. Das Bilder-Portal hat mittlerweile Parallelen zu der Mutterfirma Facebook: Folgen-Algorithmus, private Chatfunktion – wieso ist es so unwahrscheinlich, dass sich dort ähnliches abspielt?

Das ist in der Tat so, auch deshalb herrscht hier eine stärkere Anonymität, weil man nicht den echten Namen angeben muss. Was aber oft vertreten ist, ist das Alter des Nutzers. Hier kann man sein Profil jedoch sehr einfach auf privat stellen, wodurch das Profil nur für einen eingeschränkten Kreis sichtbar bleibt. 

Und ein anderes beliebtes Medium ist Snapchat. Hier werden die Beiträge für den Empfänger eigentlich nach 10 Sekunden gelöscht. Wäre es nicht sogar noch verlockender, sich deshalb freizügig zu zeigen? Die App stand ja auch schon öfters wegen Sexting-Vorwürfen (Sexuelle Kommunikation in Messengern) in der Kritik.

Damit provoziert Snapchat ja auch, dass man sich hemmungsloser zeigen soll. Aber hier herrscht meist eine klare Adressierung an den Empfänger. Man verschickt die allenfalls freizügigen Bilder bewusst und stellt sie nur selten in die Story (Einer Art Bilder-Chronik), wo jeder zugreifen kann. Es kann schon vorkommen, dass man ein Bild an einen zwielichtigen Typen sendet, etwa um die Reaktion von möglichst vielen zu sehen, aber so gut wie nie an einen vollkommen Fremden.