Für viele war es ein Moment der Stille, für Pius Segmüller war es der Horror. Der ehemalige Kommandant der Schweizergarde denkt ungern an die jährliche Osternachtfeier im Petersdom zurück. «Der Papst betritt im Dunkeln den Korridor der Basilika», sagt er, «und wir als Bewacher sehen – nichts.» Drei bis vier Minuten bleibt es stockdunkel, ehe wieder Licht hereingelassen wird. Dazwischen: bangen und zittern. «Zum Glück ist nie etwas passiert.»
Pius Segmüller sorgte von 1998 bis 2002 für die Sicherheit von Papst Johannes Paul II. Bis zum Tod des Polen blieben die beiden freundschaftlich verbunden.

Segmüller sitzt in einem Kaffee am Ufer des Vierwaldstättersees und erzählt mit einem Schmunzeln über die Zeit im Vatikan, über die Gespräche mit dem Papst, seine Eigenheiten und über die vielen Besuche von Staatsoberhäuptern. «Es ist unglaublich, zu sehen, wie die mächtigsten Männer der Welt plötzlich zu Schulbuben werden», sagt er. So sei es beispielsweise beim damaligen US-Präsidenten George W. Bush gewesen. «Er war fasziniert vom Papst und hat sich riesig auf das Treffen gefreut. Das hat man gemerkt.» Ähnlich gross ist die Vorfreude in Genf. Nach 14 Jahren besucht heute wieder ein Papst die Schweiz. Die Messe – die 41 000 Besuchern Platz bietet – ist seit Wochen ausverkauft. Tausende weitere Begeisterte werden in die Westschweiz pilgern. Städte wie St. Gallen, Lausanne und Freiburg veranstalten ein Public Viewing. Die Post bringt pünktlich zum Besuch eine Briefmarke heraus. Das SRF überträgt den Besuch live. Der Papst, ein Popstar.

Scharfschützen in Genf

Der Personenkult um den Heiligen Stuhl habe Johannes Paul II. mitbegründet, glaubt Segmüller. Seine Art, offen auf Menschen zuzugehen und Probleme anzusprechen, habe in der Bevölkerung grossen Anklang gefunden. Ähnlich sei es nun bei Papst Franziskus. Doch das führt auch zu Problemen. Ausflüge in die Menschenmenge sind für die Garde heikel, denn die Situation wird unübersichtlich. Bei einem Besuch in Kairo im Jahr 2000 sei der Papst einmal fast erdrückt worden, erinnert sich der 66-Jährige. «Wir haben uns dort wirklich fast geprügelt, um für den Papst den Weg freizumachen.» Ausreden konnte Segmüller dem Papst das Bad in der Menge nie, dafür war Johannes Paul II. der Kontakt mit der Bevölkerung zu wichtig.

Die Schweizergardisten, die in Anzügen und nicht den farbigen Folklore-Uniformen in Genf erscheinen werden, sind natürlich nicht auf sich allein gestellt. Ein Grossaufgebot der Polizei und die Armee werden jeden Zentimeter überwachen. Auch Scharfschützen dürften postiert werden. Genf als UNO-Stadt sei sich hohen Besuch gewohnt und werde gut vorbereitet sein, sagt Segmüller. Ausserdem sei der kurze Aufenthalt ein Vorteil. Nur zehn Stunden – von 10 bis 20 Uhr – wird der Papst in der Schweiz verweilen. Bei einem längeren Aufenthalt wären die Sicherheitsvorkehrungen deutlich aufwendiger gewesen, denn Pausen gibt es für die Beschützer nicht. Sie sind die Bodyguards, die Schutzengel des Heiligen Vaters.

Genf fiebert dem Papstbesuch entgegen

Genf fiebert dem Papstbesuch entgegen

Die Sicherheitsvorkehrungen laufen auf Hochtouren, die Diplomatenstadt freut sich auf den hohen Besuch.

Heute gilt die Schweizergarde als die älteste und kleinste Armee der Welt. Seit mehr als 500 Jahren beschützt sie den Papst. 1506 trafen die ersten Schweizer auf Anfrage des damaligen Papstes Julius II. im Vatikan ein. Die eidgenössischen Soldaten galten aufgrund ihres Mutes, ihrer edlen Gesinnung und ihrer Treue als unbesiegbar. Doch dass die Garde bis heute Bestand hat, kommt nicht bei allen gut an. Viele Italiener sähen die Aufgabe lieber von ihren Landsleuten erledigt. «Stellen Sie sich vor, der Bundesrat würde von einer Garde Italiener beschützt», sagt Segmüller. Deshalb habe er ein gewisses Verständnis für die Kritiker. Doch dem Papst zu dienen, sei für ihn und alle Gardisten eine Ehre. Wichtig seien Glaube, Disziplin und Hingabe. Denn notfalls müssen die Gardisten den Papst mit ihrem eigenen Leben schützen.

Evakuierungspläne wegen Terror

US-Präsident Donald Trump sagte zuletzt über Papst Franziskus: «Er ist die ultimative Trophäe für den IS.» Segmüller würde es «nicht so martialisch ausdrücken», doch Trump habe im Grunde recht. Am 11. September 2001, nach dem Terroranschlag in New York, sei der Papst der zweitgefährdetste Mensch auf dem Planeten gewesen, gleich nach dem damaligen US-Präsidenten George W. Bush. Denn den Terror-Gruppen gehe es auch um Symbolik und die sei beim Papst grösser als bei jedem anderen. Segmüller hat damals Evakuierungspläne erarbeitet, falls es einen Anschlag geben würde.

Auch in Genf wird die Garde auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Trotzdem soll der Besuch das werden, was er 2004 in Bern schon war: ein grosses Fest.