Ursprünge

So vielen Zufällen verdanken wir das Leben

Die geografischen Bedingungen entlang des ostafrikanischen Grabens, der sich von Äthiopien nach Süden zieht, waren die Voraussetzung für die Entwicklung des Homo sapiens.

Die geografischen Bedingungen entlang des ostafrikanischen Grabens, der sich von Äthiopien nach Süden zieht, waren die Voraussetzung für die Entwicklung des Homo sapiens.

Der Biologe Lewis Dartnell geht den Dingen auf den Grund. In seinem neuen Buch stösst er dabei auf die Zufälle, welche die Entstehung von Leben ermöglichten und das Schicksal des modernen Menschen prägten.

Lewis Dartnell ist jener Tausendsassa, dem wir das «Handbuch für den Neustart der Welt» (2014) verdanken. Wie könnte man eine Zivilisation (unsere) rebooten, wenn ein Unglück sie getroffen hat? Dartnell machte es gnädig mit uns in seinem Gedankenexperiment: Die Infrastruktur steht noch, auch wenn vieles kaputt ist, und die Gruppe der Überlebenden ist ausreichend gross.

Auch dann ist das Unternehmen unendlich schwierig. Mit Pfadfinderromantik hat ein solcher Neustart überhaupt nichts zu tun. Denn es gibt keinen Rückzug, keine Heimkehr nach dem Pfadilager in die Badewanne.

Wenn Lewis Dartnell ein Projekt anpackt, macht er das – so muss man vermuten – wirklich von Grund auf. Und deshalb darf man sich von der Lektüre seines neusten Buches mit dem Titel «Origins» («Ursprünge. Wie die Erde uns erschaffen hat») auch viele neue Erkenntnisse erhoffen. Und man wird, dies sei vorweggenommen, auch nicht enttäuscht.

Kinder fragen oft: «Warum?» und wollen damit nicht aufhören bis zur Letzbegründung, die es nicht gibt. Dartnell rechnet mit diesen «Warum?»-Fragen. Ja, warum sollten Erwachsene sie nicht stellen?

Erwachsene sind halt oft im Modus: «Das hat halt alles einfach irgendwann mal angefangen.» Dartnell liefert zuverlässig das Schrittchen zurück, das eine Antwort auf eine «Erwachsenen-Warum?»-Frage geben und sie deshalb erlauben würde. Man darf dieses Buch also wirklich lesen.

«Wir sind Affen.» Das steht am Anfang. «Wir sind Geschöpfe der Erde.» Das bildet die Schlussklammer. Geografie, die Beschreibung der Erde, ist sicher nicht die langweiligste Wissenschaft. Aber ich fürchte, sie läuft Gefahr, das langweiligste Schulfach zu sein. Die Schüler sind vollauf damit beschäftigt, zu konstatieren und zu notieren und zu memorieren, was der Fall ist (welche Gebirgszüge wo und welche Tiefebenen dazwischen, wie das Klimasystem da funktioniert und die Bodenbeschaffenheit dort ist), dass sie nicht dazu kommen, zu fragen: «Und was bedeutet das jetzt alles? Welche Folgen hat das? In welchem Zusammenhang steht das zu unserer Geschichte?» Mit «uns» ist natürlich der Homo sapiens gemeint. Nicht der Eidgenosse.

Klimawandel gab es schon

Dartnell liefert alles, was der Fall ist. Und den Rest. Den Start verortet er vor 55,5 Millionen Jahren. Damals ereignete sich, was Dartnell eine «planetarische Zuckung» nennt. Das Ereignis heisst «PETM» (Paläozän/Eozän-Temperatur-Maximum). Das hört sich trotz des komischen Namens vertraut an. Innert sehr kurzer Zeit – weniger als 10'000 Jahre – stieg der Gehalt an Kohlendioxid und Methan in der Atmosphäre so stark an, dass sich das Klima um 5 bis 8 Grad Celsius erwärmte.

Der wärmste Moment in den letzten paar hundert Millionen Jahren. Die Treibhausgase entstammten Ablagerungen aus unterirdischem Eis, das durch die kurzfristige Erwärmung vermutlich nach einem Vulkanausbruch auftaute und danach einen gigantischen Erwärmungsprozess aufschaukelte.

In dieser weltgeschichtlichen Sekunde tauchten die Vorfahren der drei Säugetiergruppen auf, die den Planeten kontrollieren sollten. Sinnigerweise heissen sie APP-Tiere nach ihren englischen Anfangsbuchstaben (Artiodactyla, Perissodactyla und Primates: Paarhufer, Unpaarhufer und Primaten). Nach etwa 200'000 Jahren hatte sich das Klima wieder beruhigt, aber die Vorfahren der Pferde, Rinder, Esel und Kamele hatten sich schon ziemlich über den Planeten verstreut. Wobei man wissen muss, dass das Pferd (und das Kamel) eigentlich aus Amerika stammt, dort aber ausgestorben ist, und erst von den Spaniern wieder zurücktransferiert wurde.

Viel später, vor etwas mehr als 10'000 Jahren, ist auch der Homo sapiens mit von der Partie. Das Klima hat sich abgekühlt und quer über die Kontinente einen Streifen von Graslandschaften geschaffen. Dort finden die grasfressenden Huftiere Ökosysteme vor, die ihnen passen.

Und der Mensch findet die Gräser, von deren Samen er sich bis zum heutigen Tag zum grössten Teil ernährt. Er domestiziert die Huftiere und züchtet die Gräser und startet durch. «Von den 56 Grasarten mit den grössten, nährstoffreichsten Samen wachsen 32 in Südwestasien und im Mittelmeerraum, 6 kommen in Ostasien vor, 4 in Subsahara-Afrika, 5 in Zentralamerika, 4 in Nordamerika und nur jeweils 2 in Südamerika und Australien.»

Das gibt auch die Antwort auf die Frage, wo sich die ersten Hochkulturen entwickelten, weil die Bevölkerung wachsen konnte.

Für solche Momente, wo schicksalhaft allerlei zusammentrifft, man das aber nicht wahrhaben will, gibt es einen Namen: Koinzidenz. Zufall.

Aber Dartnell erzählt die Geschichte so, dass einem klar wird, wie viel Schicksal oder Zufall es braucht, damit die Natur – oder wer auch immer da steuert – ein Gehirntier wie den modernen Menschen zulässt.

Es fängt mit dem Klima an. Wenn Eisschilde die Kontinente bedecken, läuft nichts. Homo sapiens braucht Zwischeneiszeiten oder Warmzeiten. Dann ein anderer nützlicher Zufall: Die Landmasse Eurasiens streckt sich in voller Länge über den Planeten, wo breitenmässig am wahrscheinlichsten mildes und stabiles Klima erwartet werden darf. Bingo! Und auch Flora und Fauna müssen zur passenden Zeit liefern: Wenn die Botanik keine Früchte und Samen zur Verfügung stellt, von denen Homo sapiens zehren kann, läuft nichts.

Der unwahrscheinliche Zufall

Die Frage, wie unwahrscheinlich ein solcher Zufall ist, der dauernd wieder die Umstände so günstig organisiert, lässt sich schwer stellen. Es ist einfach passiert. Aber man sieht, dass es wahrscheinlicher ist, dass es kein intelligentes Tier auf einem an sich lebensfreundlichen Planeten gibt. Denn das Tier muss im richtigen Moment am richtigen Ort und auch einigermassen ausgerüstet sein und richtig ticken und einen Haufen Glück haben.

Auch die jüngere Geschichte bietet jede Menge solcher glücklichen Zufälle oder Koinzidenzen. Die Windsysteme waren genau so, wie Portugiesen und Spanier sie brauchten, um rund um Afrika oder nach Amerika segeln zu können. Oder Grossbritannien wurde glücklicherweise zu einer Insel und konnte sich aus diversen kontinentalen Kriegen heraushalten. Oder genau, als in England keine Bäume mehr standen, die geschlagen werden konnten, kam die Kohle. Oder weil die Engländer keine grosse Armee unterhalten mussten (ja, die Insellage), hatten sie Kapazitäten frei für die Marine und das Übersee-Empire. Und die amerikanische Sklavenwirtschaft produzierte dann Baumwolle, als die Engländer die Dampfmaschine und den Industriearbeiter erfanden.

Und so weiter. Historische Kausalität ist nach dem WWW-Muster («Was wäre wenn») gestrickt. Wobei die Version: «Was wäre, wenn nicht» manchmal mehr Aufschluss geben würde.

Aber alles, was sich ereignet, ereignet sich nur, weil es irgendwo gepasst hat. Ende der Durchsage. Auf zur Lektüre. Dartnell wird es lohnen.

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