Rehe zeigen wie alle anderen heimischen Waldwiederkäuer im Winter Reaktionen, wie sie eigentlich nur von echten Winterschläfern bekannt sind. Sie schalten einen Gang zurück und leben sozusagen auf Sparflamme. Die dicke Winterdecke (Fell) sorgt zudem für mehr Isolation, das spart Energie. Doch unser Schalenwild legt sich nicht nur ein dickes Fell zu, es verändert den gesamten Organismus. Die Tiere fressen deutlich weniger als im Sommer, gleichzeitig dauert die Darmpassage viel länger.

Ein Grund ist die schlechte Futterqualität in den Wintermonaten. Ein anderer ist das veränderte Pansenvolumen (Magenvolumen). Die Wildwiederkäuer schrumpfen sozusagen im Winter ihre Organe ein. Der Pansen wird im Winter etwa um 20 Prozent kleiner. Die Leber eines Rehs wiegt im Sommer rund 600 Gramm, im Winter nur 400. Durch all diese Massnahmen kann das Schalenwild seinen Energiebedarf im Winter um bis zur Hälfte des Sommerniveaus senken.

Bei Rehen ist die Reduktion zwar weniger deutlich als bei Rotwild oder Gams, aber immer noch beträchtlich. Wie beim echten Winterschlaf sparen auch die Wildwiederkäuer in der kalten Jahreszeit an der Körpertemperatur. Vor allem in den Aussenschichten wird die Temperatur zurückgeschraubt, in den Hufen zum Beispiel um vier bis fünf Grad. Schliesslich geht beim Kontakt mit der Aussentemperatur die meiste Körperwärme verloren. Deshalb wird die Durchblutung in den äusseren Körperpartien zurückgefahren. In der kalten Winternacht schraubt das Rehwild auch die Kerntemperatur zurück. Mittags dagegen nutzt das Wild die Sonnenwärme, um sich wieder aufzuheizen.

Erst gegen Mittag aktiv

Dieser Mechanismus wirkt sich auf das Verhalten der Tiere aus. Im Winter wird das Wild erst gegen Mittag aktiv. Wenn die Glieder noch steif sind vor Kälte, kann sich Rehwild kaum bewegen. In dieser Zeit scheinen die Tiere recht zutraulich zu sein. Das ist aber nur auf den veränderten Stoffwechsel und das damit verbundene Leben auf dem Minimum zurückzuführen. Um die benötigte Energie zu sparen, machen die Tiere keine Bewegung mehr, als notwendig wäre.

Mit all diesen Massnahmen passt sich das Rehwild bestens an die garstige Umgebung an. Allerdings muss jetzt jedem Waldgänger auch klar sein: Im Winter brauchen die Wildtiere Ruhe und ungestörte Rückzugsgebiete, denn die Energiesparmassnahmen schränken die Fluchtfähigkeit massiv ein. Jegliche Störung, die das Wild während dieser Zeit beunruhigt oder gar zur Flucht zwingt, verbraucht Energie und zehrt die Reserven auf, die zum Überstehen des Winters zwingend benötigt werden. Richtig verhält sich, wer auf den Wegen bleibt und Wildruhezonen sowie Dickungen nicht betritt. Hunde sollten – aus Respekt zu den Wildtieren – an der Leine geführt werden, obwohl derzeit keine Anleinpflicht besteht.

Füttern nicht nötig

Auf zusätzliche Fütterung ist das Rehwild nicht angewiesen. Selbst bei geschlossener Schneedecke dürfen kleine Rehe nicht gefüttert werden. Die Tiere finden in freier Natur zwar weniger zu fressen, doch darauf sind sie seit Jahrhunderten eingestellt. Zudem fressen sie sich im Herbst eine ausreichende Fettschicht an, um über den Winter zu kommen. Rehe sind Pflanzenfresser, das häufig verfütterte alte Brot bekommt ihren Mägen gar nicht. Insbesondere feucht gewordenes Brot kann zu starken Blähungen führen.