Selbstversuch mit fiktivem Profil

So können Pädophile auf Facebook von Kindern ferngehalten werden

Eltern sollen mit ihren Kindern besprechen, welche Bilder ins Internet gestellt werden. KEYSTONE

Eltern sollen mit ihren Kindern besprechen, welche Bilder ins Internet gestellt werden. KEYSTONE

Begleiten statt verbieten: Experten sagen, was es im Umgang mit Facebook und Co. zu beachten gilt.

«Ich bin verwundert, dass so etwas möglich ist», sagt Nadia Garcia, als sie hört, was mit dem fiktiven Profil der minderjährigen Melanie geschehen ist. Im Experiment der «Nordwestschweiz» erhält Melanie Koch innerhalb einer Woche Nachrichten von fast 100 Männern mit teils perversen Bildern und Sexangeboten. Garcia unterhält mit elternet.ch seit Jahren ein Portal, auf dem Eltern sich zum Thema Medienkompetenz informieren und konkrete Hilfestellungen erhalten können. «Wenn man auf Facebook gewisse Regeln einhält, dann sollte so etwas nicht passieren», mein sie.

Auf der sozialen Plattform kann man in den Privatsphäre-Einstellungen etwa einrichten, welche Profilinformationen Fremden zugänglich sind. Bei Kindern und Jugendlichen gilt hier natürlich: Je weniger, desto besser. Aber allein auf solche Schutzmechanismen zu setzen, sei falsch, findet Garcia. Das Ziel müsse stattdessen sein, dass Kinder und Jugendliche einen verantwortungsvollen Umgang mit sozialen Medien wie Facebook, Instagram und Snapchat lernen. «Wir können Facebook und Co. zu nichts zwingen. Hier sind die Mitmenschen und vor allem die Eltern in die Pflicht genommen», sagt Garcia.

Dieselbe Ansicht vertritt Gregor Waller, der Co-Leiter der Fachgruppe Medienpsychologie an der Zürcher Hochschule der Angewandten Wissenschaften (ZHAW). Seine Abteilung hat in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Sozialversicherungen Broschüren herausgebracht, die Eltern im Umgang mit sozialen Medien Unterstützung bietet. «Das Wichtigste ist, dass man die Kinder und Jugendlichen begleitet, auch und vor allem, wenn sie zum ersten Mal mit sozialen Medien in Berührung kommen», sagt der Experte.

Waller zieht einen Vergleich zum Strassenverkehr. So würde man Kinder auch zuerst an die Regeln heranführen, bevor man sie auf die Strasse lässt. Er fordert von den Eltern, dass sie sich vorab in die Materie einarbeiten, und schlägt vor, dass sie den Nachwuchs beim Erstellen eines Profils unterstützen. Bei dieser Gelegenheit könnte man sich auf die Regeln für den Umgang mit sozialen Medien einigen. Zum Beispiel wäre es möglich, mit dem Kind zu vereinbaren, wie das Profil gestaltet wird. So lernt das Kind, was nicht in ein Profil gehört – zum Beispiel Angaben zum Alter oder Telefonnummern und Adressen. Anstelle eines Porträts könnte man für das Profilbild eine Landschaftsfotografie wählen, schlägt Garcia vor.

Kontraproduktiv wäre es hingegen, soziale Netzwerke von vornherein zu verteufeln oder den Zugang zu ihnen zu verbieten. So könnte es nämlich passieren, dass Kinder ein Profil unter einem fiktiven Namen erstellen, von dem die Eltern nichts wissen. Dann wären die Kinder und Jugendlichen gänzlich unvorbereitet auf die Gefahren einer solchen Plattform: «Ein Teil eines sozialen Netzwerks zu sein ist, als würde man sich auf einen belebten Platz stellen. Man weiss nicht, wem man begegnet. Das können wunderbare Menschen sein, aber auch solche mit bösen Absichten», sagt Garcia. Wichtig sei es, den Kindern beizubringen, dass im Internet nicht jeder das ist, was er zu sein vorgibt.

Ab 13 Jahren sinnvoll

Eine Kontrolle des Profils ist im Zweifelsfall erlaubt. Wenn möglich, sollte das jedoch so vorab mit dem Kind vereinbart werden. Nur so kann das Vertrauensverhältnis zwischen Kind und Eltern gewahrt werden. «Es muss eine Vertrauensbasis da sein, sodass Kinder sich trauen, zu den Eltern zu kommen, wenn irgendetwas nicht stimmt oder wenn sie Freundschaftsanfragen oder Nachrichten von Unbekannten erhalten», sagt Waller.

Doch ab welchem Alter sollte es Kindern erlaubt sein, Zugang zu sozialen Medien zu erhalten? Garcia findet, dass das die Eltern von Fall zu Fall selbst entscheiden müssen, abhängig davon, was sie für ihr Kind und dessen geistige Reife passend halten. Facebook selbst hat ein Mindestalter von 13 Jahren festgelegt. Waller hat gegen diese Altersbegrenzung nichts einzuwenden. Er zieht als grobe Richtlinie die Regeln des französischen Psychologen Serge Tisseron heran: «Kein Bildschirm unter drei Jahren, keine eigene Spielkonsole vor sechs Jahren, kein Internet vor neun Jahren und kein unbeaufsichtigtes Internet vor zwölf Jahren.»

Auf jeden Fall sind es die Eltern und nicht die Schule oder Facebook, die für den Schutz ihrer Kinder haften und dafür sorgen müssen, dass der Nachwuchs einen verantwortungsvollen Umgang mit sozialen Medien lernt. Dazu gehört auch, dass die Eltern eine Vorbildunktion einnehmen und ihren Kindern vorleben, wie mit Medien im Allgemeinen und sozialen Netzwerken im Besonderen umgegangen wird.

All das ist keine leichte Aufgabe für die Eltern, zumal sich die sozialen Netzwerke ständig neu erfinden. So meint Garcia: «Es ist nicht leicht, mit den technologischen Entwicklungen Schritt zu halten. Auch wir hören immer wieder Neues.»

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