Oraltabak

Snus: Das bessere Übel der Tabakindustrie könnte in Europa über 300'000 Tote verhindern

Rein damit: Snus ist unter anderem bei Eishockey-Spielern beliebt.

Rein damit: Snus ist unter anderem bei Eishockey-Spielern beliebt.

Oraltabak Snus ist um 95 Prozent weniger gefährlich bezüglich Krebs als Rauchen. Das zeigen Studien aus Norwegen. Doch dass der Oraltabak die Zigarette auch in der Schweiz ersetzen würde, ist umstritten.

Tabaksäckchen sind weniger schädlich als Glimmstängel. Das ist bekannt. Die neusten Zahlen, die am Meeting des Globalen Forums für Nikotin (GFN) in Warschau präsentiert wurden, bestärken nun das Argument für Snus als Nikotin-Alternative.

Snus ist ein Oraltabak, der vor allem in Norwegen und Schweden verbreitet ist. Die kleinen Beutel mit Tabak und Salz werden in Dosen verkauft und hinter Ober- oder Unterlippe platziert. Dort bleibt der Snus je nach Sorte bis zu einer Stunde. In der Eishockeyszene ist er sehr verbreitet – die Mehrheit der Spieler braucht den Tabak als stimulierendes Aufputschmittel. Über die Mundschleimhaut gelangt das Nikotin direkt in die Blutbahn, es erhöht den Puls, baut Stress ab und macht wach – aber auch süchtig, was nicht unbedingt dem Sportsgeist entspricht.

Die Forscher und Analysten des Globalen Forums für Nikotin hingegen finden fast nur positive Worte rund ums Thema Snus. Peter Lee, Epidemiologe und medizinischer Statistiker, lieferte am GFN Zahlen: Laut ihm ist Snus bezüglich Krebsrisiko zu 95% sicherer als die Zigarette.

Der schwedische Snus-Forscher Lars Ramstäm hat analysiert, was passieren würde, wenn Snus in ganz Europa erhältlich wäre. Snus hat es momentan schwer in Europa, der Verkauf ist überall verboten – ausser in Schweden. Trotzdem konsumieren laut dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) 0,5 Prozent der Bevölkerung den Oraltabak. Ramstäm findet, es sollten mehr sein. Er hat berechnet, dass rund 320 000 Tode verhindert werden könnten, falls ganz Europa einen ähnlichen Snus-Konsum wie Schweden hätte, und wichtiger: einen so tiefen Zigaretten-Konsum.

Lange Tradition in Schweden

In Schweden ist der Oraltabak populärer als die Zigarette. Es gibt dort viel weniger Raucher und weniger damit verbundene Krankheiten. Laut dem Eurobarometer, einer öffentlichen Meinungsumfrage in Europa, rauchen nur 5 Prozent aller Schweden täglich. Bei den durchschnittlichen Europäern sind es 24 Prozent, in der Schweiz rauchen 23,1 Prozent der Männer und 17,9 Prozent der Frauen täglich. Laut dem GFN sterben schwedische Männer daher im Vergleich zu Europa nur halb so oft an den Folgen von Tabak.

Das BAG aber glaubt nicht an das Potenzial der Alternative. Der hohe Snus-Konsum habe mit Schwedens Tradition zu tun: «In Schweden wird Snus vor allem aus historischen Gründen konsumiert und die Preise für Zigaretten sind hoch», sagt Sprecher Adrien Kay. Ausserdem liesse sich in anderen Ländern, wo Snus legal sei, nicht beobachten, dass die Menschen von Zigaretten auf Snus umstiegen.

Doch die Befürworter preisen weiter die Vorteile: Snus habe auch unter allen rauchlosen Tabaksorten (wie Kautabak, Schnupftabak) das kleinste oder gar kein Risiko bezüglich Lungen- und Herz-Kreislauf-Krankheiten. Ein weiterer Vorteil sei, dass Snus die Rauchgewohnheit abgewöhnen könne, heisst es seitens des GFN.

Das BAG ist auch vom gesundheitlichen Aspekt nicht überzeugt: «Snus enthält eine grosse Zahl von Schadstoffen, darunter 28 krebserregende Substanzen. Es ist nachgewiesen, dass Snus Speisenröhrenkrebs verursachen kann und die Mortalität nach Herzkreislauferkrankungen erhöht», so Kay. Es sei irreführend von Vorteilen zu sprechen. Dieser Meinung ist auch Markus Meury, Mediensprecher bei Sucht Schweiz: «Es besteht nachweislich ein Krebsrisiko, vor allem bei der Bauchspeicheldrüse und je nach Studie auch der Mundhöhle.» Ausserdem entstehe bei der Mehrheit der Konsumenten eine Nikotinabhängigkeit.

Fällt das Verbot in Europa?

Doch das europaweite Verbot ist unter Beschuss. Die Neue Nikotin Allianz NNA beantragt die Legalisierung, da sie Snus für eine lebensrettende Alternative zur Zigarette hält. Die NNA ist eine britische Verbrauchergruppe, die weniger gefährliche Nikotinprodukte unterstützt. Sie geht in einem Verfahren am Europäischen Gerichtshof gegen das Verbot vor. Gerry Stimson, Vorsitzender der NNA, sagt: «Ein Verbot gibt Rauchern weniger Möglichkeiten für gesündere Alternativen.»

Sucht Schweiz würde eine Legalisierung weder befürworten noch ablehnen. Meury hält es zwar für empfehlenswert, wenn Raucher auf Snus umsteigen. Doch er sieht bei einer Legalisierung eine Gefahr für die Jugendlichen – die der Einstiegsdroge: «Viele junge Leute fangen zuerst mit Snus oder der E-Zigarette an und steigen dann auf die konventionelle Zigarette um», sagt er. Der Jugendschutz sei kaum gewährleistet, denn in einigen Kantonen gebe es für solche Nikotinprodukte kein Abgabealter.

Das Parlament wird 2019 im Rahmen des Tabakproduktegesetzes über die Zulassung von Snus entscheiden.

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