Es gab Zeiten in Deutschland, da war Beate Uhse bekannter als der Bundeskanzler. Damals war der Kohl an der Macht, und die Mauer in Berlin hatte noch keine Risse. In der DDR badeten die aufgeschlossenen Ossis an den FKK-Stränden nackt, und zum Hochzeitstag gabs bei den Wessis sexy Herrenslips à la «Rüssel-Rudi» für Vati oder «Muschi-Verwöhn-Sets» für Mutti. Made by Beate Uhse.

In diesen Zeiten versorgte die Sex-Mutter der Nation die ganze Republik mit ihren Spielzeugen. Am besten lief das Geschäft an Weihnachten. «Dann sind die Säle voll, weil die Männer die Nase voll haben von Mutti», sagte sie einmal trocken einem Journalisten des «Spiegels». Das war 1993.

Kurz vor Weihnachten 2017 sah alles anders aus. «Beate Uhse vor der Pleite» – titelten die Newsportale. Die Konzernleitung gab bekannt, dass sie Insolvenz anmelden will. Das Vermächtnis der Grande Dame des Sex zerfällt. Zwar sprang im Januar noch ein Investor ein. Aber auch nur, damit die Firma nach Weihnachten ihre Lagerbestände auffüllen konnte. Damit sie den Laden nicht sofort dichtmachen muss.

Was für ein Widerspruch zu dem, was die Norddeutsche Beate Uhse einmal war: eine Ikone. Die Mutter der sexuellen Befreiung Deutschlands auch. Einer, der mans aber nicht ansah. Anders als die Mädchen in ihren Sex-Filmen trug sie weder Ausschnitt noch knappe Miniröcke. Uhse war eine hagere, zierliche Frau mit einem Garçon-Haarschnitt, als alle ihre Haare lang trugen.

Ihr ging es nie um den Sex an sich, sagte sie. «Das ergab sich zufällig.» Sie wollte ihr eigenes Ding durchziehen. Schon von ganz jung auf. «Meine Mutter war eine der drei ersten deutschen Ärztinnen. Sie musste auf eine Jungenschule gehen, um ihr Abitur zu machen. Sie war emanzipiert, bevor es das Wort gab. «Für mich war es immer selbstverständlich, dass ein Mädchen seinen Weg machen kann», sagte sie vor Jahren einer «Annabelle»-Journalistin.

Kriegspilotin für die Nazis

Mit 16 Jahren brach sie das Gymnasium ab. Sie wollte keine Zeit verplempern. Zuletzt damit, sich nach einem potenziellen Ehemann umzuschauen, um «hinter dem Herd zu versauern». So wie es sich ihre Freundinnen erträumten. Uhse wollte Pilotin werden. Sie brauchte keinen Gymi-Abschluss, sondern ein solides Englisch. Eines, das für die Fliegerei tauglich war.

Mit 18 und mit einem Au-pair-Jahr in England im Gepäck machte sie den Pilotenschein. Sie war dort angekommen, wo sie hinwollte. Vorerst. Schon in ihren Zwanzigern arbeitete sie für die deutsche Luftwaffe. Der Zweite Weltkrieg war in vollem Gange, als sie für die Nazis Kampfflugzeug um Kampflugzeug an die Front flog.

Davon liess sie sich auch nicht abhalten, nachdem Ehemann Hans-Jürgen Uhse tödlich verunglückt war. Während eines Kampf-Einsatzes. Der Mann, der ihr das Fliegen beigebracht hatte. Der Vater ihres Sohnes Uwe.

Die Fliegerei rettete ihr und ihrem Sohn vermutlich das Leben. «Dann war der Krieg zu Ende, und mir gelang es, mit der letzten noch flugfähigen kleinen Maschine uns von Berlin nach Schleswig-Holstein zu fliegen», erinnerte sie sich in späteren Jahren. Die Sowjets versuchten, die Maschine abzuschiessen. Mit waghalsigen Manövern entkam Uhse dem Kugelhagel. Doch mit ihrer Pilotenkarriere wars vorbei. Nach dem Krieg war den Deutschen das Fliegen fünfzehn Jahre lang verboten.

Eine Avantgardistin

Beate Uhse machte trotzdem ihren Weg. Auch als alleinerziehende Kriegswitwe. Oder gerade deshalb. Sie musste sich etwas einfallen lassen, um sich und ihr Kind durchzubringen. Die Nachkriegszeit war hart, die Butter war knapp und Kondome sowieso. Da kamen «die Lisa, die Bettina und die Hertha» gerade richtig, wie es in ihrer Biografie heisst. Kurz nach dem Krieg baten die Frauen vom Land das Berliner Grosstadtmädchen deshalb um Rat. Sie wollten wissen, wie man «Tragödien verhütet» – also ungewollte Schwangerschaften.

Als Tochter einer Frauenärztin liess sich die Beate nicht lange bitten. In der örtlichen Bibliothek suchte sie Informationen zusammen, wie Frauen ihre fruchtbaren und unfruchtbaren Tage berechnen können. Daraus schrieb sie eine Anleitung und gab diese als «Schrift X» heraus. Die Frauen rissen sie ihr aus den Händen. Und die Beate war angeknipst. «Ich war eine Avantgardistin. Aber davon konnte ich nicht leben. Ein Unternehmen wächst nur, wenn das Angebot wächst.»

So wurde Beate Uhse langsam zum Synonym für Sex. Und das vom norddeutschen Flensburg aus. Zuerst vertrieb sie Reizwäsche, Sexhefte und Kondome nur über ihren Katalog. Dann eröffnete sie 1962 das erste «Fachgeschäft für Ehehygiene», wie ihre Sex-Shops hiessen. Später ploppte Shop um Shop auf. Anfang der Achtzigerjahre besass Uhse dann noch zwölf Sexkinos mit roter Leuchtschrift. Zu sehen gabs da Uhses eigene Produktionen. Mit 140 Pornofilmen war sie Marktleaderin in Deutschland.

Im Visier der Gesetzeshüter

Uhse traf einen Nerv. Sie wusste ganz genau, wie man den Hunger nach Sexartikeln befriedigt. Oder überhaupt erst einen schafft. Das zumindest wurde ihr immer wieder vorgeworfen. Die Hüter der Moral versuchten sie mehr als einmal «wegen Aufpeitschung geschlechtlicher Reize» vor Gericht zu zerren. «Wenn Sie, liebe Gemeinde, von einer gewissen Beate Uhse eine Schrift erhalten – das ist obszönes Material! Wir wollen ihr das Handwerk legen», wetterte der Kölner Bischof schon Ende der Fünziger von der Kanzel. In all den Jahren hatte die unzüchtige Uhse 2000 Anzeigen am Hals, 700-mal sass sie auf der Anklagebank, nur einmal wurde sie verurteilt: Sie hatte in ihren Kinos Bier für weniger als den Mindestpreis verkauft.

«Ich hatte nicht viel zu verlieren», erklärte sie später, «als Flüchtling fühlte ich mich nur für mich selbst und meine Familie verantwortlich, nicht jedoch einer prüden Gesellschaft verpflichtet».

Um Aufklärung ging es ihr bald nicht mehr. Während in den Fünfzigern die Hausfrauen bei der Uhse noch ihre Kondompackungen bestellten oder sich übers Telefon Rat holten, schlichen ab den Siebzigern fast nur noch Männer aller Couleur mit hochgeschlagenen Mantelkrägen in die hinter dicken Filzvorhängen verstecken Sex-Shop-Eingänge.

Oder in die Sexkinos. Die zeigten grossbusige Mädchen, die mit Handschellen spielten oder in Lederkluft den Hintern versohlt bekamen. Mit einem modernen Frauenbild hatte das nichts zu tun. Das war der Anfang vom Ende. Der Konzern kam nur schwer aus der Schmuddelecke heraus.

In der Schweiz liess man den Namen Beate Uhse 2004 fallen, fortan gingen die Läden in die Erotikkette Magic X über. Der Lizenznehmer hatte genug vom altbackenen Image. Hinzu kam das Aufkommen des Internets. Heute holen sich die Leute ihre Vibratoren und Sexfilme im Netz, bei Youporn und anderen. Die Konkurrenz ist riesig, und die Konzernleitung hat den Online-Shopping-Trend verschlafen. Viel zu spät machten die Strategen aus den ehemaligen Sexschuppen moderne Wellnessoasen in Form von Stores wie bei Apple und Co., die sich auch an Frauen, Paare richten. Viel zu spät bauten sie ihren Onlineshop aus.

Am 16. Juli 2001 starb Beate Uhse in St. Gallen an den Folgen einer Lungenentzündung. Sie war 81. Der Jahresumsatz ihres Unternehmens betrug zu dem Zeitpunkt 220 Millionen Euro. Die Beate Uhse AG war der grösste Erotikkonzern Europas. 17 Jahre später droht ihm das Ende.