Therapiestunde

Sexualpädagogin: «Man muss nicht schön sein im Bett – man muss echt sein»

Die Österreicherin Barbara Balldini spricht viel und gerne über Sex.

Die Österreicherin Barbara Balldini spricht viel und gerne über Sex.

Barbara Balldini ist im Kloster aufgewachsen. Heute ist sie Sexualpädagogin und Kabarettistin. Sie sagt, warum sie das Wort Schlampe mag und warum sie Männer bedauert. Und bei ihr lernen wir, warum Selbstbefriedigung der Schlüssel zu gutem Sex ist.

Frau Balldini, um ehrlich zu sein, habe ich zwei Gläser Prosecco hinuntergestürzt, um mich auf Sie und das Thema einzustimmen. Wie bereiten Sie sich für die Bühne vor?

Ich trinke auch immer einen gespritzten Weisswein, bevor ich auf die Bühne gehe. Und ich meditiere zehn Minuten.

Sind Sie Sexualpädagogin, die Kabarett macht, oder Kabarettistin mit Praxis?

Ich bin Sexualpädagogin. Das mit der Bühne war purer Zufall. Ich wollte einen Vortrag schreiben, weil mir nach sieben Jahren Praxis aufgefallen ist: alle Leute haben Sex, aber keiner kennt sich aus. Nach dem dritten Vortrag haben alle vom Kabarett geredet. Okay, dachte ich, wenn ihr ein Kabarett wollt, dann mache ich es lustig.

Wer kommt?

Alle. Anfangs mehr Frauen. In die erste Show in einer neuen Umgebung kommen 80 Prozent Frauen. Dann gleicht es sich aus. Weil die Frauen ihnen sagen, dass ich nett über Männer rede und dass sie viel lernen können.

Und dann schleppen Frauen ihre Männer mit?

Ja. Viele Männer wissen bis zur Kasse gar nicht, was auf sie zukommt. Sonst würden sie vielleicht nicht mitgehen, weil Männer ja glauben sie wüssten, wie’s geht.

Was erwartet den Zuschauer bei «Von Liebe, Sex und anderen Irrtümern»?

Es ist Aufklärung total. Zwei Stunden Therapie, ohne dass er es merkt, aber bei der er viel lacht.

Und was überrascht die Zuschauer am meisten in Ihrem Programm?

Die Aussage, dass wir Frauen beim Geschlechtsverkehr kaum einen Orgasmus kriegen. Sie sind überrascht und glücklich, dass es jemand laut sagt. Männer, wir kommen schon, ihr müsst euch keine Sorge machen, aber Zunge und Finger sind wesentlich effektiver. Ich sag immer: Ein Mann ist erst impotent, wenn er keine Finger und keine Zunge mehr hat.

Gibt es einen Unterschied zwischen dem Schweizer und dem Österreicher Publikum?

Die Schweizer sind witzigerweise offener. Je tabuisierter das Thema, umso fröhlicher und dankbarer, dass es jemand in den Mund nimmt und ausspricht.

Apropos in den Mund nehmen. Frau Balldini, Sie führen auf der Bühne vor, wie Frauen sich beim Blowjob verschlucken, wenn Männer ihre Intimbehaarung nicht stutzen, und zeigen pantomimisch einen überdimensionalen G-Punkt auf. Brauchen wir das?

Offensichtlich ja.

Sie sind im Kloster aufgewachsen. Sind Sie genau deshalb so experimentierfreudig und offen?

Sicher. Es hat auch was Therapeutisches für mich. Mit 18 Jahren bin ich gewissermassen «freigelassen» worden und habe mich auf Männer eingelassen. Ich war hemmungslos. Das war für mich eine Art Ersatzliebe. Auch Bestätigung.

Und was sagen Ihre Kinder zu ihrer Offenheit?

Für meine Kinder (30, 28 und 18) ist es nicht einfach. Die Älteren sagen, dass diese übersexualisierte Mutter schwierig war, als sie jung waren. Seit sie erwachsen sind, können sie damit leben. Aber grundsätzlich wollen Kinder nichts über das Sexualleben ihrer Mutter wissen. Die Jüngste hat gerade grosse Probleme damit.

Und Ihr Mann?

Der steht unter dem Druck, dass er es richtig macht. Aber ich sag immer: «He Schatz, es geht nicht um richtig oder falsch. Sei einfach du, dann ist es immer richtig.

Und wem reden Sie in Ihrer Praxis gut zu?

Zum grössten Teil Männern. Das hat mich anfangs sehr geschockt. Die ersten drei Monate ging es nur um Perversionen, (Anm. d. Red. die werden an dieser Stelle nicht ausgeführt). Ich war verzweifelt, dachte, ich hätte das Falsche gelernt. Dann kam ein Mann, der sagte: «Meine Frau schläft nicht mehr mit mir.» Innerlich dachte ich: Super, endlich was Normales.

Was ist das Hauptleiden der Männer?

Dass die Luft draussen ist. Alle Männer leben eine zweite Sexualität, sei es nur Porno gucken und onanieren. Irgendwann wird die Ersatzsexualität zum Problem, sie haben Angst und kommen in die Praxis. Die meisten fragen: Bin ich richtig? Viele schicke ich nach fünf Minuten heim und sage: «Sie haben kein Problem, sparen Sie die 80 Euro.»

Der grösste Sex-Irrtum der heutigen Gesellschaft?

Wir sind sehr Orgasmus-gesteuert. Alle Leute glauben, der Sex sei richtig, wenn man einen Orgasmus habe. Der Sex-Irrtum ist, dass Frauen glauben, dass Männer für ihre Lust zuständig sind. Aber: Für Spass im Bett ist die Frau selber verantwortlich. Ich muss meinem Schatz sagen, was mir gefällt, worauf ich stehe.

Das ist ein heikles Thema. Wie spricht man mit dem Partner über das, was man will und nicht will?

Lustig. Man kann es auch im Bett direkt ansprechen, die Hand dahin legen, wo man sie gern hätte. Man kann führen und zeigen, aber nicht befehlen. Wichtig: Reden Sie im Bett!

Wieso reden wir so viel über Sex, aber nicht über den eigenen?

Weil wir unsicher sind. Wir haben nach wie vor keine Ahnung von der eigenen Sexualität. Wir schauen immer, wie es die anderen machen, wie sie es im Film machen. Keiner beschäftigt sich mit sich selber. Nimm den Spiegel und schau dir dein «Allerheiligstes» an. Nichts kann uns so viel Freude und Leid bereiten wie das, was wir zwischen den Beinen haben.

Wollen Männer und Frauen wirklich Unterschiedliches im Bett?

Komplett. Männer wollen Sex. Sie wollen nur ihr Ding unterbringen. Frauen wollen das Gefühl haben, dass er sie meint, wenn er mit ihr schläft. Dass er nicht mit ihr schläft, weil er geil ist, sondern weil er es mit ihr will und das auch sagt.

Und immer schön den Namen betont.

Ja genau, den Namen ins Ohr flüstert.

Kann man guten Sex lernen?

Logisch. Mit üben, Seminaren, Tantra, Büchern. Zu empfehlen: «Soulsex» von Eva-Maria Zurhorst, das gerade Ende September erschienen ist.

Sie sagen, der Schlüssel zum guten Orgasmus ist die Selbstbefriedigung.

Ja. Die wenigsten Frauen wissen über ihre Vagina Bescheid, schämen sich für sie, mögen sie nicht. Wie soll ich geilen Sex haben, wenn ich meine Vagina nicht mag?

Und weil ich ständig denk: Bin ich zu dick, stöhn ich zu laut oder sehe ich hübsch aus?

Ja, alle haben den Stress. Wir sollten nicht zu viel denken. Man muss im Bett nicht schön sein. Wir müssen echt sein.

Und warum ist Selbstbefriedigung ein Tabu-Thema?

Ich weiss es nicht, es sollte im 21. Jahrhundert keines sein. Wie soll der Mann wissen, was die Frau will, wenn sie es selber nicht weiss. Jede mag es anders. Unsere Männer sind verunsichert. Sie tun mir leid (schaut zum Fotografen). Ihr Armen, ihr müsst euch so anstrengen, um eine Frau zu befriedigen. Ich bin froh, eine Frau zu sein und ich mich nicht damit abrackern muss.

Das ist schon gut, wenn sie sich anstrengen. Die wenigsten Frauen kommen während dem Akt, ist es …

Ja (schaut den Fotografen an). Wenn du eine Frau rammelst und sie schreit ich komm ich komm, kannst du dir sicher sein, dass es Fake ist. Denn nur ganz wenige kommen während des Geschlechtsverkehrs.

Kann man einen vaginalen Orgasmus lernen?

Ich glaube nicht, dass es ihn gibt. Da hat Sigmund Freud richtig Scheisse gebaut mit der Aussage, dass der klitorale Orgasmus ein kindischer und der vaginale ein urweiblicher ist. Hatten Sie schon mal einen?

Kann man es immer unterscheiden?

Eigentlich ist es ja wurscht, Hauptsache, einen Orgasmus.

Darf man fremdgehen?

Das muss jedes Paar für sich ausmachen.

Anders: Ist Fremdgehen böse?

In den Augen der Gesellschaft ist Fremdgehen eine Sünde. Ich sage immer: Klappe halten, solange es die Beziehung nicht betrifft. Fakt ist: Wenn Frauen mit der Zeit keinen Sex mehr wollen, beschneiden sie ungefragt die Sexualität ihres Mannes. Ist das euer Recht, Frauen? Glaubt ihr, er schwitzt es irgendwo raus? Da müsst ihr ihm Ersatz anbieten: «Okay, ich blase dir zweimal in der Woche einen oder geh ins Puff, oder was auch immer.

Der Begriff Schlampe kommt bei Ihnen häufig vor. Zwei Ihrer Bücher heissen «Einmal Schlampe. Immer Schlampe» und «Besser Schlampe als gar keinen Sex»?

Ich mag das Wort Schlampe. In den Augen der Gesellschaft ist eine Schlampe eine Frau, die ihre Sexualität lebt, die sich nicht kümmert, was die anderen dazu sagen, die sich ausprobiert und viele Männer hat.

Ist das negativ?

Nein, gar nicht. Dann bin ich sogar gerne eine Schlampe. Für mich hat der Begriff nichts Negatives, er ist ein Kompliment.

Die gängigen Namen für unsere Geschlechtsteile sind nicht gerade schön. Alternativen?

Ja, das stimmt. Vagina klingt medizinisch. Scheide nicht schön. Muschi finde ich süss. Möse, Fotze und Fut ist schlimm. Ich sage gerne Yoni (das ist Sanskrit und der tantrische Begriff für die weiblichen Genitalien).

Und bei den Männern?

Ein Schwanz ist ein Schwanz. Basta.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1