Doch jetzt im Herbst diskutieren die Bischöfe sogar mit dem Papst über die Sexualpraktik der Gläubigen. In Rom findet die zweite Runde der Familiensynode statt. Zur Vorbereitung befragten die Bischöfe ihre Gläubigen zum Thema Familie und Ehe. Dabei zeigte sich: Die Mehrheit der Christen in der Schweiz hat die Sexualmoral schon lange abgelegt. Zwar sagt die kirchliche Sexuallehre klar: Kein Sex vor der Ehe. Doch die Realität sieht anders aus – auch bei den Jugendlichen.

Rund 30% der Jugendlichen in der Schweiz gehören einer christlichen Kirche an. Und doch haben heute drei von vier Teenagern vor ihrem 18. Geburtstag ihr erstes Mal. Bis zur Ehe wartet fast keiner mehr. Das ist auch auf die verlängerten Schul- und Ausbildungszeiten, das selbstbestimmte Leben der Jugendlichen und das Verschieben des Heiratsalters zurückzuführen.

Je mehr Kirche, desto später Sex

Allerdings zeigt sich, dass die Religion einen Einfluss auf das Sexualverhalten hat. Je regelmässiger Jugendliche in die Kirche gehen oder sich in einer christlichen Organisation wie der Jungwacht bewegen, desto später haben sie Sex. «Die Religion ist für kirchlich engagierte Teenager durchaus eine Art Sexbremse», sagt der Theologe und Sexologe Eugen Bütler. Sie würden häufig sorgfältiger und bewusster mit ihrer Sexualität umgehen. «Die Regeln einer Religion geben Sicherheit und Orientierung.»

Der Glaube könne eine Motivation sein, sich an den Normen und Werten der Kirche zu orientieren. Auch wenn die Jugend heute durch die Gesellschaft beeinflusst ist, wirkt das Handeln und Denken von Gemeindemitgliedern auf junge gläubige Menschen, so Eugen Bütler. Daher sei es nicht verwunderlich, dass kirchliche Vorgaben von solchen Jugendlichen nicht per se verworfen werden, sondern sie diese Haltungen ein Stück weit für sich übernehmen.

80 Prozent vor 18 Sex

Dass der Glaube Einfluss auf die moralischen Überlegungen und die sexuellen Handlungen hat, zeigt auch eine Umfrage der Universität Basel: So hatten 80% der Schweizer Jugendlichen mit 18 Jahren bereits erste sexuelle Kontakte gehabt – doch erst 57% der Gleichaltrigen, die ab und zu in die Kirche gingen.

Fest steht allerdings: Bis zur Ehe warten die wenigsten. Sogar in der freikirchlichen ICF-Gemeinde in Schaffhausen sind es nur rund 25%, die jungfräulich in die Ehe gehen. Die Sexologin Veronika Schmidt sieht aber auch einen kleinen Teil der Jugendlichen, die eine «neue Enthaltsamkeit» leben. Junge Menschen, die ihre Sexualmoral sehr ernst nehmen und fast missionarisch bezüglich Sexualität auftreten.

Schmidt plädiert für mehr Aufklärung vonseiten der Kirchen, um der Gefahr vorzubeugen, dass Sexualität völlig ausgeklammert wird. «In den Kirchen wird viel über kein Sex vor der Ehe gesprochen, doch nur wenig gesagt, wie Sex funktioniert.» Demnach braucht es für die Sexologin mehr geistliche und spirituelle Menschen, die etwas von Sex verstehen und darüber sprechen.

Eugen Bütler ergänzt, dass «die Kirche weniger schnell enge Grenzen ziehen sollte und stattdessen den Menschen helfen soll, Sexualität und Spiritualität zu verbinden».