Liebe

Sex im Altersheim: Wie Heime damit umgehen

Der Besuch einer Sexualbegleiterin kann sich oft positiv auswirken auf das gesamte Leben im Altersheim.

Der Besuch einer Sexualbegleiterin kann sich oft positiv auswirken auf das gesamte Leben im Altersheim.

Zum Schäferstündchen den Freund im Altersheim besuchen: Auch ältere Menschen wollen ihre Sexualität ausleben können. Wenn Heime einen verklemmten Umgang damit haben, kann das zu absurden Situationen führen.

Reto Schwander war zwar überrascht, tat sich aber nicht schwer, als er zum ersten Mal mit der Sexualität seiner dementen Mutter im Alters- und Pflegeheim konfrontiert wurde. «Als mich das Heim anfragte, ob ein Berührer für meine Mutter engagiert werden soll, dachte ich spontan ‹eine gute Idee›», berichtet er.

«Ist doch meine Mutter seit Jahr und Tag allein und sehnt sich nach jemandem, der sie wieder einmal schätzt, ihr in den Mantel hilft oder auch einmal die Tür aufhält.»

So wurde ein Sexualbegleiter, wie der «Berührer» im offiziellen Sprachjargon heisst, engagiert (siehe auch Box rechts). Dieser ging mit der Mutter in ein Restaurant zum Essen, so wie sich dies die Mutter vorgestellt hatte. Doch aus irgendeinem Grund kam die Mutter schliesslich dahinter, dass das Treffen vom Heim arrangiert war. Sie wollte sofort zurück. Dank dem Einfühlungsvermögen des Sexualbegleiters liess sich die Mutter doch noch zu einer entspannenden Massage bewegen, was sie dann auch sehr schätzte.

Bei Selbstbefriedigung verletzt

Nach dem Besuch des Sexualbegleiters gab es keine sexuellen Avancen mehr, die Frau Schwander vorher gegenüber anderen Heimbewohnern gegen deren Willen geäussert hatte. «Mit der Sexualität leben wir – wir können sie auch in Langzeitinstitutionen nicht einfach verdrängen», sagt Martin Bachmann, Pflegedienstleiter des regionalen Wohn- und Pflegezentrums Schüpfheim mit hundert Bewohnern. Doch diese Erkenntnis kam erst richtig an die Oberfläche, nachdem sich vier Bewohner aufgrund verschiedener Vorkommnisse für einen Besuch einer Sexualbegleiterin interessiert haben.

Bei zwei Bewohnern standen anzügliche und sexuelle Äusserungen gegenüber Bewohnerinnen und Pflegenden im Vordergrund. Ein Bewohner hatte sein ganzes Leben noch nie eine nackte Frau gesehen, und bei einem Bewohner waren die Verletzungen am Glied, die er sich selber zugefügt hatte, zentral. Die Treffen fanden «still organisiert» in den eigenen Bewohnerzimmern statt. In einem Fall wurde separat ein Zimmer hergerichtet. «Die Besuche wirkten sich auf verschiedene Seiten positiv aus», erklärt Martin Bachmann. Die anzüglichen Äusserungen des einen Bewohners hätten sich eingestellt. Ein anderer Bewohner verletzte sich nicht mehr, beim Versuch sich mit ungeeigneten Gegenständen zu befriedigen.

Beistand zahlt für Berührerin

Auch andere Heime sehen sich der Thematik Sexualität gegenüber. Wie sie damit umgehen, steht ihnen frei, es gibt dazu keine konkreten rechtlichen Vorgaben – ausser natürlich der Einhaltung des Schutzes vor sexuellen Übergriffen aller Beteiligten. Unter welchen Umständen in Heimen Sex erlaubt ist, das hängt stark von der Einstellung der Heimleitung ab. In einigen Heimen ist Sex aber sogar gänzlich verboten.

So trug sich folgende Szene in einem nicht genannt werden wollenden Heim zu: Eine 80-jährige Frau besucht regelmässig ihren Freund im Altersheim. Eines Tages steht sie im Zimmer ihres Freundes, nur in der Unterhose bekleidet, als eine Pflegende mit einer Lernenden das Zimmer, ohne anzuklopfen, betritt. Die Frau flüchtet erschreckt ins Badezimmer. Vor lauter Scham sucht sie von da an ihren Freund nicht mehr auf. Der Mann wird kurz darauf vom Heimleiter zu sich zitiert, wo er zu hören bekommt, dass dies gemäss Hausordnung nicht gehe.

Doch nicht nur Heime tun sich gelegentlich schwer. Wie Reto Schwander geht es auch manchen Angehörigen, die sich plötzlich mit der wieder aufflammenden Sexualität der Eltern konfrontiert sehen. Manche reagieren gelassen und andere mit Scham und Unverständnis auf die sexuellen Bedürfnisse älterer Menschen, insbesondere der eigenen Eltern. So fühlte sich eine Nichte einer Heimbewohnerin geradezu brüskiert, als sie von einer Stationsleiterin des Wohn- und Pflegezentrums Schüpfheim erfuhr, dass ihre Tante den Lernenden immer wieder in den Schritt griff. Wenig Verständnis brachte die Nichte insbesondere der Frage entgegen, ob diesen Übergriffen allenfalls biografische Wurzeln zugrunde lägen wie zum Beispiel eine lesbische Neigung. Die heftige Abwehr erklärt sich der Pflegedienstleiter Martin Bachmann auch damit, dass die Nichte von der Biografie ihrer Tante nicht allzu viel wusste und mit der Thematik wohl auch selber überfordert war. Zudem spielte sicher auch eine Rolle, dass das Entlebuch – Standort des Heimes – eher eine konservative Gegend ist.

Dildos für Bewohnerinnen?

Umgekehrt machte Martin Bachmann mit einem Beistand eines Sozialamtes der Region sehr gute Erfahrungen. Dieser war so offen dem Thema gegenüber, dass er die Kosten für eine Sexualbegleiterin für seinen mittellosen Mandanten unterstützend übernahm. Bachmann betont jedoch, dass in der Regel kein Kontakt mit den Angehörigen aufgenommen werde, solange die Heimbewohner voll urteilsfähig seien.

«Grundsätzlich ist das Bewusstsein gestiegen für die sexuellen Bedürfnisse von Heimbewohnern», stellt Pflegefachfrau und Sexualtherapeutin Evelyne Frey fest. Doch nach wie vor sei das Thema immer wieder mit Tabus behaftet. Die Heimverantwortlichen schreckten oftmals von der Vorstellung zurück, dass negative Nachrichten an Medien und Öffentlichkeit gelangen könnten. Man stelle sich Schlagzeilen in der Lokalpresse vor wie: «Pflegende verteilen Dildos, Erektionshilfen und Gummipuppen». Aus diesem Grund empfiehlt Evelyne Frey das Thema in den Institutionen vermehrt aufzunehmen: etwa in der Einführung neuer Mitarbeitenden, in der Praxisbegleitung von Lernenden, in der Weiterbildung oder im Gesprächsleitfaden zur Erhebung der sexuellen Biografie.

Evelyne Frey ermuntert die Angehörigen auch zu mehr Offenheit, selbst wenn sie einmal über den eigenen Schatten springen müssten. Vielleicht aber fällt jemand anderem in der Familie das Thema leichter? So könnte diese Person in die Bresche springen und dem Vater oder der Mutter die nötige Unterstützung bieten.

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