Können wir sie nun weiter lieben? Oder sollen wir uns mit tausend anderen in die Reihe krümeln, um ihr wie im Kindergarten eins auf die Tatzen zu geben?

Serena heisst eigentlich die Heitere. Am Wochenende war sie wutentbrannt und böse. Führte an den US-Open ein Pausenplatz-Theater auf, versiert in allen Rollen der Kunst (auch dieses Genre kennt Dutzendkomparsen und Genies): Das arglose Kind, das kein Wässerchen trübt, das nie im Leben flucht und als beste Freundin Prinzessinnen an der Hochzeit zur Seite steht (Meghan Markle). Dann Madre dolorosa, die in Gegenwart ihres Kindes kein ordinäres Wort fallen lässt, niemanden täuscht, bei keinem Spiel jemals trickst ...

Und plötzlich mit brachialer Kraft zerstört, was ihr gerade in die Finger kommt. Und keilt, austeilt, nachtritt wie eine Göre, wenn der brave Schiedsrichter strikt die Regeln befolgt: «Dieb!» Keine geringe Beleidigung im Soziotop, das Serena seit früh auf kennt; das weiss sie ganz genau. Nach diesem Soziotop richtet sie auch ihren Kleidergeschmack. Nicht nur den Schnitt, die zweite Haut, auch die Farbwahl: rückhaltlos auffällig. Voll Kanone Weib, so wie ihre «Kanonenaufschläge» sind.

Und wenn ihr noch ein feiner Pimpf, der Tennisturnier-Direktor in Paris, nahelegt, künftig auf provokante Dresses zu verzichten, tröstet sich Serena mit dem Wissen, dass es einen viel weniger scheinheiligen Dschungel gibt, worin sie unbeschränkt herrscht: als Catwoman oder «Superheldin», die als «Hip-Hop-Queen die Welt erobern» will.

Dafür war diese Szene gedacht, für die eigene Galerie. Bis zum kampfmahnend ausgestreckten Zeigefinger. Eigentlich eine Vulgarität, aber gegenwärtig absolut en vogue. Die Vorzugsgeste aller Power-Cats. Damit werden übergriffige Zuhältertypen und Zicken gleichermassen in Schach gehalten.

Parallel zu Serena Williams auf dem Court, gerieten sich bei «Harper’s Bazaar», einer New Yorker Mode-Gala, zwei Schwestern in die Wolle, verfeindet bis aufs Blut: die Rapperinnen Cardi B und Nicki Minaj. Auch sie spielen in ihrer Sparte jene bipolare – sagen wir: mehrschichtige – Sexualität aus, die Serena auf den Tennisplatz bringt. Mal Athletin mit Volumen, Kurven, Fleisch, mal Flocken-Fee im Schmetterlingskleid. Drum fletscht hier das Gebiss und klimpert dort der Augenaufschlag. Kurz: grandiose Show.

Serenas Sexismus-Vorwurf ist albern, auch wenn ihn jetzt manche ernst nehmen. Wer die Schutzbedürftige mimt nach dem Akt einer Löwin, kann nur hoffen, dass man nicht sieht, in welchem Leib das Flöten sitzt. Womit nicht gesagt ist, dass Serena kein Feingefühl besässe. Ganz im Gegenteil: Wer bedauert, dass die Siegerin bei den Open, die Japanerin Naomi Osaka, nicht zum verdienten Bad im Scheinwerfer-Licht gekommen sei wegen Serenas Wutanfall, verkennt, dass exakt die Szene mit Osakas Tränen, getröstet von Serena, zeitlosen Charakter hat, nicht die trivialen Pirouetten einer Siegerin.

Man setze «Charisma» anstelle von «Sex-Appeal»; dann rückt einiges klarer in den Vordergrund. Serena ist die charismatischste Sportlerin der Welt. Ihr Wesen ist von wahrhaftiger Kraft, nicht ihr Arm. Fehlt sie eines Tages auf dem Court, werden Turniergranden beim Stadion herumlungern wie Türschlepper, um wenigstens noch ein paar lahme Zuschauer reinzuzerren.

Regeln gelten für alle – klar. Aber Charisma haben nicht alle. Was wir gesehen haben, ist in nuce ein Bewegungstier- oder -genie. Wie Zinedine Zidane beim legendären Kopfstoss im WM-Fussballfinale 2006. Alle Sonntagsschul-Moral dazu ist längst verblasst.