Psychologie

«Sensation Seekers» sind stets auf dem Sprung zum neuen Kick

Es muss nicht zwingend ein Bungee Jump sein, Sensation Seekers finden auch in anderen Bereichen den benötigten Kick.

Es muss nicht zwingend ein Bungee Jump sein, Sensation Seekers finden auch in anderen Bereichen den benötigten Kick.

Immer mehr Möglichkeiten, Angebote und Herausforderungen: Menschen, die bei dieser Fülle aufleben und nie genug bekommen, nennen die Fachleute «Sensation Seekers»

Für Remo Läng gibt es nichts Schöneres, als mit seinem Wingsuit aus einer Höhe von mehreren Kilometern durch die Luft zu schweben. «Fliegen ist einfach schön – draussen in der Natur zu sein, zu spüren, wenn man durch eine Wolke fliegt und es einem warm oder kalt wird», schwärmte der Bieler letzte Woche im Interview mit dieser Zeitung. Heute Mittwoch will er nun einen neuen Speed-Rekord aufstellen. Für ihn ist das kein Ex-tremsport, sondern eine normale Freizeitbeschäftigung. «Ich springe aus dem Flieger, wie andere ins Wasser springen.»

So waghalsig muss es für Helen Steger nicht sein, ihre Herausforderungen sind anderer Art. Neben ihrem Vollpensum und dem Haushalt engagiert sich die Juristin und zweifache Mutter im örtlichen Kulturverein, organisiert mit Freundinnen einen Büchertausch, ist bei der lokalen Theatergruppe für die Kostüme zuständig, joggt, spielt regelmässig Tennis und hat dazu noch einen grossen Freundeskreis, den sie gerne zu Hause bewirtet. «Wenn meine Agenda nicht bis oben gefüllt ist, werde ich nervös und langweile mich», gesteht sie etwas beschämt.

Jeder ist ein Sensation Seeker

Während Remo Läng immer wieder den Adrenalinkick sucht, braucht Helen Steger immer wieder Betrieb um sich. So unterschiedlich ihre Bedürfnisse sind, haben sie doch etwas gemeinsam: Sie sind beides sogenannte «Sensation Seekers». So nennen Psychologen jene Menschen, die jeden Tag Neues erfahren wollen, Abwechslung und Herausforderungen statt Entspannung suchen – und körperlich geradezu leiden, wenn mal nichts passiert. «Sensation Seeking» ist eine Persönlichkeitseigenschaft «wie Intelligenz oder Kreativität», erklärt Marcus Roth, Professor für Persönlichkeitspsychologie an der Universität Duisburg-Essen.

Im Prinzip wollen die meisten Menschen etwas Abwechslung im Leben. «Wir sind somit alle ein bisschen Sensation Seeker – manche weniger, andere etwas mehr.» Er vergleicht es mit der Zimmertemperatur: «Manche fühlen sich bei 21 Grad richtig wohl, andere brauchen 28 Grad.» Dann spricht man von extremen Sensation Seekern.

Dieses Merkmal entdeckt hat der US-Psychologe Marvin Zuckerman durch Zufall, als er Menschen einer völligen Reizdeprivation aussetzte. Sie wurden dazu in eine Röhre gelegt, wo sie isoliert von sämtlichen Sinnesreizen waren. Das war für viele fast unerträglich. Zuckerman folgerte daraus, dass wir mehr oder minder Stimulation zum Leben benötigen.

Sensation Seeking definiert Marcus Roth, der sich seit mehr als zehn Jahren mit dem Thema beschäftigt, folgendermassen: «Es bedeutet, dass mein persönliches Bedürfnis so angelegt ist, dass ich mich dann wohlfühle, wenn ich möglichst viel sensorische Stimulation bekomme. Also wenn ich mein Herz, meinen Körper spüre und wenn möglich auch noch Adrenalin ausschütte.» Das muss freilich nicht unbedingt beim Wingsuit-Fliegen oder beim Bungee Jumping sein.

Dieses Bedürfnis kann auch gedeckt werden mit Tätigkeiten, die weit weniger gefährlich sind, aber uns sensorisch stimulieren, weil sie immer wieder Neues bieten. Wie bei Agnes Koller. Die Grafikerin reist zum Beispiel nie zweimal an den gleichen Ort und schon gar nicht ins gleiche Hotel. «Das würde mich zu sehr langweilen.» Das geht bei ihr so weit, dass sie auch nie zweimal den gleichen Film anschauen würde, geschweige denn ein Buch nochmals lesen.

Energie statt Stress-Symptome

Sensation Seeking ist zwar keine Krankheit, trotzdem fragt man sich: Kann dieses Persönlichkeitsmerkmal schädlich oder ein Problem für die Betroffenen sein? Im Gegenteil, wie Studien belegen. Diese zeigen auf, dass die Mehrzahl von ihnen optimistische und glückliche Menschen sind. Denn ihr Bedürfnis nach immer neuen Erfahrungen lässt sich gut befriedigen – besonders in der heutigen Zeit dank dem enorm gewachsenen Freizeitangebot. Sie ziehen Energie aus ihren vielen Erlebnissen; Stress-Symptome oder gar Burnout zeigen sie vergleichsweise selten. Vor allem aber ist es gesellschaftlich kein Makel, zu den Sensation Seekern zu gehören. Das erlebt Helen Steger immer wieder, wenn sie von ihrem Umfeld auf ihre enorme Berufs- und Freizeitaktivität angesprochen wird. «In der Tat werden Sensation Seeker heute viel positiver betrachtet. Man bewundert solche Personen, weil sie scheinbar mühelos alles unter einen Hut bringen», stellt auch Marcus Roth fest.

Ein Zuviel an Reizen gibt es für solche Menschen nicht: «Ich wäre unglücklich, wenn ich mich nicht so ausleben dürfte», sagt Helen Steger, auch wenn sie weiss, dass sie ein Leben in extremis führt. Wenn es sein muss, kann sie auch mal eine Woche mit nur 4 Stunden Schlaf pro Nacht auskommen. Zum Glück bringt ihr Ehemann Verständnis dafür auf. Das ist auch nötig, denn schon Marvin Zuckerman nannte Sensation Seeking einen «Feind ehelicher Stabilität».

Schwierig wird es allerdings, wenn sich extreme Sensation Seeker nur auf einen Bereich fokussieren, wie das etwa bei Glücksspielern der Fall ist. Den Adrenalinschub, wenn sie am Roulettetisch oder vor dem Geldautomaten sitzen, wollen sie immer wieder erleben. «Ihr Problem besteht somit nicht darin, dass sie erhöhte Sensation-Seeking-Werte haben, sondern, dass sie nur eine einzige Möglichkeit kennen, um sich zu stimulieren», erklärt Marcus Roth.

Gene sind verantwortlich

Woher kommt diese Sucht nach Neuem? Vor allem aus unseren Genen, wie Zwillingsstudien ergeben haben. Sensation Seeking ist also ein Familienphänomen. Allerdings weiss man nicht genau, welches Gen dafür verantwortlich ist. Auch der Vater und der Bruder von Remo Läng suchen immer wieder den Kick beim Gleitschirm- oder Fallschirmfliegen. Selbst seine Mutter fing mit fast 60 noch mit Gleitschirmfliegen an. «So wie andere Familien zusammen Ski fahren, waren wir halt ab und zu in der Luft.» Immerhin: Mit dem Alter nimmt bei allen die extreme Sehnsucht nach Neuem ab.

Kennen wir diese Symptome aber nicht auch woanders her? Auch hyperaktive Menschen haben dieses Bedürfnis nach ständiger Action. Bleibt die Frage: Wie eng ist Sensation Seeking mit Hyperaktivität verwandt? «Alle Merkmale, die hyperaktive Kinder haben, treffen stark auch auf die Sensation Seeker zu», gibt Roth zu bedenken. Allerdings habe man diesen Zusammenhang bisher noch nie untersucht, weil das verschiedene Forschungsgebiete seien – das eine betrifft die Persönlichkeitspsychologie, das andere die pädagogische Psychologie. «Gut möglich, dass es ein und dasselbe ist. Früher hat man ja gesagt, Hyperaktivität wachse sich irgendwann aus, heute weiss man, dass es auch hyperaktive Erwachsene gibt.»

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