Grosses beginnt oft klein, ja banal. Zum Beispiel in einem Schrank. Kein Mensch würde ahnen, dass sich in einem albernen Schrank von allein Grosses tut – ausser er glaubt an Geister. Stattdessen nur Verwünschung und Fluch: «Wo, zum Teufel, steckt bloss das Zeug?»

So etwa muss Louis Daguerre gewettert haben, ehe ihn zunächst Staunen erfasste und dann helle Aufregung befiel. Ach, wie lange hatte er sich nicht schon den Kopf zerbrochen über ein Problem, woran auch sein Kompagnon und Landsmann Joseph Nicéphore Niepce fast verzweifelte: Wie schafften sie es, die Belichtungszeit auf ihren revolutionären Fotoplatten zu verkürzen? Acht Stunden. Acht Stunden Warten – das war unerträglich, das war einfach zu viel.

Dieses verflucht lange Warten

Niepce hatte so – 1826 – das erste beständige Foto der Welt gemacht, aus dem Fenster seines Arbeitszimmers. Wer unten vorbeiging, wurde bis zur Unkenntlichkeit verwischt. Als hätte es den Menschen nie gegeben, der doch gerade vorbeigegangen war. Schon das erste Bild also war ganz Melancholie. Das erste «echte» Bild der «Realität»: Es wischte die Krone der Schöpfung fort, als wäre der Mensch irreal. Diese Unerlöstheit sollte Bestand haben – bis zum heutigen Selfie, einfach in neuer Form.

Niepce und Daguerre gaben nicht auf: Zum tausendsten Mal unternahmen sie einen neuen Versuch, die Zeit im Licht zu drücken. Und dann spielte nicht mal mehr das Wetter mit. Voller Grimm stellte Daguerre die Platte in seinen Chemikalienschrank. Und dann tat sich eben in diesem Schrank etwas, das der Zauberei glich, hätten technisch versierte Naturen wie Niepce und Daguerre nur an Spuk oder Zauberei geglaubt.

Daguerre war vorher Theatermaler gewesen; er wusste, welche handwerklichen Effekte Illusionen weckten. Das musste genauso machbar sein bei der Fotografie. Heute vor 175 Jahren wurde ihre «Geburt» staatlich und offiziell proklamiert. Die Blackbox ihrer Entwicklung aber ist – natürlich – erheblich älter.

Nur dem Findigen hilft freilich der Zufall – oder der Schrank. Daguerre staunte, als es plötzlich schneller ging. Er entfernte systematisch Chemikalien aus dem Schrank, wenn er neue Platten hineinlegte. Am Schluss blieben ein paar Tropfen übrig: versehentlich verschüttetes Quecksilber. Daguerre verstand: Platten, die mit Quecksilberdämpfen behandelt wurden, benötigten kürzere Belichtungszeiten. Fotografie wurde schnell.

Mal ein Spiegel, mal ein Teich

Die Riesenschritte seither mit – technischen – Sieben-Meilen-Stiefeln müssen wir nicht rekapitulieren. Springen wir 175 Jahre voran, direkt in die «Echtzeit». Ins Heute, da fast im gleichen Augenblick Digitalfotos geschossen, geprüft und verschickt werden können. So genannte Selfies. Das Wort ist erst ein Dutzend Jahre alt, wurde aber letztes Jahr bereits vom Oxford Dictionary zum Wort des Jahres gekürt. Es ist schwierig, heute noch so zu tun, als sei man völlig unangekränkelt vom Wissen, was ein Selfie ist.

Was aber soll am Selfie unverwechselbar, einzigartig sein? Das Selbstbildnis? Das gab es beinahe zeitgleich bereits mit der ersten Fotografie (Robert Cornelius in den USA). Ist es die selbstbewusste Entdeckung des Ich in der Renaissance? Ach woher! Schon in der Antike bildeten sich Künstler selber ab. Nur das Mittelalter blieb bezeichnenderweise bei Selbstbildnissen keusch, die Epoche mit der wohl bestentwickelten Nase für die Vanitas.

Also war’s umgekehrt, das Symbol aller Eitelkeit: der Spiegel? Das behauptet der Philosoph Peter Sloterdjik: «Erst seit es Spiegel gibt, sind wir Individuen. Wir haben nicht mehr die Fantasie, uns eine Lebensform zu erträumen, in der wir uns keine Gedanken darüber machen müssen, wie wir aussehen.» Dummerweise machte sich einer darüber Gedanken bis zur Selbsttrunkenheit – Narziss. Ganz ohne Spiegel. Ein stiller Teich bringt bereits so viel Selfie-Delirium, dass man schmerzlos ertrinkt darin. Das Meer an Selfies soll ein derart gefahrenvoller Ort sein. Und die Zeit, die sich spiegelt in Millionen Selfies, sei Ausdruck solcher Narziss-Übersteigerung.

Man kann sich nüchtern dem Thema nähern wie ein Theatermaler, der aus dem gleichen Geist die Fotografie entwickelt. Ein Selfie ist als Ausdruck von sich selbst nichts Neues. Mit kreidefarbenen Händen, die sie an die Felswand drückten, vergewisserten sich schon Höhlenbewohner ihrer unbegriffenen Existenz. Die Zeit wischte auch sie aus, das merkten sie; etwas sollte darum erinnern an sie.

Als Merkmal dient nicht einmal der deformierte Unterarm, Kennzeichen fast aller Selfies weltweit; das beweisen wir hier mit nebenstehendem historischem Bild. Zur Definition taugt eigentlich nur etwas: Selfie heisst ein Bild von sich dann, wenn man es weiterschickt. Als Instant-Existenzsignal an alle, gleichzeitig und weltweit.

Ein Blitz, ein Funke oder Fünkchen.

Leuchtwürmchen, schwächer noch als das Glimmen der Erde, von der neulich der Roboter «Curiosity» ein Selfie postete. Ein Pfeil im Schwarz rundum musste helfen, uns zu zeigen, wo wir verloren sind: HIER!