Grosse Persönlichkeiten haben ihn schon immer fasziniert. Ob die Rocker von U2, Tanzlegende Pina Bausch, Countrymusikstar Willie Nelson oder der renommierte Fotograf Sebastião Salgado: Wim Wenders hat sie alle porträtiert. Doch die vielleicht grösste filmische Mission seiner über 50-jährigen Karriere hat den 72-jährigen Deutschen nun zum Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche geführt. Es sei eine inspirierende Begegnung gewesen, schwärmt Wenders beim Interview in Cannes, wo sein Film «Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes» kürzlich Premiere feierte.

Wim Wenders, was fällt einem als Erstes auf, wenn man Papst Franziskus gegenübersteht?

Wim Wenders: Sein unendlicher Optimismus. Ich hätte nicht erwartet, dass er eine so positive Einstellung hat. Er reist an Orte voller Schmerz und Elend . Er ist sich bewusst, wie schlecht es um unsere Welt steht, dass Armut zu- statt abnimmt. Und trotzdem hat er diese ansteckende Energie, diese Ausstrahlung, die vermittelt, dass wir Dinge zum Besseren bewegen können. Während unserer Interviews habe ich ihn manchmal einfach angestarrt und mich gefragt, woher er diese Kraft nimmt. Wenn er ein Zimmer betrat, war sie sofort zu spüren.

Ein einzigartiges Erlebnis?

Ich kenne ein paar Schauspieler, die die Gabe haben, vor der Kamera eine ähnliche Kraft auszustrahlen. Aber das ist gespielt. Beim Papst dagegen ist das ganz einfach sein Wesen. Sein Übersetzer, der ihn schon seit vielen Jahren kennt, erzählte mir, dass Franziskus während seiner Zeit als Bischof immer «der Mürrische» genannt worden war. Er sei immer schlecht draufgewesen, seine Mundwinkel hätten permanent nach unten gezeigt. Doch seit er Papst ist, habe er nie mehr dieses Gesicht gesehen. Ich bin überzeugt: Das ist nicht gespielt.

Was veranlasste Sie dazu, einen Film über Papst Franziskus zu drehen?

Ehrlich gesagt, hatte ich mir das selbst in meinen verrücktesten Träumen nie vorgestellt. Ich sah den Papst, als er zum ersten Mal auf dem Balkon erschien. Fünf Sekunden zuvor hatte ich erfahren – und hier zahlte sich endlich aus, dass ich jahrelang Latein gelernt hatte –, dass er sich Franziskus nennen würde. Ich hatte noch keine Ahnung, wer dieser Mann ist, dachte aber: Wow!

Weshalb hat seine Namenswahl Sie so beeindruckt?

Ich fand sie mutig. Der Name Franziskus ist Dynamit. Er steht für den grössten Revolutionär in der Geschichte der Kirche. Der heilige Franziskus lebte vor 800 Jahren und war der erste Ökologe. Er war eine visionäre Persönlichkeit, die bereits damals erkannte, dass unsere Beziehung zur Natur völlig schief läuft.

Eine Persönlichkeit, die Armut und Ausschluss so ernst nahm, dass sie sich den Ausgeschlossenen anschloss: den Leprakranken, den Mittellosen – und sich bereit erklärte, selbst auf jeglichen Besitz zu verzichten. Den Namen Franziskus hat zuvor noch kein anderer Papst adoptiert. Für mich bedeutete das: Dieser neue Papst hat etwas vor. Das machte mich neugierig.

Sind Sie eigentlich religiös?

Ich wurde katholisch erzogen, trat als junger Mann allerdings aus der Kirche aus. Ich bin in den 60ern grossgeworden, 1968 war ich ein sozialistischer Student. Ich war weit weg von der Kirche. Mit einem grossen Umweg über die verschiedenen Ideologien der 70er- und 80er-Jahre fand ich als Protestant dann zum Glauben zurück. Heute betrachte ich mich als überkonfessioneller Christ. Meine Freunde sind katholisch, protestantisch, jüdisch, muslimisch, atheistisch, sozialistisch. Ich bin der Ansicht, dass menschliche Beziehungen nicht auf Glaubensrichtungen, sondern auf Respekt fussen sollten.

Wie schafft es Papst Franziskus, auch Nicht-Katholiken und sogar Atheisten anzusprechen?

Ich denke, das liegt daran, dass ihm viele weltliche Dinge am Herzen liegen. Er sorgt sich nicht nur darum, wie Gott uns betrachtet, sondern auch wie wir uns gegenseitig betrachten. Ich verfolgte sein erstes Papstjahr aus der Distanz und war beeindruckt. Aber ich dachte nicht, dass ich einen Film über ihn machen würde.

Was änderte sich dann für Sie?

Eines Tages landete ein Brief mit dem beeindruckenden Briefkopf des Vatikans in meinem Büro. Er war glücklicherweise nicht auf Lateinisch, sondern Italienisch (lacht). Weil mein Italienisch nicht sehr gut ist, musste ich meine italienische Assistentin fragen, ob da wirklich steht, was ich glaubte: Ob ich Interesse daran hätte, einen Film über den Papst zu machen! Sie antwortete: «Ja, der Vatikan möchte, dass du vorbeikommst, um über einen Film zu sprechen.»

Warum fiel die Wahl des Vatikans ausgerechnet auf Sie?

Das fragte ich mich auch. Dann traf ich den Mann, der den Brief geschrieben hatte: Er war der Kommunikations-Präfekt des Vatikans. Er hatte Filmgeschichte studiert und Bücher über das Kino geschrieben. Als junger Mann hatte er in Rom sogar einen Filmclub geleitet, in dem ich offenbar mal einen Vortrag gehalten hatte. Ich konnte mich kaum mehr daran erinnern, aber er zeigte mir das Programmheft von damals. Er sagte mir: «Der Grund, warum wir Sie ausgewählt haben, sind Ihre Filme.»

War denn auch Papst Franziskus mit Ihren Filmen vertraut?

Als wir uns das erste Mal sprachen, sagte mir der Papst: «Ich möchte, dass Sie etwas wissen: Ich habe viel Gutes über Sie gehört, aber ich habe keinen Ihrer Filme gesehen. Ich kenne mich damit nicht gross aus.» Was er mir damit sagen wollte: Das war fremdes Terrain für ihn, aber er vertraute jenen Leuten in seinem Umfeld, die mich empfohlen hatten.

Wie stark war der Vatikan in die Entstehung Ihres Papst-Films involviert?

Der Kommunikations-Präfekt versprach, dass mir der Vatikan weder ein Drehbuch noch ein Konzept vorlegen und sich auch nicht in den Schnitt einmischen würde. Er sagte, dass mir das gesamte Archiv des Vatikans bedingungslos offenstehen würde und dass ich einen privilegierten Zugang zum Papst haben würde. Der Film könne aber keine Vatikan-Produktion sein, ich müsse auf eigene Faust eine unabhängige Produktionsfirma organisieren. Das waren gute Voraussetzungen, also sagte ich zu. Ich dachte, der Film würde etwa ein bis zwei Jahre in Anspruch nehmen – am Ende dauerte die Produktion fast fünf Jahre.

Warum so lange?

Einerseits drehte ich dazwischen noch einen anderen Film. Andererseits hatte ich Mühe damit, ein Konzept zu erstellen. Zeitweise hoffte ich sogar, dass mir der Vatikan doch noch ein paar Vorgaben machen würde.

Es dauerte lange, bis mir die Idee kam, eine Parallele zum heiligen Franziskus zu ziehen – und damit zu zeigen, wie viel Mut ein Papst im 21. Jahrhundert braucht, um sich Franziskus zu nennen. Ab dann machte für mich alles Sinn. Ich wusste, dass es ein armer Film werden würde, denn eine luxuriöse Filmproduktion über eine Person, die Armut predigt, wäre sinnlos. Also versuchte ich, auf möglichst kostengünstige Art zu drehen. Wir begannen im Sommer 2016 mit den Aufnahmen.

Der Papst scheint überhaupt keine Berührungsängste mit Ihrer Kamera gehabt zu haben.

Wissen Sie, selbst wenn der Papst in seinem Papstmobil unterwegs ist, starrt er andauernd in die Kameras Abertausender Handys. Er ist ständig von Fotografen und Filmemachern umgeben. Als ich ihn fragte, wie er damit umgeht, sagte er mir: «Ich versuche, Gesichter zu finden. Selbst in diesem grossen Meer an Kameras gibt es immer ein Gesicht, in das ich schauen kann.»

Sie haben den Papst während der Interviews auf ganz spezielle Art gefilmt. Er antwortet direkt in die Kamera hinein – so als würde er nicht mit Ihnen sprechen, sondern mit uns, den Zuschauern.

Das war die Grundidee. Als der Papst sah, wie wir seinen Sitz und die Kamera positioniert hatten, fragte er mich: «Aber wo sitzen Sie?» Ich erklärte ihm, dass ich ihn so filmen wollte, dass er direkt zu allen Zuschauern spricht. Ich wollte mein Privileg, von Angesicht zu Angesicht mit dem Papst zu sitzen, mit allen teilen.

Also hatte ich eine Vorrichtung gebaut: Auf der Kamera, in die er sprechen würde, war ein Teleprompter montiert. Darauf würde er allerdings nicht seinen Text sehen – wir wussten ja nicht, was er während des Interviews sagen würde –, sondern mein Gesicht. Ich sass dahinter und sprach meine Fragen in eine zweite Kamera. So würde der Papst meine Fragen hören und in meine Augen blicken, während er direkt in die Hauptkamera – und so zu den Zuschauern – sprach.

Wie viele Interviews haben Sie mit dem Papst insgesamt geführt?

Es waren vier Interviews, jeweils zwei Stunden lang. Hinterher war ich jedes Mal total erschöpft, die Gespräche waren extrem intensiv. Plus: Ich musste auf Spanisch sprechen. Und mein Spanisch war angerostet, ich hatte noch versucht, es aufzupolieren. Es klappte, aber es war anstrengend!

Mussten Sie Ihre Fragen mit dem Papst vorbesprechen? Es fällt auf, dass sie sich im Film nie über seine Vergangenheit unterhalten – zum Beispiel über sein Leben als Priester in Argentinien.

Ich wollte mir nicht seine Biografie vornehmen. Ich dachte mir: Er ist ein bescheidener Mann, der nicht gerne über sich selbst spricht. Er spricht gerne mit Menschen und interessiert sich für sie, er spricht gerne über unsere Beziehung zur Umwelt, über Armut, über Frieden zwischen den Religionen. Ausserdem liegt mir diese People-Kultur fern, diese Versessenheit auf Tratsch und auf die Einzelheiten aus dem Leben anderer.

Ich war mir sicher, dass genug Bücher über das Leben von Papst Franziskus geschrieben werden würden, und dass genug Fernsehsendungen thematisieren würden, dass er ein Sohn von Immigranten ist, der unter ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen ist und der als junger Mann einen Lungenflügel verloren hat. Das wollte ich nicht zeigen, unsere Zeit war zu kostbar. Das Wort von Papst Franziskus ist so mächtig und bewegend, alles andere würde doch bloss davon ablenken.

Einmal blickt der Papst im Film selbst zurück und sagt, er vermisse die Zeit, als er Beichten abnahm.

Wenn er im Film über sein früheres Leben spricht, dann geschah das jeweils unaufgefordert. Ich stellte dem Papst insgesamt 55 Fragen. Ich wollte, dass diese 55 Fragen ein vollständiges Bild von ihm ergeben. Man sollte mich im Film nicht hören, denn ich wollte nicht in meinem eigenen Namen fragen, sondern im Namen von uns allen. Alles Persönliche klammerte ich dabei aus. Allerdings konnte ich mir nicht verkneifen, ihn nach seiner Lieblingsmusik zu fragen! (lacht)

Welche Musik hört der Papst denn?

Spirituelle Musik, hauptsächlich Bach … Da fällt mir ein: Im letzten Interview kam er auf Künstler zu sprechen, er nannte sie «Apostel der Schönheit». Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, womit wir den Film enden sollten. Also sagte ich dem Papst, dass es schön wäre, wenn er während des Gesprächs eine Möglichkeit finden würde, sich vom Publikum zu verabschieden.

Als er dann von Künstlern als Apostel der Schönheit sprach, kam er zum Schluss: Eigentlich ist jede und jeder von uns ein Apostel der Schönheit. Wir alle könnten etwas Schönes in die Welt setzen, sei es durch Humor oder durch ein einfaches Lächeln. Ich merkte: Das ist es, der Papst erfindet gerade das Ende meines Films! (lacht) Dann verabschiedete er sich, und ich wusste: Jetzt haben wir alles im Kasten. Ich musste nicht einmal «cut» rufen.

Ihr Film zeichnet das Bild eines Papstes, der zwischen Klimakrisen, Fake News und korrupten Politikern für Halt und Orientierung sorgt. Er steht für viele grundlegende Werte ein. Werte, die wir längst errungen glaubten, aber um die wir heute wieder kämpfen müssen. Erstaunt Sie das?

Ja. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hatten wir das Gefühl, die Menschheit sei auf einem guten Pfad. Jetzt, zwanzig Jahre später, scheinen sogar selbstverständliche und verfassungsmässig garantierte Dinge wie Gleichheit und Brüderlichkeit flöten zu gehen.

Unsere Wirtschaftsführer und Regierungen wollen uns glauben lassen, dass es nur ein Recht gibt: das Recht auf Wachstum. Ein Recht, das zur Folge hat, dass die Menschen am Rand weggedrängt werden. Den paar wenigen, die wachsen, stehen ganz viele gegenüber, die das nicht tun, die das gar nicht können. Die Botschaft von Papst Franziskus ist so einfach: Er sagt, dass wir alle gleich sind. Und dass wir mit dem Wachsen warten sollen, bis andere zu uns aufgeholt haben.

Was kann Papst Franziskus bewirken?

Sehen Sie: Nationen, Regierungen und Kontinente werden vom Primat der Industrie vorangetrieben. Selbst Europa wird nicht etwa von seiner gemeinsamen Kultur angetrieben, sondern von seiner gemeinsamen Finanzindustrie. Wir hätten uns früher nie vorgestellt, dass wir im Jahr 2018 von schamlosen Menschen regiert werden könnten. Wir sind von moralischen Zwergen umzingelt, die kein Recht haben, uns irgendetwas vorzuschreiben, die nicht einmal ihren Kindern etwas vorschreiben können, weil ihnen die emotionale und moralische Kapazität dazu fehlt.

Das hat zur Folge, dass selbst die grundlegendsten Fragen neu gestellt werden müssen. Fragen wie: Spielst du mit deinen Kindern? Es braucht jemanden wie Papst Franziskus, der solche Dinge wieder ins Bewusstsein holt. Und zwar nicht nur bei Christen, sondern bei allen Menschen. Wir brauchen eine moralische Revolution, um wieder eine Gemeinschaft zu sein.