DNA-Analysen

Sein Vater sagte nur, er gehe schnell Zigaretten holen

Renés Vater verliess das Haus, als er fünf Jahre alt war. (Symbolbild)

Renés Vater verliess das Haus, als er fünf Jahre alt war. (Symbolbild)

Renés Vater machte sich aus dem Staub. Wegen dieser Lücke in seiner Biografie begab sich der Sohn auf die Suche. Nun setzt er sie mit einer DNA-Analyse fort. Er schickt eine Speichelprobe ein. Er sucht wie Tausende andere seine Vorfahren, seine Identität.

Es war kurz vor Weihnachten, als der 55-jährige Luzerner, nennen wir ihn René, das Päckchen zur Poststelle brachte. Darin in einem Röhrchen ein bisschen Speichel von ihm, ein bisschen DNA. Zielland: USA, Texas. Der Postangestellte sagte: «Schon wieder so eines. Läuft ja wie wild. Was ist das eigentlich?»

René, verheiratet, Vater zweier Kinder und beruflich Verkaufsleiter, wollte erfahren, was derzeit viele Schweizer interessiert: Wo seine Vorfahren lebten. Die grösste Firma, die eine solche genetische Stammbaumsuche anbietet, ist MyHeritage. 2,5 Millionen DNA-Proben besitzt die Firma weltweit, 300 000 Schweizer haben sich registriert. «Ahnenforschung ist unglaublich populär in der Schweiz», heisst es auf Anfrage bei MyHeritage.

Mit der Firma hat das wenig zu tun. Die genetische Ahnenforschung boomt generell, iGenea, LivingDNA oder AncestryDNA heissen andere Firmen, welche auf den Zug aufgesprungen sind. Angetrieben wird er vom tiefen menschlichen Bedürfnis, die eigene Herkunft zu kennen.

Und zu wissen, wo wir dazugehören. In einer Welt, in der wir von unseren Nachbarn oft nicht viel mehr als den Namen kennen und die eigene Sippe über den ganzen Globus verstreut wohnt, ist das Zugehörigkeitsgefühl im Kopf umso wichtiger. Die Identität. Die Frage aller Fragen: Wer bin ich?

René hat sich die Frage in der Pubertät gestellt, wie viele Menschen. Hinzu aber kam: In seiner Geschichte fehlte ein Stück. Sein Vater, ein Kunstmaler, hatte das Haus verlassen, als René fünf Jahre alt war. Er sagte, er gehe Zigaretten holen, und kam nie wieder. Ein Spruch wie aus einem Roman wurde Teil von Renés Biografie.

Interpol fand den Vater nicht. Unter allen Dingen, die er zurückliess, war ein Koffer und darin ein Prospekt mit einem handschriftlichen Gruss des Musikers und Komponisten Klaus Doldinger. Renés Mutter erinnerte sich, dass die beiden Busenfreunde gewesen seien. Als 18-Jähriger erfuhr René, dass Doldinger im Luzerner Stadtkeller auftreten würde.

«Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und ging hin», erzählt er. Als René an den Tisch trat, an dem der Komponist sass, sagte dieser sofort: «Dich kenne ich.» René glich offenbar seinem Vater sehr. «Du suchst ihn, gell?», sagte Doldinger und riet ihm, bei Salvador Dalí in Spanien nachzufragen. René erhielt nie eine Antwort. Auch von den anderen Prominenten nicht, die sein Vater gemalt hatte.

Ich erinnere mich, also bin ich

Am Ende ist die Frage auch eine philosophische. Manche Philosophen sagen, wir seien nur insofern dieselbe Person, als wir uns an unsere vergangenen Handlungen und Erfahrungen erinnern könnten. Christian Budnik, Philosoph an der Universität Bern, sagt dazu: «Wir erinnern uns aber nicht wahllos und auch nicht vollständig, sondern in Verständniszusammenhängen. Wir versuchen, einen Sinn herzustellen, und deshalb ist erinnern für uns auch so wichtig.» Das Wissen um die eigene Familiengeschichte könne so das sinnstiftende Erinnern fördern.

René stöberte schliesslich zusammen mit seiner Mutter in deutschen Telefonbüchern die Nummer der Grossmutter auf – jener Frau, von der sein Vater bei der Hochzeit behauptet hatte, sie sei schon lange tot. So wie ihr Mann, also sein Grossvater, auch. «Entschuldigen Sie, ich muss mich setzen», sagte die Frau am anderen Ende der Leitung, denn ihr wiederum hatte Renés Vater nie erzählt, dass er verheiratet sei und einen Sohn habe.

René reiste nach Deutschland und besuchte seine neuen Verwandten. Nur der Vater war nicht da. Seine Schwester sagte: «Er ist schon lange gestorben.» Eine weitere Lüge. Sie habe René damit nur schützen wollen, rechtfertigte sie sich später. Die Wahrheit sagte die Tante ihm erst, als der Vater tatsächlich tot war. René erfuhr eine Woche nach dessen Tod, dass die Schwester des Vaters ihm einst ein Foto von René gezeigt hatte. «Netter Junge, wer ist das?», fragte der. Als sie sagte, dass das sein Sohn sei, antwortete dieser bloss: «Nett sieht er aus», und malte weiter.

Die Frage «Warum hast du uns einfach verlassen?» konnte René seinem Vater deshalb nie stellen. Heute hat er mit dieser Ungewissheit in seiner Biografie Frieden geschlossen. Es ging ihm wie vielen, die nach ihren Wurzeln suchen: Als er mit 32 Jahren heiratete und selber eine Familie gründete, wurde die erste Familie weniger wichtig.

Ägyptische Vorfahren

Aber die Neugierde, mehr über die Ahnen zu erfahren, ist nicht erloschen. Renés ausgewertete DNA zeigte die Herkunft seines Vaters aus Deutschland und der Mutter aus Dalmatien. Die Überraschung: Ihre Vorfahren müssen aus Ägypten eingewandert sein. «Das ist doch spannend!», findet René.

Er hat ein DNA-Analyse-Kit auch seiner Frau geschenkt, seiner Mutter, der Schwiegermutter, dem Schwager und einem seiner Söhne. Und will nun sehen, ob sie stimmig sind. Ein Sohn lehnte das Angebot ab. Er sagte, er wisse, wer er sei. «Das finde ich eine gute Aussage», sagt René.

Das zu wissen, ist in der Tat eine Leistung. Die deutsche Psychologin Irmela Wiemann sagt: «Seine Identität, sich selbst zu finden, zu erkennen, wer man ist, das ist für niemanden leicht.» Wiemann hat viel über die Identitätsprobleme von Adoptivkindern geschrieben, also Menschen, die wie René eine Lücke in ihrer Biografie haben.

Doch die DNA-Analyse-Kits sind nicht nur bei ihnen beliebt: Die Herkunft ist für viele heute eine drängende Frage. Wir erhoffen uns so, unsere Identität zu festigen. Juliane Noack Napoles, Erziehungswissenschafterin an der Universität zu Köln, sagt: «Früher war es einfacher: Aus bestimmten sozialen Gegebenheiten folgten in der Regel bestimmte Identitätsformen.»

Plakativ gesagt: Der Sohn eines Schusters wurde ebenfalls Schuster oder blieb zumindest in seinem Dorf verwurzelt. Es gab nichts zu erklären. Auch kulturelles Erbgut, Werte, Normen und Vorstellungen waren gegeben.

Heute ist vieles offen. Wir müssen uns Identität teilweise selber schaffen, können unzählige Rollen einnehmen. Möglicherweise versuche der Mensch auch deshalb, per DNA-Analyse seine Identität abzusichern, sagt Noack Napoles. «Damit das Risiko, dass unsere Konstruktion plötzlich zusammenbricht, an zumindest einer Stelle minimiert wird.»

Unangenehme Überraschungen

Eine Identität kann aber gerade mit der genealogischen DNA-Analyse ins Wanken geraten. Wenn ein Halbgeschwister auftaucht zum Beispiel, wenn herauskommt, dass der Vater nicht der leibliche ist, oder auch dann, wenn die Herkunft weniger eindeutig ist, als man es sich erhofft hat. Während früher Stammbäume noch von Hand beschönigt werden konnten und gewisse Äste gerade während des Nazi-Regimes bewusst weggelassen wurden, zeigen die DNA-Ergebnisse heute meist schonungslos: den Weltenbürger. Reinrassigkeit ist sehr selten, allenfalls ist jemand 100 Prozent Europäer, aber nicht Schweizer.

René ist zu 72 Prozent Nordwesteuropäer, zu 16 Prozent Balkanbewohner und zu 6,7 Prozent Iberer. Aus dem Mittleren Osten stammen 5,3 Prozent seiner DNA.

Die DNA-Analyse-Firma hat ihm auch diverse entfernte Verwandte aus aller Welt mitgeteilt: Eine Genevieve Germain aus Frankreich, Cousine des 3. bis 5. Grades, ist dabei und ein Niklaus Schulte, Grossneffe 2. Grades. Kontaktiert hat er niemanden. «Die sind zu weit weg, wir sind doch alle irgendwie miteinander verwandt», sagt er.

So sieht es auch Philosoph Budnik. Er sagt sogar: «Ich denke nicht, dass Ahnenforschung notwendig ist.» Nichts werde im eigenen Leben verständlicher, wenn man Informationen über Verwandte anhäufe, die in keinem nennenswerten Kontakt zur Familie standen – abgesehen von Informationen über vererbbare Krankheiten.

«Hier ist bei vielen Menschen eine Illusion am Werk: Sie denken, sie könnten Sinn für ihr Leben stiften, wenn sie nur etwas über ihre Abstammung in Erfahrung brächten. Aber man kann das eigene Leben ohnehin nie ganz verstehen und hat oft keine Alternative, als sich damit abzufinden.» Das sei nicht unbedingt schlimm, «es kennzeichnet unsere spezielle Situation als bewusste, aber endliche Wesen».

«Es ist irrational», sagt auch Psychologin Wiemann. «Aber es ist ganz tief in uns Menschen verankert, dass wir die biologische Verwandtschaft als derart bedeutungsvoll erleben.» Kinder, die ihre Eltern nie kennen lernen, hätten meist ein Stück weit Einsamkeitsgefühle. Und die Eltern? «Mütter vergessen ihre Kinder nie, auch wenn sie von ihnen getrennt sind. Väter tun es hin und wieder», sagt Wiemann.

René versteht nicht, wie man seine Kinder verlassen kann. Trotz der optischen Ähnlichkeit glaubt er nicht, dass er seinem Vater im Wesen ähnelt. Das ermöglicht die Ahnenforschung auch, jedenfalls wenn man über einen Vorfahren mehr erfährt als die geografische Herkunft: Wir können uns bewusst von ihm distanzieren. Das bildet die Identität auch.

Seinen eigenen Söhnen erzählt René von ihren Wurzeln, von seinen beiden Grossvätern, die beide im Zweiten Weltkrieg kämpften: Der Deutsche machte den Russlandfeldzug 1941 mit, der andere wehrte sich in Kroatien gegen die Invasion der Deutschen. Und er erzählt ihnen von ihrer Grossmutter, seine Schwiegermutter, die er trotz allem gern bekommen hat.

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