Ein Aufschrei ging vor knapp 10 Jahren durch die Schweiz. Von «Alkwellen», die das Land überschwemmen, wurde gewarnt. Von «im Hirn oben kranken Menschen» sprach die damalige Polizei-Vorsteherin Esther Maurer gar. Die Rede war von einem neuen Trend aus Spanien: dem Botellón. Das via Facebook geplante Massenbesäufnis erfreute sich im Fussball-EM-Jahr 2008 höchster Beliebtheit.

Rund 500 Jugendliche versammelten sich beispielsweise im August 2008 auf der Zürcher Blatterwiese und feierten das erste Zürcher Botellón. Und just in diesem Jahr schien die Statistik zu bestätigen, was besorgte Eltern, Politiker und Soziologen landauf, landab vermuteten: Noch nie wurden so viele Menschen mit einer Alkoholvergiftung ins Spital eingeliefert. Die Retrospektive zeigt: Das Jahr 2008 war der Höhepunkt.

Studie: Trinken die Schweizer zu viel?

Studie: Trinken die Schweizer zu viel?

"Sucht Schweiz" hat im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit für die Jahre 2003 bis 2014 stationäre Spitalaufenthalte wegen Alkoholvergiftung oder –abhängigkeit untersucht. Demnach nehmen Aufenthalte wegen Alkoholvergiftungen seit 2008 zwar ab – trotzdem waren es 2014 über 23’000 Menschen, die wegen Alkoholvergiftung oder -abhängigkeit stationär behandelt wurden. Die Mehrzahl der Alkoholabhängigen ist zwischen 45 und 74 Jahre alt.

Besser als 2008, schlechter als 2003

Eine aktuelle Studie von Sucht Schweiz zeigt auf, dass die Anzahl stationärer Behandlungen von Alkoholvergiftungen seit 2008 stetig abnimmt. Dennoch werden jährlich immer noch rund 25 Prozent mehr Jugendliche und junge Erwachsene berauscht eingeliefert als 2003. Dabei sind es die 14- und 15-Jährigen, die sich in einen giftigen Rausch trinken. Sie beginnen früh mit einem übermässigen Konsum. Und das, obwohl Alkohol für sie illegal ist. Problematisch ist diese Tatsache deshalb, weil regelmässiges Rauschtrinken in jungen Jahren die Hirnentwicklung beeinträchtigt: Menschen, die schon in jungen Jahren regelmässig drei oder vier Gläser über den Durst trinken, zeigen sich laut den Studienleitern anfälliger für Alkoholwerbung. Ebenso trinken sie, wenn Alkohol verfügbar ist, häufiger und mehr und suchen Situationen, in denen Alkohol konsumiert werden kann. Überdies legt früher Risikokonsum die Basis für eine spätere Alkoholabhängigkeit.

Alkohol steigert Krebsrisiko

Eine weitere von Suchtmonitoring Schweiz durchgeführte repräsentative Umfrage zeigt zudem: Nur wenige wissen, dass schon moderater Alkoholkonsum zu einem erhöhten Krebsrisiko führt. Rund ein Drittel der alkoholbedingten Todesfälle in der Schweiz litt zudem an Krebs. Und auch hier ist das Bild derjenigen, die Alkohol risikoreich konsumieren, verzerrt: Sie halten ihn für weniger schädlich. Überhaupt unterschätzen Risikokonsumenten die Gesundheitsrisiken ihres eigenen Konsums. Dabei sind es zwar häufig Junge, die mit mehr als vier oder fünf Gläsern Alkohol intus im Spital landen. Dies jedoch einmalig. Mittelalte und ältere Personen sind es, die wiederholt und damit öfter berauscht in den Spitalbetten zu finden sind. Eine Alkoholvergiftung ist bei ihnen oft nur das vordergründige Problem. Sie leiden ungleich häufiger als ihre jüngeren Saufkumpane an einer Alkoholabhängigkeit. Doch auch ihre Zahlen sind laut der neusten Erhebung von Sucht Schweiz rückläufig. Ob der Rückgang von Alkoholabhängigen und Alkoholvergiftungen dabei an den vermehrt zur Verfügung gestellten Notfallbeten und Ausnüchterungsanlagen liegt, das kann die Studie nicht abschliessend beantworten.