Sie dauerte lange – und sie dürfte noch lange dauern, die Aufarbeitung der Rolle der Schweiz im Sklavenhandel. Die Rolle von Schweizer Geschäftsleuten, namhaften Wirtschaftsgründer-Familien, Financiers, Diplomaten, Textilhändlern, Offizieren und Plantagenbetreibern.

Seit Anfang 2000 aber mehren sich die Zeichen. Es zeigen sich nicht bloss Spuren, man findet stetig mehr Beweise: Schweizer waren beteiligt. Sie widersetzten sich gar eiserner als andere dem Verbot des Sklavengeschäfts (1815 beschlossen am Wiener Kongress). Noch bis 1888, als sich auch Brasilien als letztes Land dazu durchrang.

Bisher hatte man hierzulande hinterm Ofen vornehmlich dieses Gefühl: Wenn in Kleists Novelle «Verlobung in St. Domingo» ein Schweizer Hauptmann Strömli auftaucht und ein wackerer Geselle namens Gustav von Ried, dann waren das selbstverständlich ausgewanderte Sympathieträger, so wie sie Kleist im Wesentlichen auch schildert, vor allem in Kontrast mit dem abgefeimten «schröcklichen Neger» Congo Hoango.

Nur wer daneben ein Geschichtsbuch aufschlug, mochte sich allenfalls wundern. Etwa darüber, dass Napoleon, als er in Haiti die Sklaverei wieder einführte, sich auf ein Schweizer Korps von rund 600 Mann stützte. Schweizer, einem Tyrann zu Diensten, in Haiti?

Robust im Sold der Mächtigen

Schweizer hatten sich eben auch unter Palmen einen soliden Ruf erworben als robuste Krieger. Stets im Sold der Mächtigen, also gegen die Sklaven.

Ein Oberst, Louis Henri Fourgenoud aus Genf, tat sich besonders hervor. Er half mit, Sklavenaufstände in Surinam und Guyana niederzuschlagen, und machte mit seinen Leuten ganze Dörfer dem Erdboden gleich. Die guten Herren Ried und Strömli in Kleists St. Domingo könnten also durchaus auch in guten Diensten gestanden sein, um den Schwarzen die gesprengten Ketten wieder an den Hals zu legen.

Ähnliches gilt für Schweizer in Kuba, in den Südstaaten der USA, in Brasilien: Schweizer mischten stets mit im Geschäft (siehe Box am Ende des Artikels). Natürlich als vergleichsweise kleine Player. Aber schon damals mit Tugenden, die bis heute als typisch schweizerisch angesehen werden: möglichst unauffälliges Vorgehen, oft indirekt über finanzielle Beteiligungen, niemals federführend, gut «globalisiert», also mit den entscheidenden Leuten vernetzt.

Dank Vitamin B zur Kaiserin

Ein Beispiel ist Johann Martin Flach, ein Schaffhauser. In Brasilien, in der schweizerisch-deutschen Landwirtschaftskolonie Léopoldine, nannte er sich Joao Martinho Flach. Der Name seines Grundstückes blieb erhalten als Helvécia, heute ein 1000-Seelen-Dorf im Bundesstaat Bahia. Rund neunzig Prozent der Leute sind schwarz. Flach besass 1848 mehr als hundert Sklaven. Die einträgliche Kaffeeplantage erwarb er dank Beziehungen zu Maria Léopoldine, ab 1817 Kaiserin von Brasilien durch Heirat mit dem portugiesischen Kornprinzen Dom Pedro.

Was ist in Helvécia davon allenfalls heute noch vorhanden? Was wissen die Leute über das Schicksal ihrer Vorfahren, die aus Afrika entführten Sklaven? Nach Recherchen in Archiven hierzulande und in Bahia interessierte sich Denise Bertschi brennend für solche Fragen. Und reiste ins abgelegene Dorf.

Denise Bertschi ist 1983 in Aarau geboren. Die Video- und Textilkünstlerin beschäftigt sich mit den verschiedensten Aspekten der Schweizer Neutralität. Wie viel ist die Neutralitäts-Politik wert, als wie fadenscheinig oder heuchlerisch entpuppt sie sich in gewissen Fällen?

Um die Sklaverei zögen manche gern den Mantel des Schweigens. Oder sie lassen das Thema unter den Tisch fallen und hoffen, niemand höbe es je auf. Sinnreich stellte Denise Bertschi drum einen Tisch ins Zürcher Johann-Jacobs-Museum und breitete darüber eine weisse Decke aus. Wer sie näher betrachtet, findet an ihrem Rand St. Galler Stickereien, die verschiedene Dokumente aus der Hochphase des Schweizer Kolonialismus nutzen. Etwa Embleme des Schweizer Konsulats in Léopoldina oder Listen des Nachlasses von Plantagen-Besitzern.

Stoffe gegen Menschenware

Solche Erinnerungen in Stoff zu sticken, ist anspielungsreich. Zum einen gehörte Brasilien zu den ersten Abnehmern neuer Lochstick-Maschinen; noch heute findet sich St. Galler Spitze in den weissen Festgewändern für Zeremonien der afro-brasilianischen Candomblé-Religion.

Zum anderen tauschten Schweizer Geschäftsleute häufig Stoffe gegen Menschenware. Vor allem die so genannten Indiennes, mit orientalischen und indischen Motiven bedruckte Baumwollstoffe, waren eine eigentliche Tauschwährung im Sklavenhandel. Stoffe, die vornehmlich und in erstklassiger Qualität in der Schweiz oder in Schweizer Tuchbetrieben im nahen Ausland hergestellt wurden. Die Nachfrage war nahezu unerschöpflich, ironischerweise auch an afrikanischen Königshöfen. Schweizer Firmen lieferten in der Hochblüte des Sklavenhandels achtzig bis neunzig Prozent dieser gefragten Textilien.

Im Untergeschoss des Museums findet sich eine Video-Installation von Denise Bertschi. Darin erzählt Bertschi vom Besuch im heutigen Helvécia, wo sie mit Leuten Gespräche führte. Mehrere Anläufe brauchte es, ehe sie, von Einheimischen begleitet, bis zu jenem Ort durchdrang, wo die Gebeine ehemaliger Sklaven und deren Nachfahren liegen. Mit einem langen Buschmesser mussten sie den Weg buchstäblich freischlagen.

Qual und Gewissensbiss

So sehr die Erinnerung an jene Zeit heute in Helvécia noch gegenwärtig scheint – so wenig wollen die Leute offenkundig daran erinnert werden, aus anderen Gründen als die Weissen. Bei den einen ist es Qual, bei den anderen Gewissensbiss.

Die Ausstellung im Johann-Jacobs-Museum ist ausserdem bestückt mit Dokumenten und Werken aus Brasilien. Darunter eiserne Gesichtsmasken, um aufmüpfige Sklaven mundtot zu machen. Das Haus im Zürcher Seefeld (vormals Kaffeemuseum), eine Stiftung der Jacobs-Familie, wurde 2013 neu eröffnet. Es widmet sich den «weltumspannenden Verflechtungen unserer Lebenswelt».