Es schneite und die Erde bebte. Beides zusammen führte am Mittwoch vor einer Woche in der mittelitalienischen Bergregion am Gran-Sasso-Massiv zu einer Katastrophe: Eine gewaltige Lawine begrub ein vierstöckiges Luxushotel unter sich.

Die Rettung der Hotelgäste war schwierig, es stürmte und zuerst mussten Strassen geräumt werden. Zudem drohten Nachlawinen. Die Italiener riefen deshalb eine Schweizer Firma, die auf die Warnung bei Lawinenniedergängen spezialisiert ist.

Herr Meier, wie sah die Situation vor Ort aus? War die Rettung wirklich schlecht organisiert, wie kritisiert wurde?

Als unsere beiden Mitarbeiter ankamen, lag das Unglück schon drei Tage zurück. Die Zugangsstrasse war vom vielen Schnee geräumt worden, das letzte Stück fuhren sie mit dem Raupenfahrzeug. Bis dann war wirklich alles vor Ort: Carabinieri, Alpine Rettung, Feuerwehr, Zivilschutz. Weiter unten waren für die rund 150 Helfer Verpflegungszelte und Zelte zum Schlafen aufgestellt worden. In einer nahen Turnhalle befindet sich das Führungszentrum. Ein Telekom-Anbieter hat eine zusätzliche Antenne aufgestellt. Das Ganze ist ein riesiger logistischer Effort. Es muss sichergestellt werden, dass alle im Gefahrenbereich registriert sind, alle ein Lawinenverschüttetensuchgerät tragen und so weiter.

Aber Helikopter flogen noch keine, als Ihre Mitarbeiter ankamen?

Nein, das Wetter war noch zu schlecht. Deshalb mussten wir unsere Radaranlage in der Nähe des Hotels aufstellen. Die Mitarbeiter befestigten sie hundert Meter weiter oben am Rand des Lawinenkegels an einem Baum. Sie waren wegen des tiefen Schnees mit Ski unterwegs und schickten mir ihre GPS-Positionen via Handy in die Schweiz. Ich ermittelte mit einem digitalen Höhenmodell die günstigen Standorte, da man vor Ort keine Sicht auf das zwei Kilometer entfernte Anrissgebiet hatte.

Bilder der Rettungsaktion im italienischen Farindola:

War es für Ihre Mitarbeiter gefährlich?

Wir haben das diskutiert und auch mit externen Lawinenexperten Kontakt aufgenommen. Wir kamen zum Schluss, dass der Einsatz bei den gegenwärtigen Wetterbedingungen vertretbar war. Wir wussten zwar nicht, wie viel Schnee noch im Anrissgebiet liegt, aber wir befanden uns am Rand des Lawinenkegels und wären sehr schnell in Sicherheit gewesen. Am Samstagabend stand die Radar-Anlage.

Wie funktioniert das Warnsystem?

Der Radar schickt elektromagnetische Strahlung zum Berg und empfängt die Reflexionen. Wenn sich am Berg etwas bewegt, reagiert der Radar und unsere Algorithmen werten anhand der Signale aus, ob das ein Helikopter, ein Tier oder eben eine Lawine ist.

Wie wären die Retter gewarnt worden?

Andernorts stellen die Radarsysteme beispielsweise die Ampeln einer Strasse auf Rot. Hier hätten die Signale eine Sirene ausgelöst. Das ist nicht einfach, weil so viele Leute und auch laute Bagger am Werk waren. Darum standen permanent zwei Feuerwehrleute bei der Sirene und hätten das Signal per Funkgerät und eine zusätzlichen Sirene weitergegeben.

Wie viel Zeit wäre den Rettern zur Flucht geblieben?

Exakt kann man das nicht wissen. Aber anhand einer groben Simulation des SLF gingen wir von einer Minute aus. Die Retter hätten nach rechts und links aus dem Lawinenkegel wegrennen müssen. Jene, die im Hotel an der Arbeit waren, hätten sich dort an einem bestimmten Ort verkriechen müssen. Die Evakuation wurde jeden Morgen mit einem Probealarm geübt.

Das verschüttete Hotel in Farindola.

Das verschüttete Hotel in Farindola. (19. Januar 2017)

Auf Fotos sah man, dass der Hang über dem Hotel dicht bewaldet ist. Kann eine Lawine da einfach hindurch?

Dieser Wald ist offenbar erst rund 50 Jahre alt und oben im Anrissgebiet gibt es keine Bäume. Für eine Lawine ist generell ein Wald kein Hindernis mehr, wenn sie eine gewisse Masse erreicht hat.

Haben Sie nach dem Anruf der Italiener sofort Ihre Sachen gepackt?

Nein, wir mussten zuerst abklären, ob wir überhaupt helfen können. Wir ermittelten am Freitagmorgen die Lawinenanrisszone anhand von Google Earth und Geländeprofilen. Die Retter sahen wegen des schlechten Wetters nicht, woher die Lawine gekommen war. Wir erkannten dann, dass wir die Anrisszone vom Boden aus mit dem Radar ins Visier würden nehmen können und kein Hügel die Sicht versperrt. Denn wir sehen mit dem Radar zwar durch Nebel, aber nicht durch einen Berg hindurch. Die Mitarbeiter fuhren dann am Freitagmittag los und kamen um drei Uhr am Samstagmorgen im nächstgelegenen Ort an.

Sie beschäftigen sich täglich mit Lawinen. Wie war es, als Sie das zerstörte Hotel mit eigenen Augen sahen?

Als ich ankam, wurden im Hotel noch etwa 20 Leute vermisst und man wusste nicht, ob sie noch leben. Das gibt einem ein ganz anderes Gefühl, als wenn man irgendeinen Schaden an einer Strasse begutachtet. Ich sah Holzbalken, die sind mehrere hundert Meter talabwärts geschleudert worden. Autos steckten hundert Meter weiter unten im Schnee. Das zu sehen, fährt ein.