Auf dem Dach der Welt herrscht bei wettersicheren Bedingungen ein Gedränge: An einem schönen Tag im Mai haben über 150 Bergsteiger den Gipfel des Mount Everest erreicht, wie das nepalesische Tourismusministerium mitteilte. Ob dieses Grossansturms könnte man fast meinen, dass jeder, der auf zwei Beinen gehen kann, auch fähig ist, den höchsten Berg zu erklimmen. Dem ist natürlich nicht so. Doch jeder, der ein Smartphone oder einen PC bedienen kann, schafft es auf den Everest. Zumindest virtuell.

Der Schweizer Outdoor-Ausrüster Mammut hat die gesamte Everest-Südroute mit einer Panoramakamera abfotografiert und ins Internet gestellt. Wie bei Google Streetview kann man sich von einem Bild zum nächsten klicken; bewegt man den Mauszeiger oder das Smartphone bestimmt man die Blickrichtung. So lässt sich die ganze Route am Bildschirm bequem nachklettern. Garantiert absturzsicher.

Für die Aufnahmen wurde eine Konstruktion aus sechs GoPro-Kameras verwendet, die eine Seilschaft bestehend aus vier Sherpas zum Gipfel getragen hat. Das Projekt zeige die Schönheit aber auch die Risiken einer Everest-Besteigung, wird der leitende Bergführer Lakpa Sherpa in einem Blog-Eintrag von Mammut zitiert.

Der Wind pfeift um die Ohren

Der Everest ist nicht der erste Berg, den der Outdoor-Ausrüster so abfotografiert hat. Insgesamt stehen für virtuelle Bergsteiger bereits zehn Touren zur Verfügung. Doch der Everest stellt gemäss Matthias Taugwalder, dem technischen Leiter des Projekts, das bisherige Highlight dar.

Besteigen lassen sich die Berge entweder direkt im Browser oder in der App «Mammut #project360». Entscheidet man sich für Letzteres, kann man die Erfahrung intensivieren, indem man eine Virtual-Reality-Brille wie die Google Cardboard nutzt. Man steckt dann sein Handy in die Brille und hat das Bergpanorama direkt vor Augen. Man kann sich um die eigene Achse drehen und die Aussicht auf dem Gipfel geniessen.

Noch realer fühlt sich das Everest-Projekt des Isländischen Game-Studios Solfar an. Die Designer und Techniker haben Schlüsselstellen des Aufstiegs als begehbare Virtual-Reality-Anwendung nachgebildet. Vor zwei Monaten konnten wir an der Game Developer Conference in San Francisco eine Demoversion des Projekts testen. Die getragene VR-Brille HTC Vive vermittelte ein starkes Gefühl von Präsenz – und ermöglicht es, sich mit dem ganzen Körper in der virtuellen Bergwelt zu bewegen.

Mit den in den Händen haltenden Controllern konnten wir nach dem Seil greifen und den nächsten Klettergriff suchen. Der Wind pfiff uns um die Ohren und wir glaubten zu frieren. Am Schluss meinte der Chef des Game Studios, Kjartan Pierre Emilsson: «Sie sind gerade den richtigen Everest hochgeklettert, einfach virtuell.»

Ja, «Virtual Climbing», wie Mammut das Bergsteigen am Computer nennt, kann durchaus sehr eindrücklich sein.