Interview

Schweizer Epidemiologen sind der Durchseuchung auf der Spur

Die grosse Frage lautet: Wer hat das Virus, und wer ist schon immun? Pendler in einem Bahnhof in Tokio.

Die grosse Frage lautet: Wer hat das Virus, und wer ist schon immun? Pendler in einem Bahnhof in Tokio.

Niemand weiss, wie hoch die Immunität in der Schweiz schon ist. Um das herauszufinden, gehen die Forscher einen ungewöhnlichen Weg: Noch bevor die Arbeit fertig aufgegleist ist, beginnt man im Kanton Genf 1500 Leute auf Antikörper zu testen.

Testen, testen, testen! Nun gilt das nicht nur, um herauszufinden, wer aktuell krank ist, sondern auch, wer dagegen immun geworden ist. Bloss gibt es momentan sehr viele, die solche Tests erarbeiten – oder bereits verkaufen wollen. Milo Puhan ist Institutsleiter Epidemiologie der Universität Zürich und koordiniert das Projekt für die schweizweite Bestimmung der Corona-Immunität. Beteiligt sind die zwölf Universitäten und Fachhochschulen der Swiss School Of Public Health SSPH+.

Was schätzen Sie, wie viel Prozent der Schweizer Bevölkerung ist inzwischen infiziert?

Milo Puhan: Es gibt ein Berechnungsmodell einer Studie aus London, welche die aktuelle Durchseuchung in der Schweiz auf 3 Prozent schätzt. Das wäre wenig, allerdings gehen wir auch nicht davon aus, dass es mehr als 10 Prozent sind. Und die geografischen Unterschiede könnten dabei gross sein, in den Kantonen Tessin, Waadt und Genf könnte die Durchseuchungsrate etwas höher sein.

Wie hoch muss der Prozentsatz der immun getesteten Leute im Land sein, damit man die aktuellen Massnahmen lockern kann? Muss man wirklich warten, bis 70 Prozent immun sind?

Eine solche Herdenimmunität schafft man kurzfristig nur mit einer Impfung. Wann und wie der Lockdown gelockert werden kann, kann ich nicht sagen. Klar ist, dass man sich dabei auf die Wissenschaft verlassen sollte, damit man sich nicht von einer persönlichen Betroffenheit leiten lässt.

Sie wollen herausfinden, wie viele Schweizerinnen und Schweizer immun sind. Wo beginnen Sie?

Genf hat bereits begonnen. Andere Regionen werden hinzukommen. Dabei geht es darum, dass die Daten auf gleiche Weise erhoben werden mit denselben Tests, um die Ergebnisse vergleichen zu können.

Milo Puhan ist Institutsleiter Epidemiologie der Universität Zürich und koordiniert das Projekt für die schweizweite Bestimmung der Corona-Immunität.

Milo Puhan ist Institutsleiter Epidemiologie der Universität Zürich und koordiniert das Projekt für die schweizweite Bestimmung der Corona-Immunität.

Doch einheitliche Tests gibt es noch nicht, oder?

Nein, die Universitäten sind erst daran, solche zu entwickeln. In Genf wird mit einem Test der Firma Euro-Immun in Lübeck gearbeitet. Wir hoffen, noch zuverlässigere Tests zu erhalten.

Wie hoch müssen die Stichproben sein?

Wir planen, in sechs Grossregionen jeweils 500 zufällig ausgewählte Leute in jeweils drei Alterskategorien zu testen: die unter 20-Jährigen, die 20- bis 65-Jährigen und die über 65-Jährigen. Diese Tests mit 1500 Leuten sollten über längere Zeit wiederholt werden, um die Entwicklung der Epidemie verfolgen zu können.

Sie gehen also davon aus, dass man nach überwundener Krankheit immun ist?

Ja, aber wir wissen nicht, wie stark die Immunisierung ist und wie lange sie anhält. Das ist die grosse Frage.

Laut Ihrer Projekt-Website corona-immunitas.ch gehen Sie von 15 Millionen Franken Kosten für die Testreihe aus. Wer bezahlt das?

Die Unterstützung ist gross, Bund, Wirtschaft und die Kantone zeigen Interesse. Denn unsere Testreihe wird ein wichtiges Puzzleteil sein, das es braucht, um die Einschränkungen zu lockern. Der Kanton Waadt hat bereits Geld zugesichert.

Macht es Sinn, dass mehrere Schweizer Universitäten unabhängig voneinander Tests entwickeln?

Es ist immer ein Wettrennen, wer den Test am Schluss produzieren kann. Das ist okay.

Gibt es keine bewährten Tests, beispielsweise aus China?

Nein, es gibt noch keine mit durchschlagendem Erfolg. Klar ist, dass wir uns auf Tests mit Blutentnahme fokussieren, Schnelltests ergeben, zumindest aktuell, unzuverlässige Ergebnisse.

Wie findet man heraus, welches der richtige Antikörper im Blut ist – und nicht einer von einem anderen Coronavirus-Typ?

Das ist die Herausforderung für die Virologen. Es ist möglich, dass man ein Protein findet, das einem anderen Antikörper sehr ähnelt und Testergebnisse verfälscht.

Genf beginnt nun aber mit dem erwähnten Test aus Deutschland.

Ja, es ist wichtig, dass mal einer beginnt. Parallel testen sie noch mit einem Test der Uni Genf. Wir sind konstant am Lernen, das ist ungewöhnlich, so forschen wir normalerweise nicht. Wir müssen die Balance finden zwischen pragmatischem, schnellen Handeln und wissenschaftlicher Korrektheit. Das ist spannend, aber auch hektisch. Der Wissensstand ändert praktisch stündlich.

Haben Sie da noch die Übersicht?

Nein, das ist unmöglich. Unsere Studenten scannen Studien und schreiben Zusammenfassungen, aber ich komme momentan nicht dazu, sie im Detail zu lesen.

Was erstaunt Sie als Epidemiologe an dieser Pandemie?

Ich hatte als Epidemiologe mehrheitlich mit chronischen Volkskrankheiten zu tun. Als junger Arzt in Kanada erlebte ich aber einen klassischen Outbreak in einem Dorf, in dem die Kanalisation verunreinigt war und zu tödlichen Nierenschäden führte. Das war sehr eindrücklich.

Nun aber trifft es die ganze Welt…

Ja, und die Dynamik, die hohe Geschwindigkeit der Verbreitung und auch das Mortalitätsrisiko haben uns völlig überrascht. Wir kennen die Grippeepidemien, aber eine Krankheit, die solche Lungenschäden verursacht, ist schon drastisch. Und auch alle anderen Auswirkungen auf unser Leben. Deshalb müssen wir jetzt dringend zusammenarbeiten und unsere Bemühungen koordinieren.

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