Edler Faden

Schweizer Bauern setzen wieder auf die Seidenindustrie – so auch in Menznau

Immer mehr Schweizer Unternehmen stellen selber Seide her. Auf einem Bauernhof in Menznau begann die Raupenzucht auf der warmen Kaffeemaschine.

Eingebettet in eine zerklüftete, stark bewaldete Hügellandschaft oberhalb von Menznau im Kanton Luzern liegt das Anwesen der Bauernfamilie Spengeler. Rund 700 Maulbeerbäume sind unweit des Hauses in Plantagen angeordnet. Die starken Frostnächte im April haben ihre Spuren hinterlassen. Die ersten Blattknospen sind abgefroren, aber nun haben die Bäume zum Glück wieder ausgetrieben – vier bis sechs Wochen später als gewohnt.

Höchste Zeit, denn im Kühlschrank lagern bei 3 Grad Celsius 5000 Eier des Seidenspinners. Vor einigen Tagen sind sie per Post aus Padua, Italien, eingetroffen. Steht genügend Grünfutter zur Verfügung, werden die Eier bei 27 Grad und einer Luftfeuchtigkeit von 75 Prozent in den Aufzuchtraum gebracht. Nach fünf Tagen schlüpfen die Raupen und erhalten dreimal am Tag zuerst fein geschnittene Maulbeerblätter.

Die Seidenproduktion hat in Mitteleuropa eine lange Tradition, die im 18. und 19. Jahrhundert auch in der Schweiz rege gepflegt wurde. Billige Importe aus Übersee, die Weltwirtschaftskrise und neue Raupenkrankheiten haben aber Anfang des 20. Jahrhunderts die hiesige Seidenindustrie zum Verschwinden gebracht.

Der Nebenerwerb rentiert

Rund hundert Jahre später versuchte 2009 in Hinterkappelen bei Bern Ueli Ramseier als Erster einen Neuanfang: Der gelernte Landwirt hatte Textilingenieur studiert und war in Südfrankreich auf eine Gruppe Raupenzüchter gestossen. Das Handwerk faszinierte ihn. Sein Know-how gab er weiter, Ramseier ist heute Präsident von Swiss Silk, der Vereinigung der Schweizer Seidenproduzenten. Inzwischen haben 13 Betriebe die Seidenraupenzucht aufgenommen, die einen soliden Nebenerwerb gewährleistet.

Auf dem Anwesen der Familie Spengeler begann alles vor sieben Jahren mit Radiohören. Das Radio sendete ein Interview mit Ueli Ramseier. Bäuerin Brigitte Spengeler hörte mit und konnte schliesslich Mann und Kinder von der Idee begeistern. Die Mutterkuh- und Mutterschweinehaltung blieb weiterhin Haupterwerb des Familienbetriebs.

Im Juni 2010 pflanzten die Spengelers 100 Maulbeerbäume. In einem kleinen Tupperware-Behälter auf der warmen Kaffeemaschine in ihrer Küche schlüpften im August aus 100 Eiern 38 Raupen.

Später wurde die Baumplantage erweitert, und letztes Jahr, dem bisher erfolgreichsten, wurden rund 40 000 Raupen gezüchtet. Das Geschäft ist anspruchsvoll, die Hygiene das oberste Gebot – deshalb dürfen keine Besuchergruppen den Aufzuchtraum betreten. Sonst breiten sich schnell Krankheiten unter den Tieren aus. Schon nur der Kontakt mit weichspülergewaschenen Leintüchern führte einmal zu einem Massensterben.

Faden bis drei Kilometer lang

So edel der Faden ist, so anspruchsvoll sind die Raupen bei der Aufzucht. Intensive Fresstage wechseln ab mit Ruhezeiten während der vier Häutungen. Die Maulbeerblätter müssen frisch und trocken sein. Dann der Höhepunkt der Raupenaufzucht: Ungefähr am 28. Tag beginnen die ersten Raupen sich einzuspinnen. Die Verpuppungshilfen aus Karton liegen in einem hellen Kellerraum bereit. Die Tiere spinnen zuerst ein Netz, in dem der Kokon sich festhalten kann.

Drei Tage lang umhüllen die Raupen sich rund um ihren Körper mit bis zu 250 000 achterförmigen Windungen. Die Spinnmasse stammt aus zwei Drüsen der Raupe, die im letzten Körperabschnitt vor der Spinnwarze zusammenläuft. Die aus der Spinnwarze austretende Substanz erhärtet an der Luft zu einem Faden, der bis zu 3000 Meter lang werden kann. Rund ein Kilometer davon ist beste Qualität.

Nun würde die eigentliche Metamorphose von der Raupe zum Nachtfalter beginnen. Ohne Eingriff schlüpft dieser nach etwa drei Wochen, indem er die Spitze des Kokons zerstört. Die Männchen sterben gleich nach der Paarung, und die Weibchen, die weder fliegen noch fressen können, nach dem Legen von 300 bis 500 Eiern ebenfalls.

Um aber den ganzen Seidenfaden zu erhalten, werden vor dem Schlüpfen der Falter die Kokons bei 110 Grad in einem Ofen getrocknet. Am Schluss gibt es keinen Abfall: «Bei der Seidenraupenzucht kann alles verwendet werden», sagt Brigitte Spengeler. «Der Kot wird Dünger, aus dem Leim werden Haut-Cremen, die getrockneten Puppen werden Tierfutter. Das Edelste, die Seide, wird weiterverarbeitet.

In Beitenwil, der Werkstatt von Swiss Silk, wird der Seidenfaden in einem Vakuumgerät bei 60 Grad Celsius zum Auflösen des Leims abgehaspelt. Mit einer Bürste werden die Anfänge der Seidenfäden gesucht. Diese werden in Gruppen von acht bis zwölf Kokons zu einem Rohseidenfaden aufgewickelt. Mehrere dieser Rohseidenfäden werden miteinander verzwirnt. Durch unterschiedliche Zwirntechniken entstehen Schuss- und Kettfäden.

Die Nachfrage ist gut

Die Schweizer Seide wird an den Krawatten- und Seidenschal-Produzenten Weisbrod in Hausen am Albis geliefert und an Carpasus, einem Herrenhemdenhersteller im sanktgallischen Rheintal. Das Geschäft mit Schweizer Seide läuft so gut, dass die Spengelers planen, den Baumgarten mit inzwischen 700 Maulbeerbäumen auf eine Hektare mit 2400 Bäumen zu vergrössern.

Letztes Jahr wurden die Schweizer Seidenraupenzüchter mit dem Agropreis der Schweizer Landwirtschaft für Innovationen ausgezeichnet. Der Präsident von Swiss Silk sagt: «Die Nachfrage ist gut, bereits warten vier weitere Seidenverarbeiter, um in den Markt einsteigen zu können.»

Für die inzwischen 13 Raupenzüchter in der Schweiz ist das eine sehr gute Situation. Im letzten Jahr wurden insgesamt 30 Kilogramm Rohseide hergestellt. Das entspricht grob einer Fläche von rund 300 Quadratmetern Stoff. Swiss Silk will in den nächsten fünf bis sieben Jahren die Produktion auf 100 Kilogramm Rohseide mehr als verdreifachen.

Zwar kostet ein Kilogramm Schweizer Rohseide 450 Franken und jene aus China nur 60 Franken. Doch es rechnet sich trotzdem: Die Konsumenten wünschen vermehrt lokale Produkte, und Schweizer Seide lässt sich als teures Nischenprodukt verkaufen. Schweizer Seide, ein edler Stoff mit langer Tradition, hat trotz billiger ausländischer Konkurrenz eine grosse Nachfrage.

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