Vom einstigen grossen Schulhaus ist nur das eiserne Eingangstor stehen geblieben. Dahinter liegt ein einziger, riesiger Trümmerhaufen. Auf den Ziegelsteinhaufen erkennt man vom Regen ausgewaschene Schulhefte. Wir sind in Zentralnepal im besonders schwer zerstörten Distrikt Sindhulpalchok und stehen vor einem der 8000 eingestürzten Schulbauten des Landes.

Die Erdbebenfolgen beeinträchtigen fast alle Bereiche des täglichen Lebens. So ist auch der Schulweg gefährlicher geworden. Herabfallende Felsbrocken und Steine aus erodierten Hängen bedrohen die Schüler, die an abgelegenen Orten manchmal bis zu vier und mehr Stunden täglich unterwegs sind. Eltern haben Angst, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Viele gehen deshalb nicht mehr hin.

Schlechter Ruf der Schulen

Bereits vor dem Beben besuchten 1,2 Millionen schulpflichtige Kinder noch nie eine Schule. Die hat einen ziemlich schlechten Ruf. «Nepal pflegt an seinen Volksschulen weitestgehend noch ein sehr traditionelles Bildungsmodell», sagt Anil Sapkota, Leiter der Nichtregierungsorganisation «Fair Education» in Nepal. Und er erklärt: «Die Lehrperson steht vor der Klasse und doziert Texte.» Die Kinder müssten sie nachsprechen und auswendig lernen. Oft ohne zu wissen, was dahinter stecke.

Die Klassen sind häufig riesig. Von Lehrkräften, die teilweise mehr als siebzig Schüler in einem Raum unterrichten, berichtet Marilyn Hoar, Bildungsdepartements-Leiterin bei Unicef Nepal. Keine Gruppenarbeit, kein interaktives Lernen – nur Frontalunterricht. Die Klassengrössen verunmöglichen ein individuelles Eingehen auf Lernende. Dies hängt auch mit einer mangelhaften Ausbildung des Lehrpersonals zusammen. Interaktiver Unterricht ist meist unbekannt. 90 Prozent des Lehrpersonals hätten kaum eine Ahnung von Didaktik und Methodik, sagt Sapkota von «Fair Education», der vor Ort Soforthilfe leistet. Der NGO-Leiter kritisiert auch den Lehrplan scharf. Musische Fächer zum Beispiel gebe es so gut wie nicht. «Der Staat solle viel mehr in die Lehrerfortbildung investieren», findet er. 

Dass es in sehr vielen Schulzimmern Nepals noch immer wie zu Pestalozzis Zeiten ausschaut, hat auch viel mit der Schulhausarchitektur zu tun: dunkle, enge Klassenzimmer. So eng, dass die Lehrperson nicht jeden Schüler erreichen kann. Da stehen Schulbänke, auf denen fünf sechs Schüler zusammengepfercht sitzen. Eine altertümliche, fixe Wandtafel. Viel zu wenig Fenster und damit düsteres Licht – bei täglichen Stromausfällen von mehreren Stunden. Schlechte Durchlüftung der Räume. Keine Zimmer und Ecken, wo man sich zurückziehen und in Ruhe lesen könnte. Draussen zu wenig Platz zum Spielen. Mangelhaft gepflegte Toiletten – nicht selten ohne Wasser. Alles in allem so ziemlich das Gegenteil dessen, was eine lern- und kinderfreundliche Atmosphäre ausmacht.

Nach dem Beben – der Wandel?

Das Schweizer Hilfswerk Caritas – mitfinanziert von Helvetas und Glückskette – plant, hier in Sindhulpalchok für 9,1 Millionen Franken 34 neue und kinderfreundliche Schulhäuser zu bauen. Neue Schulhäuser, bessere Schulen? «Eine kinder- und lernfreundliche Architektur hat einen motivierenden Einfluss», sagt Hoar von Unicef. Seien die Schulräume gross genug, die Klassen nicht zu riesig und das Mobiliar beweglich, fördere dies moderne Unterrichtsformen. Genau diesen Absichten folgen die Schweizer. Sie werden die Bauarbeiten koordinieren, die im Januar beginnen sollen. Allerdings drohen wegen der angespannten politischen Lage Verzögerungen.

«Ein neues Nepal aufbauen»

Die traditionelle Bauweise mit Ziegelsteinen und Lehmmörtel ohne Versteifungen hielt dem Beben vom April nicht stand. Erdbebensichere Schulhäuser mit armierten Betongerüsten müssen her. Daneben werden die neuen Schulhäuser grosse, helle Räume haben mit genügend Fenstern und Türen. Pro Schüler sind 1,2 Quadratmeter Platz berechnet. Noch vor kurzem gestand der Staat jedem knapp die Hälfte zu. Lehrerzimmer, Bücher- und Aufenthaltsräume, im Haus integrierte Toiletten gehören ebenso dazu wie Spiel- und Pausenplätze. Der nepalesische Bildungsdirektor Khagendra Nepal sieht im Schweizer Schulhaus sogar einen Musterbau, der für den Wiederaufbau im ganzen Land als Vorbild dienen könne.

«Die Schule ist das Zentrum eines Dorfes», erklärt Peter Eppler, Caritas-Projektleiter in Nepal. Schule und Lehrer haben in einer hiesigen Gemeinde einen prominenteren Stellenwert als bei uns. So habe ein Lehrer im noch stark nach Autoritäten ausgerichteten Himalaja-Staat eine wichtige gesellschaftliche Stellung. Und er verweist auf den Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen: Seine Arbeiten belegen, dass es Ländern besser geht, die viel in Bildung und Erziehung investieren.

Eppler sieht in den neuen Schulhäusern eine bedeutende Investition in Nepals Zukunft. Mit dieser Haltung steht er nicht alleine da. «Ich sage es den Menschen hier immer wieder: Seid nicht allzu traurig wegen dieses Erdbebens – es gibt uns die Chance, ein neues Nepal aufzubauen», bekräftigt ihn der «Fair Education»-Leiter Sapkota.