Viele Jahrhunderte war es üblich, Mastschweine mit Lebensmittelabfällen zu füttern. Seit November 2006 ist diese Praxis in Europa nicht mehr erlaubt, um die Tiere vor Krankheiten und Seuchen wie der Maul- und Klauenseuche (MKS) zu schützen.

Die Schweiz musste der EU folgen, nach einer Übergangsfrist trat das Verbot der Verfütterung von Lebensmittelabfällen an Nutztiere auch hierzulande in Kraft. Die Schweinesuppe war Geschichte.

Doch englische Wissenschafter fordern nun, dieses Verbot zurückzunehmen. Denn für Umwelt, Mensch und Schwein sei es besser, wenn wieder Speisereste in den Trog kommen.

Es war ein Gemetzel: Mehrere Millionen Schweine mussten 2001 in England notgeschlachtet werden, weil die Maul- und Klauenseuche in den Ställen ausgebrochen war. Als Ursache für die Katastrophe wurden unbehandelte Küchenabfälle ausgemacht.

Die EU reagierte mit einem Verbot, und seitdem sind Lebensmittelabfälle aus dem Schweinestall verschwunden. Die Paarhufer stecken heute ihre Rüssel vor allem in Mischungen aus Getreide und Soja.

Das Problem mit dem Sojaanbau

Grosse Seuchen sind seit dem EU-Verbot tatsächlich ausgeblieben, auch die durch einen Virus ausgelöste Schweinepest ist seit 2006 praktisch nicht mehr aufgetaucht. Doch dafür bereitet die abfallfreie Fütterung, wie nun Forscher der Cambridge University ausgerechnet haben, andere weitreichende Probleme.

So mussten für den Getreide- und Sojaanbau grosse Anbauflächen geschaffen werden: weltweit 1,8 Millionen Hektar. Laut dem Studienleiter Erasmus zu Ermgassen könnte auf dieser Fläche genug Getreide angebaut werden, um 70 Millionen Menschen ein Jahr lang zu versorgen.

Für den Sojaanbau werden viele Naturflächen geopfert, wie etwa in Brasilien, wo eine Viertelmillion Hektar Urwald und Savanne weichen mussten. Was nicht nur den natürlichen Lebensraum von Tieren, sondern auch wichtige pflanzliche CO2-Abnehmer vernichtete. Ganz zu schweigen davon, dass gerade der Sojaanbau und der Transport der Futtermittel von Amerika nach Europa grosse Energie- und Wassermengen verschlingt.

Höchste Zeit daher, so das Resümee von Biologe Erasmus zu Ermgassen, das «reflexartig ausgesprochene Verbot» der EU zurückzunehmen. Es würde nicht nur die Umwelt schonen, sondern auch das Fleisch in Europa deutlich preiswerter machen. «Die Wiedereinführung der Fütterung mit Lebensmittelabfällen», so zu Ermgassen, «würde der Schweinemast eine Ersparnis von 50 Prozent einbringen». Dies würde, selbst wenn es Handel und Fleischindustrie nicht eins zu eins umsetzen, auch der Kunde merken.

Die Speisereste einfach abkochen

Angst vor einem Wiederaufflammen von Schweineseuchen müsste man nicht haben. Zu Ermgassen verweist hier auf das Beispiel Japans. Dort werden 35 Prozent der Lebensmittelabfälle wiederverwertet, das damit produzierte Schweinefleisch wird unter dem Bio-Label vermarktet. Seuchen gibt es trotzdem nicht.

«Mögliche Krankheitserreger werden durch Hitze abgetötet», erklärt zu Ermgassen. Drei Minuten bei 80 Grad würden schon genügen. Wenn man sich in der Praxis an diese Vorschrift hält, käme es nicht zu Tierseuchen, sagt zu Ermgassen.

Für die Umwelt ist das Verfüttern von Speiseresten allemal besser, denn so kann CO2 eingespart werden, weil mit dem Essensabfall Futtermittel wie Soja ersetzt werden. Und ernährungsphysiologisch kämen Lebensmittelabfälle dem Schwein nicht weniger entgegen als Soja oder Getreide. «Schweine sind Allesfresser», betont der englische Zoologe. «In freier Wildbahn würden sie sich von allem mit dem ernähren, was sie finden können, von Pflanzen bis Tierkadavern.»

Der Rückkehr zum Abfallfutter würde ausserdem zur Lösung eines grossen Verschwendungsproblems beitragen. Weltweit werden jährlich etwa 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel weggeworfen, in Europa werden pro Jahr über 100 Millionen Tonnen vernichtet. In der Schweiz geht laut foodwaste.ch rund ein Drittel aller Lebensmittel verloren. In einem ganzen Jahr sind das zwei Millionen Tonnen, etwa 300 Kilo pro Person. Spitzenreiter beim Wegwerfen sind die Haushalte, sie verursachen fast die Hälfte aller Verluste.

Wenn diese Berge an Lebensmitteln schon keinem Menschen nutzen, könnte man sie ja wenigstens dem Schweinemagen gönnen. Denn für die ist die Suppenküche ein Festschmaus.