Plastische Chirurgie

Schönheitsoperationen wegen Skype: Bin ich hässlich oder sieht das in der Kamera nur so aus?

Telefonkonferenzen schüren Selbstzweifel. Viele suchen deswegen Hilfe bei Schönheitschirurgen.

Telefonkonferenzen schüren Selbstzweifel. Viele suchen deswegen Hilfe bei Schönheitschirurgen.

Die ständigen Videokonferenzen haben neue Komplexe und Selbstzweifel kreiert. Einige gehen sogar so weit, sich wegen der neuen vermeintlichen Mängel unters Messer zu legen. Aber: Wieso fühlen wir uns auf einmal so hässlich? Ein Psychologe verrät es uns.

Jeder kennt den Moment. Man schaut in den Spiegel und denkt: «Wow, heute sehe ich echt gut aus. Ich sollte ein Foto machen.» Dann kommt die grosse Ernüchterung: Man findet das eigene Bild einfach nur schrecklich. Und jetzt multipliziere man das Gefühl mit zwei. Statt um ein Foto handelt es sich um ein Video. Nein, noch präziser: um eine Liveaufnahme. Via Skype, Zoom oder FaceTime. Jeder, der im Homeoffice war oder noch ist, kann ein Lied davon singen. Jeden Tag ein Konferenz-Marathon und fast immer heisst es: «Mach doch bitte die Kamera an.» Muss das sein? Leider ja. Also wird die Kamera eingeschaltet und mit ihr ploppt aufs Neue die eine Frage auf: «Bin ich wirklich so hässlich?»

Dieses eine kleine Bild in der Ecke, das mich selbst abbildet, sieht wirklich nicht vorteilhaft aus. Und die anderen schauen es sich gerade an. Ob sie darauf achten? Sehen sie, dass meine Haare schief liegen? Sehen sie, dass ich keine Lust hatte, mich zu schminken? Dass ihnen das Bild wahrscheinlich egal ist – kaum zu glauben.

Bereits vor der Coronazeit hat das Unternehmen Highfive zusammen mit Zogba Analytics eine Studie durchgeführt, die das Verhalten der Nutzer von Plattformen wie Skype, Zoom oder FaceTime analysieren soll. Ganze 48 Prozent der Befragten gaben an, während einer Videokonferenz nur auf das eigene Bild zu achten, statt dem Gespräch aktiv zu folgen. Während 35 Prozent ihr Online-Auftreten wenig attraktiv finden, geben 34 Prozent an, mehr Zeit damit zu verbringen, sich für die Konferenz hübsch zu machen, als sich für das Gespräch vorzubereiten. Knapp 60 Prozent geben an, sich durch die Videoanrufe weniger selbstsicher zu fühlen.

Der Name fürs Problem heisst «Zoom-Effekt»

Wieso? «Wenn man sich jeden Tag stundenlang betrachten muss, führt das plötzlich dazu, dass man ein Selbstbild hat, welches der Realität nicht entspricht», sagt der Aarauer Psychologe Thomas Estermann. Die spanische Zeitung «El Pais» hat einen Namen für dieses Phänomen: «Zoom-Effekt». In einem Bericht heisst es, dass sich einige Spanierinnen und Spanier seit dem Lockdown hässlicher fühlen und darum vermehrt zum Schönheitschirurgen gehen. Eine Ärztin schildert, mit welchen Anliegen die Patienten zu ihr kommen: Augenringe, schlaffe Haut, grosse Poren, Falten, eine zu grosse Nase. Diese neuentdeckten Mängel hängen mit dem Winkel, dem Fokus oder der Qualität der Kamera zusammen.

Ob das Phänomen auch hierzulande aufgetreten ist, lässt sich nicht abschliessend sagen. Die Kliniken verweisen zwar darauf, dass sie momentan mehr Patienten hätten, jedoch müsse das nicht am «Zoom-Effekt» liegen. Genauso sieht es auch Thomas Estermann: «Der eine oder andere wird sicher darauf zurückgreifen. Es gibt genug Studien, die besagen, dass man nach einem Eingriff glücklicher ist. Ich empfehle da eher ein Selbstsicherheitstraining oder vermehrte soziale Interaktionen  – dann fühlt man sich mit sich selbst besser.»

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