Unsere Grossmütter und Grossväter erinnern sich noch gut an die Zeiten, als Kinder nichts zu melden hatten. Weder in der Schule noch zu Hause. Als Mädchen im kinderreichen Familienhaushalt mitarbeiten und Buben jeden Tag im Stall aushelfen mussten. Beim leisesten Widerstand bekamen die Töchter und Söhne den Zorn des Vaters zu spüren. Manchmal auch grundlos. Dann setzte es eine saftige Ohrfeige. Oder er drosch mit dem Ledergürtel auf die nackten Hintern seiner Kinder ein.

Diese Zeiten sind längst vorbei, Gewalt an Kindern ist verpönt – meint man und sitzt einem Trugschluss auf. Das zeigt eine aktuelle Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), die der «Nordwestschweiz» exklusiv vorliegt. Demnach erlebt jedes fünfte Kind zu Hause massive Gewalt. Das heisst: Die Eltern schlagen es mit Gegenständen und mit der Faust. Sie verpassen ihm Fusstritte oder schlagen es ganz zusammen. Bei weiteren zwei von fünf Kindern greifen Eltern zu leichterer Gewalt. Durch eine Ohrfeige zum Beispiel oder indem sie sie hart anpacken, sie stossen.

Nicht alle Jugendliche sind gleich gefährdet. Die finanzielle Lage spielt eine entscheidende Rolle. Der Anteil der gewalttätigen Eltern ist bei Familien, die auf Sozialhilfe- oder Arbeitslosengeld angewiesen sind, doppelt so hoch wie bei den anderen.

Auch die Herkunft hat einen Einfluss. Die meisten Kinder mit prügelnden Eltern findet man bei Familien, die aus den Balkanländern Kosovo, Serbien oder Mazedonien stammen (40 Prozent). Auf Platz zwei der traurigen Liste liegen Eltern portugiesischer Herkunft (37 Prozent der Fälle). Das Schlusslicht bilden Eltern mit Schweizer Pass. Jedes zehnte Kind ist da von schwerer Gewalt betroffen.

So lautet das Zwischenergebnis der gross angelegten Befragung. Die Forscher interviewen 10 000 Jugendliche in der Schweiz zu deren Elternhaus. Knapp die Hälfte der 17-Jährigen hat bereits geantwortet.

Bedrohte Stellung der Väter

International steht die Schweiz schlecht da. Besonders verglichen mit Deutschland. Dort sind nur knapp 13 Prozent der Kinder mit schwerer Gewalt konfrontiert, wie eine Studie mit ebenfalls 10 000 Jugendlichen zeigt. Die Ergebnisse sind vergleichbar: Die befragten Jugendlichen bekamen die gleichen Fragen vorgesetzt wie ihre Schweizer Pendants.

«Ein Grund für den Unterschied liegt darin, dass in Deutschland andere Migrantengruppen leben als in der Schweiz», sagt der Leiter der ZHAW-Studie in der Schweiz, Dirk Baier. Er hat auch im nördlichen Nachbarland über Jahre zum Thema geforscht. In der Schweiz lebten gemessen an der Bevölkerung mehr Menschen aus Portugal oder vom Balkan als in Deutschland. Dort sei vor allem die türkische Gemeinschaft vertreten. Bei dieser gibt es gemäss den neuen Daten aus der Schweiz weniger misshandelnde Eltern als bei den beiden anderen Gruppen (21 Prozent).

Die Frage aber ist: Weshalb liegt der Anteil misshandelnder Eltern so viel höher bei Migrantenfamilien? «Patriarchalische Normen können eine Rolle spielen», sagt Peter Rieker, Erziehungswissenschafter der Universität Zürich. Solche Wertvorstellungen geben dem Vater als Oberhaupt den Vorrang. Sie lassen auch zu, dass dieser seine Stellung mit eiserner Faust durchsetzt. «Dazu kann es kommen, wenn Männer aus patriarchalischen Gesellschaften Entwertungserfahrungen machen.» Wenn ein Familienvater im neuen Land keinen Job findet, seine Frau aber schon. Wenn Frau und Kinder die fremde Sprache besser sprechen, weil sie in der Schule oder am Arbeitsplatz vielleicht besser integriert sind. Wenn die Kinder eine bessere Bildung geniessen, den Vater überflügeln. All das bringt seine Familienstellung, sein Selbstvertrauen ins Wanken.

Patriarchalische Wertvorstellungen sind für Rieker nur ein Teil des Problems. «Viel häufiger stehen migrationsbedingte Gründe dahinter.» Migration bedeutet für die meisten Eltern vor allem Stress. Sie müssen sich in einer fremden Welt mit fremden Spielregeln zurechtfinden. Sie müssen in Kauf nehmen, dass ihre Universitätsabschlüsse und ihre Berufsausbildungsdiplome plötzlich nichts mehr Wert sind. Deshalb sind sie auch die Ersten, die arbeitslos werden. Als Putzhilfen, Fabrikangestellte oder Bauarbeiter sind sie einfach ersetzbar. Oft reicht ein solch prekärer Job auch nicht aus, die Familie zu ernähren. Zu den «Working Poor» – Menschen mit mehreren Jobs, weil sie mit einem nicht überleben können – gehören vor allem Migranten. Ein Rattenschwanz mit Folgen, wie Rieker sagt: «Unsicherheit und Überforderung können dazu führen, dass Eltern zu hart durchgreifen.»

Für den Studienleiter Dirk Baier ist ein weiterer Punkt entscheidend: «Das Bewusstsein dafür, dass Gewalt an Kindern falsch und schädlich ist, ist zu wenig verbreitet.» Das liege daran, dass in der Schweiz das Thema im Alltag zu wenig behandelt werde. Zwar gebe es zahlreiche Gewaltpräventionsstellen. «Diese erreichen die Familien aber nur bedingt.» Nur dann, wenn Betroffene oder Angehörige diese selbst aufsuchen. Baier fordert: «Es braucht ein Gesetz, das die körperliche Strafe als Erziehungsmethode explizit verbietet.»

Andere Länder machen es vor

Der erfahrene Forscher Baier verweist auf Deutschland. Dort ist die körperliche Züchtigung von Kindern seit 2000 gesetzlich verboten. «Das hatte eine starke symbolische Wirkung, die auf allen Gesellschaftsebenen spürbar ist.» Mittlerweile würde in deutschen Kindergärten und Schulen das Thema Gewalt an Elternabenden besprochen. «Das könnte hierzulande vermehrt auch getan werden.»

Durch ein Gesetz käme laut Baier in der Schweiz eine Debatte in Gang. Und Kampagnen würden gestartet. Wie in Schweden. Der skandinavische Staat führte das Züchtigungsverbot bereits 1979 ein. In der Folge wurden Milchflaschen mit Hinweisen beklebt, man solle seine Kinder nicht schlagen. Und Deutschland lancierte in der beliebten türkischen Tageszeitung «Hürriyet» Artikel zum Thema.

Solche Kampagnen würden alle Eltern sensibilisieren. Auch Schweizer. Nicht selten geben Kinder die erlebte Gewalt später an ihre eigenen Kinder weiter. Unabhängig von der Herkunft. Dieser Teufelskreis muss durchbrochen werden. Damit die rauen Zustände von damals, zu unserer Grosseltern Zeiten, nicht ins Heute und Morgen verschleppt werden.