Es war ein ziemlich wichtiges Meeting. Doch beide Japaner im Saal schliefen. Sitzend zwar, aber die geschlossenen Augen und ihr tiefer und langsamer Atem verrieten sie. Es waren auch Deutsche und Amerikaner anwesend, und die waren teilweise amüsiert, teilweise irritiert oder sogar schockiert. Doch am Fusse des Fuji gilt das Einnicken bei Sitzungen und Debatten oder in U-Bahn, Schule und Universität nicht als Affront. Man nennt es «Inemuri» («anwesend sein und schlafen»).

«Es gilt in Japan als erstrebenswert, den Nachtschlaf zu reduzieren», erklärt die Wiener Japanologin Brigitte Steger. «Das zeigt, wie sehr man sich im Griff hat und die eigenen Bedürfnisse unter Kontrolle halten kann.» Das entsprechende Schlafdefizit werde dann eben im Alltagsgeschäft ausgeglichen, und das nehme in Japan niemand übel. Denn dort überwiege die Überzeugung, so Steger, «dass der Fleissige auch mal einnicken darf».

Mitteleuropäer denken anders. Hier gilt das Einnicken während wichtiger Tätigkeiten als unhöfliche Disziplinlosigkeit, und man ist auch davon überzeugt, dass es gesünder ist, wenn man einphasig schläft, also im kompakten Stundenblock der Nacht. Dabei gehört Japan zu den Ländern mit den meisten Hundertjährigen, und auch ein Blick auf die Kulturgeschichte zeigt: Es gibt keinen Musterschlaf, den man als gesündesten von allen einstufen könnte; es gibt auch keine soliden Hinweise darauf, dass wir – wie oft behauptet wird – derzeit schlechter schlafen als früher.

Mitten in der Nacht auf Besuch

Der ununterbrochene Acht-Stunden-Schlaf ist ein relativ junges Phänomen. Die antiken Griechen etwa waren es gewohnt, nachts stundenlang wach zu sein, um zu beten, Nachbarn zu besuchen und dabei auch über ihre Träume zu diskutieren. Geschadet hat es ihnen nicht, gerade die Philosophie erlebte zu ihrer Zeit eine Blüte.

Im Mittelalter schliefen die Menschen, wenn es ihnen gerade passte, also auch tagsüber auf dem Feld. In Indien handhabt man das auf dem Land immer noch so. Ende des 18. Jahrhunderts zeigte sich Jean Paul begeistert über nächtliche Wachphasen, weil man in ihnen «viel schärfer denken und reicher empfinden» würde als sonst. Sein berühmter Dichterkollege Goethe hatte hingegen zwei grosse Schlaf-Blöcke: einen in der späten Nacht und einen am Nachmittag. Er wurde steinalt, Jean Paul allerdings starb schon mit 62.

Mit dem Aufkommen des Kapitalismus veränderte sich das Schlafverhalten hierzulande in Richtung Einphasigkeit. Tagsüber sollte man arbeiten und nachts schlafen, um besser arbeiten zu können. Ob dies gesundheitliche Vor- oder Nachteile mit sich brachte, ist unbekannt. Motiv für die Einführung der Einphasigkeit war die Hoffnung auf mehr Arbeitseffizienz.

Die letzten Jahrzehnte schliesslich sollen – nach Meinung vieler Pädagogen, Psychologen und Mediziner – davon geprägt sein, dass wir immer weniger schlafen und dadurch immer kränker würden. Ein Forscherteam um Tim Olds von der University of South Australia hat diese These näher untersucht. Demnach hat sich der Kinderschlaf im letzten Jahrhundert tatsächlich um 76 Minuten reduziert. Als Ursachen werden Bewegungsmangel, der exzessive Gebrauch von elektronischen Geräten und der Verzehr von zu viel Zucker diskutiert.

Wir schlafen nicht weniger

Für Erwachsene jedoch konnte das Forscherteam keine verkürzten Schlafzeiten ausmachen. Ihre Schlafdauer hat sich in einigen Ländern erhöht, in anderen verkürzt. Gesundheitswissenschafter Olds vermutet, dass sich die Menschen nach dem Schlafen weniger erholt fühlen als früher und daher glauben, dass sie zu kurz schlafen würden. Möglich also, dass ihre Schlafqualität schlechter geworden ist. «Doch auch darüber haben wir letztlich keine objektiven Daten», betont Olds.

Fehlende Gewissheit har man auch, was den biologischen Sinn von Schlaf angeht. Bis heute ist nicht abschliessend geklärt, wofür er eigentlich gut ist. Die gängige Antwort «um wach und aufmerksam zu bleiben» ist jedenfalls nicht gerade ergiebig. «Ebenso könnte man sagen, dass wir essen, um nicht zu verhungern, und atmen, um nicht zu ersticken», bemängelt Psychiatrie-Professor Jerome Siegel von der Universität Los Angeles. Denn der eigentliche Sinn des Essens sei die Nahrungszufuhr und der des Atmens die Sauerstoffzufuhr und das Abgeben von Kohlendioxid. «Doch für den Schlaf haben wir leider noch nicht eine solch einfache Erklärung», so Siegel.

Eins ist allerdings klar: Wir brauchen den Schlaf zum Leben. So sterben Laborratten unter ständiger Wachheit schneller als unter Futtermangel. Untersuchungen am Menschen zeigen zudem, dass Schlafstörungen zu Übergewicht und Gedächtnisproblemen führen. 1964 schaffte es der Amerikaner Randy Gardner, sich für eine wissenschaftliche Studie 264 Stunden, also elf Tage lang, wachzuhalten. «Er hat mich noch am zehnten Tag beim Flippern geschlagen», betonte der Studienleiter Schlafforscher William Dement. Doch der 17-jährige Randy litt auch unter Stimmungsschwankungen und Konzentrationsproblemen, später kamen sogar noch Wahnvorstellungen hinzu.