Ein Freund von mir hat ein Problem. Er wollte seinem sechsjährigen Sohn eine zehnteilige CD-Box mit Pumuckl-Hörspielen zu Weihnachten schenken. Doch dann fand er heraus, dass es alle Folgen des frechen Kobolds umsonst im Internet gibt. Er entschied, die 60 Franken zu sparen und ein exotischeres Geschenk zu suchen. Seine Wahl fiel auf eine edle sechsteilige DVD-Box der 80er-Jahre-Trickfilmserie «Es war einmal … Das Leben» zum stolzen Preis von 290 Franken.

Doch jetzt hat mein Freund herausgefunden, dass es auch diese Serie gratis auf Youtube gibt. Die Sammler-DVD-Box ist für ihn nun keine Option mehr und er sucht noch immer nach einem passenden Geschenk.

«Hier hast du deinen Kram!»

Schenken ist schwierig geworden im Digitalzeitalter. Bücher, DVDs, CDs – das waren einmal beliebte Gaben für unter den Weihnachtsbaum. Doch wer setzt heute noch auf solche alten Trägermedien? Elektronische Medien aber, die man über Internet auf die eigenen Geräte lädt, lassen sich nur sehr umständlich verschenken. Und eine persönliche Widmung passt da ohnehin nicht hinein. Noch schwieriger wird das Schenken wegen der Streaming-Dienste wie Spotify. Was soll einer bitte schön mit einem Musikalbum – ob CD oder MP3 ist einerlei – anfangen, wenn er ohnehin Zugriff auf (fast) alle Musik der Welt hat?

Das Internet erfüllt die letzten übrig gebliebenen Konsumwünsche von alleine. Zudem kaufen sich die Menschen immer öfters gleich selber, was sie sich wünschen. Da bleibt dann nicht mehr viel übrig, was man ihnen schenken könnte. Denn das, was sie sich nicht selber leisten können, ist in der Regel auch für ein Geschenk zu teuer.

Die Krise des Schenkens ist älter als die digitale Vernetzung der Welt und hat gemäss dem Philosophen Theodor W. Adorno ihren Ursprung weniger im technischen Wandel, als vielmehr in der Verkümmerung des Menschen. Dieser ist nicht mehr fähig, sich in sein Gegenüber hineinzuversetzen und seine Wünsche und Bedürfnisse wahrzunehmen.

«Die Menschen verlernen das Schenken», diagnostizierte er in den frühen 1950er-Jahren in seiner Schrift «Minima Moralia». Günstigstenfalls würden sie sich das schenken, «was sie sich selber wünschten, nur ein paar Nuancen schlechter».

Der Verfall des Schenkens zeigt sich für Adorno in der «peinlichen Erfindung der Geschenkartikel» und der verbreiteten Möglichkeit des Umtauschs. Die ist heute präsenter denn je. So manch ein Schenker sagt, sobald die Gabe ausgepackt ist: «Falls es dir nicht gefällt, kannst du es umtauschen!» In den Worten Adornos ausgedrückt: «Hier hast du deinen Kram, fang damit an, was du willst, wenns dir nicht passt, ist es mir einerlei, nimm dir etwas anderes dafür.» Der Beschenkte antwortet darauf natürlich: «Oh nein, es ist super!» Und denkt: «Was soll ich mit dem Mist?!»

Gesteigert wird die Unsitte des Umtauschs nur noch durch den Gutschein, mit dem sich heute viele Schenkende aus der Patsche helfen. Ein Gutschein bedeutet nichts anders als: Ich habe keine Ahnung, was ich dir schenken soll, kauf dir doch damit einfach selber etwas. Doch ein sich selber gemachtes Geschenk ist ein Widerspruch in sich. Ein Geschenk, und hier sind wir wieder bei Adorno, richtet sich immer an ein Gegenüber: «Wirkliches Schenken (…) heisst wählen, Zeit aufwenden, aus seinem Weg gehen, den anderen als Subjekt denken.» Sich selbst was schenken, hingegen heisst bloss, sich was kaufen. Und das ist nun gewiss nichts Spezielles, sondern der Grundton der Konsumgesellschaft, der in der Weihnachtszeit noch etwas lauter brummt als sonst.

Umtausch nicht gestattet!

Doch was man verlernt hat, kann man für gewöhnlich auch wieder erlernen. Wie das beim Schenken geht? Der erste Schritt besteht wohl darin, das Feld der Zu-Beschenkenden einzuschränken. Statt der ganzen Sippe was zu schenken, lost man aus, wer wem etwas zu schenken hat, so muss man sich bloss noch um ein Geschenk kümmern (und erhält im Gegenzug auch bloss eines).

Tücken lauern aber auch hier: In einer mir bekannten Familie ist dieses Wichtelspiel bereits so sehr «digitalisiert», dass die Teilnehmer ihre Wünsche per Mail an alle potenziellen Wichtel zukommen lassen. In der Wunschliste befinden sich dann Links, die zu den Websites führen, auf denen man die «Geschenke» bestellen kann. Damit ist es natürlich wieder dahin mit dem Witz des Schenkens. Will man tatsächlich wieder schenken lernen, dann geht das nur auf die harte Tour: keine Links, keine Wunschliste, kein Nachfragen! Dafür ein langes, tiefes Hineinversetzen ins Gegenüber. Dann kaufen und den Kassenbon wegschmeissen.

Natürlich ist das ein Hochrisikospiel. Die Gefahr ist gross, dass man scheitert und das Gegenüber das Geschenk scheisse findet. Und es gilt: Umtausch nicht gestattet! Aber so ist das nun mal mit dem Schenken.

Wem das zu heavy ist, hier noch ein anderer Tipp: Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes «schenken» geht auf das Althochdeutsche «scenken» zurück und bedeutet einschenken. Statt uns den Kopf über ein Geschenk für unsere Liebsten zu zerbrechen, sollten wir vielleicht einfach wieder einmal zusammensitzen und ihnen ein Glas einschenken. Erst recht im Digitalzeitalter: Denn weder lässt sich der Durst noch das Bedürfnis nach Zusammensein in Bits und Bytes stillen.