Auch in der Zeit der Internet-Telefonie: In der Schweiz stehen immer noch rund eine halbe Million Telefonmasten aus Holz. Und die Umwelteinflüsse setzen ihnen zu. Die Swisscom muss jedes Jahr etwa 5000 von ihren Masten ersetzen, grösstenteils weil sie von einem Pilz zerfressen sind. Seit dem Sommer letzten Jahres macht das Telekom-Unternehmen einen Versuch mit einem neuen natürlichen Produkt, dank dem die Masten deutlich länger halten sollen.

Es handelt sich um ein Granulat aus einer anderen Pilzart, das rundherum ins Erdreich eingestreut wird. «Pilze in der Natur haben meist einen Gegenspieler», erklärt Francis Schwarze, der das Mittel an der Forschungsanstalt Empa entwickelt hat. «So halten sie sich gegenseitig im Zaum.» Werden Hölzer ausserhalb ihrer natürlichen Umgebung gebracht, kann dieser Effekt häufig nicht mehr spielen. Das Gleichgewicht gerät ausser Kontrolle und Schädlinge können sich ungehindert ausbreiten, wie der Experte ausführt. Viele Holzkonstruktionen werden deshalb mit chemischen Mitteln imprägniert, damit sie länger Bestand haben.

Resultate stimmen zuversichtlich

Bei der Swisscom ist man mit der neuen Methode einstweilen sehr zufrieden. «Die ersten Resultate stimmen uns zuversichtlich», sagt Esther Hüsler vom Mediendienst. «Mit dem Verfahren können wir die Lebensdauer unserer Holzmasten verlängern, ohne die Umwelt mit Schadstoffen zu belasten.» Mittlerweile behandelt die Swisscom sämtliche neuen Pfähle mit dem Produkt und überprüft die Wirkung mit Wissenschaftern der Empa und der Firma Mycosolutions, welche die Mittel vertreibt. Die neue Methode wurde vorgängig im Rahmen eines Forschungsprojekts getestet, welches von der KTI (Kommission für Technologie und Innovation) mit Bundesgeldern unterstützt wurde.

Aufgrund der positiven Erfahrungen haben auch die Erbauer des Baumwipfelpfades im st.-gallischen Mogelsberg bereits präventiv den Pilzexperten zurate gezogen. Die Holzkonstruktion, die auf Höhe der Baumkronen über 500 Meter durch ein Waldstück verläuft, steht auf geschälten Weisstannenstämmen, die wegen ihrer schrägen Ausrichtung besonders stark der Witterung ausgesetzt sind. «Wenn das Holz austrocknet, entstehen Risse, in denen sich Wasser ansammelt. Das feuchte Klima fördert Fäulnispilze», erklärt Regionalförster Christof Ganter. Im Rahmen eines Forschungsprojekts habe man die Stämme deshalb prophylaktisch mit einer flüssigen Pilzlösung besprüht und an einigen Stellen auch eine hoch konzentrierte Paste aufgetragen. In den folgenden Jahren wird die Behandlung wiederholt. Die Verantwortlichen sind zuversichtlich, dass die im Frühling eröffnete Naturattraktion dadurch langfristig Bestand haben wird.

Nach diversen ermutigenden Ergebnissen arbeitet die Firma Mycosolutions emsig an neuen Anwendungen für ihre Pilzmittel. Grosse Netzbetreiber der Telefon- und Strombranche im In- und Ausland interessieren sich für die Mittel des St. Galler Start-ups. Weitere Anwendungen sind in der Landwirtschaft denkbar, wo noch immer grosse Mengen an Fungiziden gebraucht werden. Erste erfolgversprechende Versuche laufen in privatem Rahmen in einem Gemüsegarten sowie an Weinreben an einer Hausfassade. In Grossbritannien konnte man zudem durch die Pilzbehandlung eines Golfrasens auf Fungizide (chemische Pilzbekämpfungsmittel) verzichten.

Auch Parkbäume profitieren

Nicht nur totes Holz wird häufig von Pilzen befallen, sondern auch Bäume in Parks und Städten. Denn die Vielfalt der Mikroben ist in diesem Umfeld meist nicht so ausgeprägt wie etwa im Wald. Stattliche Bäume werden brüchig oder können sogar ganz absterben, weil ihre Wurzeln von Pilzen wie dem Wulstigen Lackporling oder dem Hallimasch angegriffen werden. Um diese Arten zu bekämpfen, entwickelt Francis Schwarze massgeschneiderte Gegenspieler anhand von Proben, welche ihm die zuständigen Baumpfleger per Post zustellen. Die gezüchteten Pilz-Nützlinge in Granulatform werden dann ins Erdreich rund um den Stamm von befallenen Bäumen eingearbeitet. Sie können schädliche Pilze im Boden verdrängen, indem sie schnell wachsen und damit Raum und Nährstoffe für sich beanspruchen.

Schwarze – selber gelernter Baumpfleger und später Naturwissenschafter – konnte so bereits zahlreiche Bäume in verschiedenen Ländern Europas, aber auch in Asien und Australien retten. So zum Beispiel wertvolle Exemplare in norditalienischen Parks und Gärten. Seiner Leidenschaft geht der ausgewiesene Pilz-Experte auch in der Freizeit nach. Wenn kränkliche Bäume plötzlich wieder neue Wurzeln schlagen, komme es gelegentlich auch zu emotionalen Szenen, erzählt der Professor: «Ich habe schon gesehen, dass gestandene Baumpfleger feuchte Augen bekommen.»

In der Schweiz ist eine entsprechende Behandlung erst seit letztem Jahr zugelassen. Die Jungunternehmer führen nun Schulungen für Baumpfleger und Fachleute durch, die für Grünanlagen in verschiedenen Schweizer Städten verantwortlich sind.