Friedlich eingeschlafen. So wird das Sterben in Todesanzeigen oft beschrieben. Ein solches Lebensende ist tröstlich für die Angehörigen. Friedlich eingeschlafen sei er, sagen Angehörige heutzutage manchmal sogar, wenn der Patient an einer Lungenkrankheit starb und am Ende erstickte.

Denn es gibt Medikamente, die einen sanften Tod ermöglichen, wie der Wirkstoff Midazolam, der schlaffördernd, angst- und krampflösend wirkt. Der Sterbende wird damit sediert, also in Tiefschlaf versetzt. «In vielen Fällen ist es ein Segen, dass es das für die letzten Stunden des Lebens gibt», sagt Markus Zimmermann, Professor für Theologische Ethik an der Uni Freiburg und Präsident des Nationalen Forschungsprogramms «Lebensende», dessen Erkenntnisse gestern veröffentlicht wurden. Wenn ein Sterbender völlig verzweifelt sei, deliere oder Atemnot habe, sei eine Sedierung sinnvoll, damit er in Ruhe sterben könne. Nur selten wird wegen starker Schmerzen sediert: Die können mit Medikamenten gelindert werden, die das Bewusstsein weniger beeinträchtigen.

Doch eine Sedierung kann auch missbraucht werden. Die Autoren der Studie «Medizinische Entscheidungen am Lebensende» beobachten die Entwicklung kritisch.

Der Tod wird zur Entscheidung

In der Schweiz geschehen 71 Prozent aller Todesfälle nicht plötzlich oder unerwartet. Dies, weil die Medizin die Menschen immer länger am Leben erhalten kann. «Wenn wir immer mehr können, müssen wir in der Konsequenz auch immer häufiger sagen: Jetzt lassen wir es trotzdem», sagt Zimmermann. Die Ärzte müssen also zusammen mit den Patien- ten und Angehörigen entscheiden, ob eine Behandlung weitergeführt wird oder nicht. In der Schweiz werden in vier von fünf nicht überraschenden Todesfällen solche Entscheide gefällt.

Und immer häufiger entscheiden sich die Beteiligten für eine Sedierung am Lebensende: Jeder vierte Sterbende erlebt den Tod heute nicht bewusst, sondern im Tiefschlaf. 2001 war es erst jeder zwanzigste. «Diese Realität ist in der Öffentlichkeit wenig bekannt, sollte es aber sein», sagt Zimmermann. «Als Ethiker finde ich auch, dass man genauer hinschauen sollte: Wurde die Sedierung fachgerecht gemacht? Wurde darüber gesprochen? War sie angemessen?»

Die Gefahr, dass eine Sedierung nicht fachgerecht gemacht wird, besteht auf Abteilungen im Spital, wo selten Patienten sterben oder in Alters- und Pflegeheimen. Ein häufiger Fehler ist, dass für eine Sedierung einfach die Morphium-Dosis erhöht wird. Hoch dosiert benebelt Morphium das Bewusstsein zwar auch, hat jedoch starke Nebenwirkungen.

Rechtlich nicht korrekt wäre eine Sedierung bei einem Patienten, der noch mehrere Wochen oder Monate leben würde, der aber nicht mehr leben mag. «Dann wäre es assistierter Suizid», sagt Zimmermann, «und eher ein Fall für Exit.» Ebenfalls nicht angebracht sei eine Sedierung, wenn sie nur geschehe, weil sie für die Angehörigen oder das Pflegepersonal die Situation erleichtere, findet der Ethiker.

Erlösung vom Delirium

Georg Bosshard, Co-Autor der Studie und Arzt in der Klinik für Geriatrie des Unispitals Zürich teilt diese Ansicht nicht ganz: «Es kommt nicht selten vor, dass ein Mensch in den letzten Lebensstunden in ein Delirium fällt und sehr unruhig wird: Er will zum Beispiel aufstehen, obwohl er dazu die Kraft nicht mehr hat und sich verletzen würde. Da hilft eine Sedierung. Früher hätte man möglicherweise einfach einen anderen Beruhigungscocktail gegeben, der eine ähnliche Wirkung hat.» Bosshard sieht den Grund für die starke Zunahme der sogenannten terminalen Sedierung auch darin, dass sich die Ärzte schlicht bewusster sind, dass es sich um eine solche handelt. Und: «Es wird mehr darüber geredet», sagt Bosshard. «Das ist ein gutes Zeichen. Überraschend viele Sterbende haben oft schon davon gehört und wünschen sie explizit.»

Dass vorher darüber geredet werden soll, finden Bosshard und Zimmermann das Wichtigste. Die Studie ergab, dass der Arzt in drei Vierteln aller Todesfälle die Entscheidung mit dem Patienten besprach, wenn dieser als urteilsfähig angesehen wurde. In der Hälfte der anderen Fälle sprachen sich die Ärzte immerhin mit den Angehörigen ab oder kannten die Wünsche der Sterbenden. Und in den übrigen? Die Studienautoren vermuten, dass manche Ärzte rechtzeitige und offeneGespräche übers Sterben mit ihren Patienten verpassten oder gar nicht suchten.

Wo beginnt die Sterbehilfe?

Der Nationalfonds hat bewilligt, dass diese Autorengruppe aus dem Forschungsprogramm «Lebensende» ihre Studie weiterführen darf, und zwar zum Thema «Terminale Sedierung – Palliative Pflege oder langsame Euthanasie?». Denn die Sedierung sei als Handlung ein Grenzfall, sagt Zimmermann. Und auch Bosshard findet sie ethisch heikel: «Es ist ein tiefgreifender Entscheid, wenn jemand sagt, zum Zeitpunkt X werde ich bis zum Tod ins Koma versetzt. Er verabschiedet sich von den Angehörigen und beendet sein bewusstes Leben.»

Aber nicht nur deswegen hat eine Sedierung bis in den Tod den Geschmack von Suizid-Beihilfe: Oft wird entschieden, einem sedierten Sterbenden keine Nahrung und Flüssigkeit mehr zuzuführen. So stirbt der Mensch, falls der Tod nicht sowieso früher eintritt, spätestens nach einer Woche.

Bosshard kritisiert das nicht grundsätzlich. Aber er sagt: «Man muss darüber reden, genauso wie heute über die Beihilfe zum Suizid geredet wird.» Die Studie schliesst mit dem Fazit: Dies sei ein weiterer herausfordernder Bereich am Lebensende, der bisher mehrheitlich ignoriert worden sei in den medizinischen Richtlinien der Palliativpflege. Dabei sollte die Sedierung bis zum Tode klar abge- grenzt werden können von möglicherweise lebensverkürzenden Entscheidungen.