«Das ist der Trainer von Kroatien. Weisses Hemd, schwarze Haare und ein Mittelscheitel», sagt der Kommentator, um gleich darauf mit einem Wortschwall den Anfang des WM-Halbfinals England - Kroatien zu beschreiben. Wörter füllen das Wohnzimmer in Zofingen. Dicht vor dem Fernseher sitzt Ruth Häuptli. Sie verfolgt den Match, sie fühlt und lebt das Spiel, kann es aber kaum sehen. Sie ist fast blind. Aber sie hört alles. «Drei Engländer stehen beim Ball. Einer rennt zurück, um sich in der Mauer einzugliedern. Trippier bereitet sich vor», die Stimme des Kommentators schwillt an. «Er schiesst direkt auf das Tor von Subašić und trifft in die obere rechte Ecke. Ein glatter Schuss. Und schon schmeissen sich Trippiers Mitspieler auf ihn. Das ist die Führung für England. In der fünften Minute, unglaublich!»

Fussball besteht aus Emotionen. Man sitzt im Stadion oder vor dem Fernseher und schaut gespannt auf den Ball, der von links nach rechts und von rechts nach links geschossen wird. Man ist gefangen im Match und kann den Blick kaum abwenden. Wie ist es aber, wenn man Fussballfan ist und nur verschwommene Konturen sehen kann? Ruth Häuptli nutzt die Audio-Option für Blinde. Dabei sprechen nicht normale Kommentatoren, sondern Spezialisten, die den Fussball für Sehbehinderte beschreiben. ARD und ZDF übertragen die WM mit diesem Service. SRF bietet ihn nur bei Super-League-Spielen an. «Dank der Audio-Option habe auch ich was vom Spiel», sagt Ruth Häuptli.

Der Kommentator agiert als Übersetzer des Spiels, muss das, was er sieht, in Worte übersetzen. «Wir brauchen eine exakte Deskription, damit wir die Tore oder Schüsse genauso mitbekommen wie alle anderen – damit wir ein Teil des Matches sind», sagt Ruth Häuptli.

Die Spannung liegt in der Stimme

Vor einem Fernseher zu sitzen und den Match nur zu hören, ist ein neues Gefühl. Man ist von der eigenen Vorstellungskraft abhängig. Dass die Kommentatoren pausenlos erzählen, was passiert, ist zuerst gewöhnungsbedürftig. «Rakitić rennt auf der rechten Seite an Trippier vorbei – der schon ziemlich müde aussieht – und passt den Ball dann zu dem blonden Vida, der von Lingard bedrängt wird. – Kurzer Schwenker zu den kroatischen Fans, die schon einen Pokal in der Hand halten und laut mitjubeln.» Die Kommentatoren lassen kein Detail aus. «Das Wichtigste sind die drei W-Fragen: Wer, wo und wie», erklärt Ruth Häuptli, während sie den Match schaut. Diese Fragen müssen konstant beantwortet werden, damit der Zuhörer den Faden nicht verliert. Die Kommentatoren vermitteln die Spannung mit ihrer Stimme und fesseln den Zuschauer. Da diese Leistung grosse Konzentration fordert, wechseln sich die Kommentatoren alle fünf Minuten ab.

Shaqiri, das «Büseli»

Der Fussball ist in Häuptlis Wohnung präsent: eine World-Cup-Fussmatte sowie im Wohnzimmer neben vielen Teddybären eine Babypuppe mit einem Shaqiri-Trikot. «Das ist das Trikot von meinem Lieblingsspieler, dem ‹Büseli›», sagt Häuptli. Das Kosewort ‹Büseli› komme daher, dass der Fussballer sie an ihre Katze Shakira erinnere.

Die Sehfähigkeit der 76-Jährigen beträgt seit Geburt nur 0,06. Sie sieht Farben, Formen und kann Gesten erkennen, mehr nicht. Für den Fussball reicht es: Häuptli kann die Trikots der Mannschaften auseinanderhalten und den Ball verfolgen. Aber nur, wenn sie nah genug am TV sitzt. «Früher sagte man mir immer, dass das schädlich sei. Quatsch!», sagt Häuptli und fiebert mit. «Ich bin für England, die Kroaten haben kein Brot», sagt Häuptli euphorisch.

Aufgewachsen ist Ruth Häuptli in Fribourg, wo sie zur Sonderschule ging. «Damals wurde ich als Blinde erzogen, dabei bin ich sehbehindert», erklärt Häuptli. Über 25 Augenoperationen habe sie sich schon unterzogen, aber besser wurde es nicht. Das sei aber in Ordnung so: «Ich habe gar keine Zeit, um traurig zu sein», sagt Häuptli. Sie ist nicht nur Präsidentin einer Organisation für Blinde, sondern reist auch gerne um die Welt. Ihr Ausgleich ist der Fussball.

Ihre Liebe zu dem populären Ballsport kommt aus der Familie. «Es ist angeboren», sagt die gebürtige Italienerin. Ihr Vater war Schiedsrichter, und ihre Geschwister sind grosse FC-Aarau-Fans. Mit ihrem Mann, dem Neffen des ehemaligen Young-Boys-Spielers Otto Häuptli, teilte sie fünfzig Jahre lang ihre Leidenschaft. Bis zu seinem Tod vor drei Jahren. «Früher waren wir mindestens einmal in der Woche im Stadion. Ohne meinen Mann ist es schwer, es gibt keinen richtigen Austausch mehr», sagt Häuptli. Wenn sie aber zu einem Match gehe, dann fühle sie, wie ihr Mann präsent ist. «Er ist glücklich, dass ich die Liebe zum Fussball immer noch pflege – das weiss ich», sagt die 76-Jährige.

Heute endet das Spiel nicht nach ihrem Geschmack. Der Kommentator schreit: «Mandžukić jubelt wild mit seinen Teamkollegen und schmeisst dabei doch glatt einen Fotografen um. Alle lachen, und Mandžukić hilft ihm auf. Dann noch eine Überraschung: der vor Freude weinende Vida küsst den Fotografen auf die Wange.» Der Abend hört auf, wie er angefangen hatte: mit vielen Worten.