Krawalle, Demonstranten, Polizei, Tränengas und Waserwerfer – das sind die ersten Bilder, die in der Erinnerung aufsteigen, wenn es um «1968» geht. Die Bilder müssen dann schnell «vertextet» werden. Denn man weiss inzwischen und zur Genüge: 1968 – da war nicht nur Krawall und Protest.

Wenn diese Konkretisierung der Erinnerung vonstattengeht, macht sich allerdings schnell Irritation breit. Bei früheren Jubiläen (25 Jahre, 40 Jahre «1968») war man noch schnell mit Schlagworten zur Hand. Jugendprotest gegen das «Establishment», das Aufbrechen verkrusteter Gesellschaftsstrukturen, sexuelle und andere Befreiung.

Man redete von «Revolution», aber es war mehr Romantik als Tat. Denn es war vor allem die studentische Jugend, welche revoltierte. Sie wollte sich nicht an den Universitäten «fürs System» zurechtbiegen lassen, sondern forderte ein Studium, das zur Kritik an den herrschenden Zuständen fähig machte. Demokratie und Selbstbestimmung auch in den Studiengängen und an den Instituten.

Das war Berkeley, Harvard, Berlin, Paris, Frankfurt a. M. und Zürich und an vielen anderen Orten. Es gab Teach-ins, Sit-ins und andere Formen des Protests. Provokationen, sogenannte «gezielte Regelverletzungen», sollten zu Veränderungen führen. Die Reaktionen der Ordnungsmacht waren nicht immer verhältnismässig und führten zu einer Spirale der Gewalt.

Dies bestätigte die Aufbegehrenden darin, wie autoritär das System in der Tat sei. Warum reagierte der Staat so rabiat? In den USA wurde der Revolte das Etikett des «Kommunismus» angehängt. In Deutschland ging es darum, «Weimarer Zustände» von Chaos und Anarchie zu verhindern. Kurz gesagt: «1968» ist diffus geworden, weniger gut fassbar.

1918 – 1968 – 2018

Es hilft, «1968» nicht als einmaliges Ereignis zu sehen. Es beginnt weit früher, als es wahrgenommen wurde. Und es gibt eine Kontinuität. 1968 ist eine Brücke von 1918 zu heute.

Die moderne Geschichte unter der Chiffre der «Revolution» zu betrachten, bietet sich an. Es beginnt in den 1770er-Jahren in den USA, setzt sich fort in Europa 1798, 1830 und 1848. Dann nimmt die sozialistische Bewegung (nicht nur Marx/Engels) die Revolution für sich in Anspruch. Die Geschichte schreitet fort in Revolutionen. Marx/Engels haben das Problem nur etwas umformuliert.

Dass die Geschichte eine Richtung hat, war Gemeingut des 19. Jahrhunderts. Der «wissenschaftliche Sozialismus» setzte nicht auf zufällige Einzelne, welche zur Tat schritten, sondern sah in der Entwicklung der Technik den Motor, der die Umwandlung der Gesellschaft trieb. Das Konzept war verlockend. Dass es bei Wissenschaft und Technik «Fortschritt» gab, bezweifelte niemand. Also musste sich auch die Gesellschaft in Richtung «Fortschritt» bewegen.

1918 – die Revolution der Not

Was Marx/Engels und viele andere Ende des 19. Jahrhunderts beschäftigte, war «die soziale Frage». Unter dem wenig reisserischen Titel verbarg sich der Umstand, dass soziale Ungleichheiten grassierten und weite Schichten der Bevölkerung verarmten. Der Erste Weltkrieg verschärfte diese Spannungen. In Russland wurden sie unerträglich.

Und den meisten Russen ging auch auf, wie inkompetent und dumm die Zarenregierung agierte. Das Zarenregime dankte ab. Die provisorische Regierung wusste nichts Gescheiteres, als eine grosse Offensive zu starten. Das war zu viel. Die Zeit war reif für Lenin und seine bolschewistische Revolution.

Marx und Engels hinterliessen ein interpretationsbedürftiges Werk. Es versprach Praxis statt Theorie. Aber in der Umsetzung offenbarte es zwei wichtige «blinde Flecke»: Ziel und Zeitpunkt der Revolution. Dass die Revolution vom Proletariat ausgehen würde, war sicher. Schliesslich hatte es «nichts zu verlieren». Aber wann der «revolutionäre Zeitpunkt» gegeben sei und wohin sie führen sollte, das sagten sie nicht.

1918: In der Not griffen die Arbeiter nach dem Ersten Weltkrieg zur Waffe. Die Revolution fand aber nicht nur in Deutschland statt.

1918: In der Not griffen die Arbeiter nach dem Ersten Weltkrieg zur Waffe. Die Revolution fand aber nicht nur in Deutschland statt.

Lenins Revolution, aber auch die Ereignisse vom November 1918 in Deutschland, waren Revolten der Not. Besonders in Russland, wo die Bevölkerung alles lieber wollte – auch den Bürgerkrieg – als die Rückkehr zum Zarenregime. Sie musste unsägliche Gewaltexzesse erdulden. In Deutschland fürchtete man deshalb, auch unter den Linken, nichts mehr als «russische Zustände».

Auch in Deutschland war die Monarchie weg, die Menschen waren durchaus empfänglich für «Demokratie». Sie fürchteten sich nur vor Anarchie. Die Räte-Regimes hatten durchaus ihre Chance, aber sie waren nicht fähig, diesem Problem mit einer konsistenten Politik zu begegnen. Im Klartext: Gewalt breitete sich aus.

In den Verlierermächten des Ersten Weltkriegs wurden «Untertanen» über Nacht zu «Bürgern». Der Krieg und die Zeit unmittelbar danach führten zu einer heute fast nicht vorstellbaren Verrohung der Leute. Dann kamen Depression und Faschismus. Keine guten Zeiten für Lehrlinge in Sachen Demokratie.

1968 – Revolution des Sinns

1918 waren «Diktatur des Proletariats» oder «Sozialismus» wenig fassbare Begriffe. In welchen politischen und sozialen Formen dies konkretisiert werden sollte, war völlig unklar. Nur: Was sollte man den Leuten, die auf die Strasse gingen, sonst sagen?

Sie hatten einen Anlass dazu, aber unklar war, was geschehen sollte. Die Revolution fand nicht statt. Es gab dafür in den meisten Ländern – sogar Lenins NEP in Russland kann man so deuten – bald soziale Reformen. In der Schweiz auch: Proporzwahl und ein arbeiterfreundlicheres Arbeitsrecht.

An der marxistischen Begrifflichkeit litt auch die 1968er-Revolution. Es gab die «neue Linke», die sich fragte, ob jetzt ein «revolutionärer Moment» da sei. Und sie ging auf die Suche nach dem «revolutionären Subjekt», weil die Arbeiterschaft in der Wohlstandsgesellschaft angekommen war. Der Kommunismus war zum «Gespenst» geworden, das jenseits des Eisernen Vorhangs noch herumspukte.

1967 Hippie-Hochzeit im Bois de Boulogne: Die Jugend träumte von einer friedlichen Veränderung «des Systems».

1967 Hippie-Hochzeit im Bois de Boulogne: Die Jugend träumte von einer friedlichen Veränderung «des Systems».

Als Kandidat entdeckte man die Völker der Dritten Welt, die sich gegen den Kolonialismus wehrten. Entscheidend war, dass man den Krieg in Vietnam, den die USA offiziell gegen das Vordringen des Kommunismus führten, als Befreiungskampf des vietnamesischen Volkes uminterpretieren konnte. Che Guevara forderte «zwei, drei, viele Vietnam» und «Ho, Ho, Ho Chi Minh» wurde zum 1968er-Schlachtruf.

Was nicht gelang, war die Integration der jungen Generation. Natürlich wollte man den Verfolgten und Unterdrückten helfen. Aber wie? Die Jugend sah die kapitalistische Gesellschaft so: Das Wirkliche ist nicht das Mögliche. Die antiautoritäre Bewegung forderte die Deutungsvorherrschaft der älteren Generation heraus.

Träume von Sozialutopien waren wieder erlaubt. Kreativität, Spontaneität und die sogenannte «Erweiterung des Bewusstseins» waren allerdings nicht das, was stramme Linke brauchten. Pop und Politik – die zwei Linien vermischten und überschnitten sich. Nicht zum Vorteil der Politik – vorerst.

Was blieb – und nicht immer zu Recht schon gefeiert wurde –, war die Bewegung zum Individualismus, zum Recht auf Selbstverwirklichung. Die Jugendkultur bekam ihren Stellenwert. Aber Pop befeuerte auch den Konsum.

2018 – Revolution des Zurück

Und jetzt scheinen wir wieder an einen kritischen Punkt geraten zu sein. Die Ideen von 1968 abschaffen – das fordert eine Bewegung, die eine «konservative Revolution» will. Aber viel mehr als die Beschwörung von «Werten» (die Familie!) oder Sekundärtugenden wie Fleiss und Pflichtbewusstsein ist da nicht.

Man ist unzufrieden (mit der CDU und den gleich gelagerten Parteien), sie hätten ihre konservative Wählerschaft verloren. Man verharrt im Trotz, sieht den Staat als Feind und träumt von der Rückkehr zu Zeiten, die es nie gegeben hat. Das scheint noch romantischer als die Revolutionsromantik der 1968er. Und ebenso irreal – oder surreal.